Istanbul: „Listening Bars“ – Schnittstelle von Klang und klanglichen Ritualen
Von Rafi Mercer
Istanbul ist eine Stadt der Vielschichtigkeit, ein ständiger Kontrapunkt aus Geschichten und Stimmen. Der Gebetsruf schwebt über den Bosporus, Fährhupen ertönen durch den Nebel, Straßenverkäufer übertönen das Brummen des Verkehrs, und Musik – türkische Klassik, Arabesque, anatolischer Rock, Techno – strömt aus jedem Viertel. Zwischen Europa und Asien, Ost und West, war Istanbul schon immer eine Stadt des Zuhörens. Der Aufstieg der „Listening Bars“ hier wirkt weniger wie ein Import als vielmehr wie eine natürliche Entwicklung: eine weitere Art und Weise, wie die Stadt ihre Vielfältigkeit hörbar macht.
Die Wurzeln liegen in der Plattenkultur der Türkei. Ab den 1960er Jahren war die Schallplatte das Medium des anatolischen Rocks, des Folk-Revivals und der Arabesque-Balladen. Labels wie Türküola veröffentlichten Musik, die mit Wanderarbeitern nach Deutschland gelangte und so die Archive der Diaspora bereicherte, die später von DJs weltweit wiederentdeckt wurden. Plattenläden wie Deform Müzik und Kontra Plak haben diese Tradition fortgeführt und dafür gesorgt, dass Istanbul seine Verbindung zur Schallplatte nie verloren hat.
Zu den bemerkenswerten Hörräumen der Stadt gehört das „Arkaoda“ in Kadıköy, ein kulturelles Zentrum, in dem die DJs fließend zwischen türkischem Psych, Jazz und elektronischer Musik wechseln. Das „Karga“ mit seinen mehrstöckigen Räumlichkeiten veranstaltet Vinyl-Sessions in gemütlichen Räumen im Obergeschoss. Das „Nayah“ ist zwar im Reggae und Dub verwurzelt, teilt aber dieselbe Philosophie der Klangtreue und Konzentration. In jüngerer Zeit haben designorientierte Bars in Karaköy und Galata begonnen, Hi-Fi-Anlagen zu integrieren, was darauf hindeutet, dass sich die Hörkultur über die gesamte soziale Landschaft der Stadt ausbreitet.
Was die „Listening Bars“ in Istanbul auszeichnet, ist ihr Sinn für Rituale und ihre Vielschichtigkeit. Die Räumlichkeiten sind eklektisch gestaltet – unverputzte Ziegelwände, osmanische Relikte, zusammengewürfelte Möbel –, doch die Soundsysteme sind erstklassig: Röhrenverstärker, Vintage-Lautsprecher, sorgfältig ausgewählte Schallplatten. Die Gäste trinken Rakı oder Craft-Bier, Gespräche fließen, doch wenn ein Titel an Fahrt gewinnt – eine Hymne von Selda Bağcan, ein Stück von Miles Davis –, wird es im Raum still. Bei diesem Erlebnis geht es weniger um Stille als vielmehr um kollektive Konzentration.
Die Musikauswahl spiegelt die Identität der Stadt als Schnittstelle wider. Anatolischer Rock und türkische Volksmusik wechseln sich ab mit Afrobeat, Dub und Berliner Techno. Der Mix ist kein Eklektizismus um seiner selbst willen, sondern ein Spiegelbild Istanbuls selbst: vielschichtig, hybrid und in ständigem Dialog mit der Welt.
Weltweit spielt Istanbul eine wichtige Rolle, weil es zeigt, wie die „Listening Bar“ an kulturellen Schnittstellen gedeiht. So wie Lissabon den Atlantik und Mexiko-Stadt die Hybridität verkörpert, so verkörpert Istanbul die Geschichte – Reiche, Migrationen, Revolutionen – in intimen Klangräumen. Diese Bars sind keine Zufluchtsorte vor der Stadt, sondern Mikrokosmen derselben.
Wenn man spät in der Nacht im „Arkaoda“ sitzt, ein Rakı-Glas in der Hand, während eine Platte von Barış Manço in einen Sun-Ra-Groove übergeht, versteht man, worin Istanbuls Beitrag besteht. Beim Zuhören geht es hier nicht nur um Klangtreue. Es geht darum, Geschichte hörbar zu machen, sie in Klängen zu ritualisieren.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.