Beirut: „Listening Bars“ – Widerstandsfähigkeit, Erinnerung und akustischer Zufluchtsort

Beirut: „Listening Bars“ – Widerstandsfähigkeit, Erinnerung und akustischer Zufluchtsort

Von Rafi Mercer

Beirut ist eine Stadt, in der Klänge Gewicht haben. Das Mittelmeer rauscht gegen die Felsen der Corniche, Autohupen erfüllen die Straßen von Hamra, und Kirchenglocken vermischen sich mit dem Gebetsruf. Auch der Krieg hat seine Spuren hinterlassen – Stille, wo einst Musik erklang, Lieder, die zu Symbolen des Überlebens wurden. Doch Beirut hat sich immer wieder aufgebaut, und zwar stets durch Kultur. Sein Nachtleben ist legendär, nicht um zu vergessen, sondern um Präsenz zu bekräftigen. In diesem Kontext erweisen sich „Listening Bars“ als Zufluchtsorte: intime Räume, in denen Schallplatten wie Erinnerungen drehen, in denen Klangtreue sowohl Konzentration als auch Zuflucht bietet.

Die Wurzeln liegen im musikalischen Goldenen Zeitalter des Libanon. In den 1960er- und 1970er-Jahren war Beirut das kulturelle Zentrum der Region: Fairuz, die Kompositionen der Rahbanis, Ziad Rahbanis jazzige Experimente. Die damals gepressten Schallplatten fanden weite Verbreitung und sind seitdem zu einer Quelle für DJs und Sammler geworden. Selbst während des Konflikts bewahrten Plattenläden wie Music Hall und in jüngerer Zeit Fading Frontier Records ihre Bestände auf. Daneben prägte Beiruts Ruf als Stadt des Nachtlebens – von Underground-Clubs wie dem BO18 bis hin zu Dachterrassenbars mit Blick auf das Meer – ein Publikum, das bereits ein Gespür für Musik hatte.

Zu den bemerkenswerten, auf das Hörerlebnis ausgerichteten Orten gehört das „Anise“, eine kleine Bar in Mar Mikhael, die für ihre gemütlichen Vinyl-Sessions bekannt ist, bei denen mediterrane Aperitifs und Jazzplatten aufeinandertreffen. Das „Onomatopoeia“, ein Musikzentrum und Café, verwandelt sich oft in einen Hörraum und veranstaltet kuratierte Abende quer durch alle Genres. Auch in Gemmayzeh und Hamra finden sich informelle Hi-Fi-Ecken, manchmal in Restaurants oder Wohnungen, die gleichzeitig als Bars dienen – improvisiert, aber durchaus bewusst gestaltet.

Was die „Listening Bars“ in Beirut auszeichnet, sind ihre Beständigkeit und ihre intime Atmosphäre. Die Anlagen mögen bescheiden sein – Technics-Plattenspieler, Röhrenverstärker, Vintage-Lautsprecher –, doch die Pflege ist akribisch. Die Räume sind klein, oft bei Kerzenschein beleuchtet, mit Kunst und Büchern geschmückt; ihre Atmosphäre erinnert eher an einen Salon als an einen Nachtclub. Die Gäste unterhalten sich, lachen, diskutieren, doch wenn eine Schallplatte läuft – ein Fairuz-Klassiker, ein Coltrane-Stück, ein tiefgehender äthiopischer Groove –, kehrt im Raum Stille ein.

Die Zusammenstellung spiegelt die Vielschichtigkeit Beiruts wider. Arabischer Jazz, levantinische Volksmusik und libanesischer Pop aus der Blütezeit stehen Seite an Seite mit Funk, Afrobeat und europäischer Elektronik. Die Soundtracks sind ein Dialog zwischen Ost und West, zwischen Nostalgie und Experimentierfreude, zwischen Überleben und Erneuerung.

Weltweit spielt Beirut eine wichtige Rolle, weil es zeigt, wie sich die „Listening Bar“ in widerstandsfähigen Städten etabliert. Dabei handelt es sich nicht um Luxusprojekte, sondern um kulturelle Ankerpunkte: Orte, an denen Authentizität für Klarheit sorgt und Zuhören zu gemeinschaftlicher Fürsorge wird.

Sitzt man an einem schwülen Abend im „Anise“, mit einem Arak in der Hand, während ein Stück von Ziad Rahbani in ein Stück des Bill-Evans-Trios übergeht, dann versteht man die Stimme Beiruts. Hier zuzuhören ist keine Flucht, sondern Beharrlichkeit – Klang als Überleben, Erinnerung und Intimität.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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