Casablanca: Listening Bars – Rhythmen aus dem Maghreb und moderne Klangtreue

Casablanca: Listening Bars – Rhythmen aus dem Maghreb und moderne Klangtreue

Von Rafi Mercer

Casablanca ist eine Stadt der Kontraste: Kolonialboulevards neben Souks, eine Brise vom Atlantik, die sich mit Autohupen vermischt, Moscheen, die Art-déco-Kinos überragen. Auch ihr Soundtrack ist vielschichtig – Chaâbi-Lieder, die aus den Cafés dringen, Rai- und Gnawa-Rhythmen, die durch die Innenhöfe hallen, elektronische Beats, die in den Clubs bis zum Morgengrauen pulsieren. Diese Mischung aus Tradition und Moderne bietet fruchtbaren Boden für die „Listening Bars“: intime Rückzugsorte, an denen Marokkos musikalisches Erbe auf die globale Vinylkultur und Hi-Fi-Präzision trifft.

Die Wurzeln liegen in Marokkos langer Geschichte der Schallplattenproduktion. Casablanca war lange Zeit ein Zentrum für die Pressung und den Vertrieb von Schallplatten, von wo aus der gesamte Maghreb mit Platten versorgt wurde. Chaâbi, Gnawa und andalusische Traditionen wurden auf Vinyl festgehalten, später kamen Rai und marokkanischer Pop hinzu. Viele dieser Platten erlebten durch internationale DJs eine Renaissance, was auch vor Ort neues Interesse weckte. Plattenläden wie „La Source du Son“ und Sammler in der ganzen Stadt haben die Archive bewahrt und dafür gesorgt, dass Vinyl nach wie vor fester Bestandteil des Stadtbildes von Casablanca ist.

Zu den bemerkenswerten Orten zählt „La Parallèle“, eine Hi-Fi-Café-Bar, in der Design, natürliche Getränke und Vinyl das Herzstück des Nachtlebens bilden. Die Playlists wechseln fließend zwischen marokkanischen Klassikern und internationalen Klängen. Das „Le Cabestan“ mit Blick auf den Atlantik veranstaltet kuratierte Vinyl-Sessions, während Underground-Locations in den Stadtvierteln Maarif und Gauthier mit Soundsystemen und einer eklektischen Programmgestaltung experimentieren. Oft handelt es sich dabei um hybride Orte – teils Galerie, teils Bar, teils Salon –, die den kosmopolitischen Geist Casablancas widerspiegeln.

Was die „Listening Bars“ in Casablanca auszeichnet, ist ihre Verschmelzung von maghrebinischen Wurzeln und kosmopolitischer Energie. Die Innenausstattung ist gemütlich, aber stilvoll gestaltet: gemusterte Fliesen, Holztheken, stimmungsvolle Beleuchtung. Die Soundsysteme setzen auf Vintage-Lautsprecher und moderne Verstärker und erzeugen so eine Klangtiefe, die sowohl den Polyrhythmen der Gnawa als auch Coltranes modalen Experimenten gerecht wird. Die Gäste genießen Minztee, Wein oder Cocktails, während lebhafte Gespräche geführt werden, ohne dabei die Musik zu übertönen.

Die Zusammenstellung spiegelt die vielschichtige Identität Casablancas wider. Chaâbi und Gnawa stehen Seite an Seite mit Rai, Afrobeat, brasilianischen Grooves und europäischer Elektronik. Das Ergebnis ist weniger Eklektizismus als vielmehr ein Dialog: Marokkos Traditionen im Austausch mit der Welt.

Weltweit ist Casablanca von Bedeutung, weil es zeigt, wie die „Listening Bar“ an den kulturellen Schnittstellen Nordafrikas floriert. So wie Istanbul das Imperium und die Hybridität verkörpert, verkörpert Casablanca den Maghreb: eine Stadt, in der Treue zu einer weiteren Möglichkeit wird, sich zwischen Tradition und Moderne zurechtzufinden.

Sitzt man an einem Abend am Atlantik im „La Parallèle“, das Teeglas dampft, während ein Stück von Nass El Ghiwane in einen Titel von Sun Ra übergeht, spürt man, was Casablanca dazu beiträgt. Hier Musik zu hören ist keine Flucht. Es ist Übersetzung – Musik als Begegnung der Welten.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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