Marrakesch: „Listening Bars“ – Wüstenatmosphäre und Klangritual

Marrakesch: „Listening Bars“ – Wüstenatmosphäre und Klangritual

Von Rafi Mercer

Marrakesch ist eine Stadt voller Klänge. Der Gebetsruf hallt von den Terrakotta-Wänden wider, die Flöten der Schlangenbeschwörer schlängeln sich durch den Jemaa el-Fnaa, und der gleichmäßige Puls der Gnawa-Rhythmen dringt bis tief in die Nacht hinein aus den Innenhöfen. Klang ist hier untrennbar mit Ritual und Ort verbunden – Musik nicht als Hintergrund, sondern als Beschwörung. Vor diesem Hintergrund haben die „Listening Bars“ in Marrakesch eine besondere Bedeutung: Sie verwandeln Klangtreue in eine Art ritualisierte Konzentration und setzen Marokkos musikalisches Erbe in intimen, designorientierten Räumen neu in Szene.

Die Wurzeln liegen in den Gnawa- und Volkstraditionen, die seit Jahrhunderten durch Trance-Zeremonien und Zusammenkünfte weitergegeben werden. Im 20. Jahrhundert bewahrte Marokkos Vinylkultur diese Klänge, indem sie Chaâbi-, Gnawa- und andalusische Platten presste, die später von DJs aus aller Welt wiederentdeckt wurden. Marrakesch, seit jeher ein Anziehungspunkt für Reisende und Künstler – von Paul Bowles bis zu den Rolling Stones –, wurde zu einem Treffpunkt für Musik und Experimentierfreude. Plattenstände in den Souks und Kulturzentren hielten die Tradition am Leben und ebneten den Weg für Hi-Fi-Räume.

Zu den aufstrebenden Veranstaltungsorten gehört das „Kabana“, eine Dachterrassenbar, deren kuratierte Vinyl-Nächte unter dem Wüstenhimmel marokkanische und internationale Schallplattenarchive zusammenbringen. Das „Le Comptoir Darna“, das zwar für seine Küche und seine Darbietungen bekannt ist, hat bereits Hörveranstaltungen veranstaltet, bei denen marokkanische Schallplatten im Mittelpunkt standen. Auch Boutique-Riads in der Medina beginnen zunehmend, Hi-Fi-Lounges zu integrieren und bieten ihren Gästen neben kulinarischen Genüssen und architektonischen Eindrücken kuratierte Klangerlebnisse.

Was die „Listening Bars“ in Marrakesch auszeichnet, ist ihre Atmosphäre, die von Ritualen und Landschaften geprägt ist. Die Inneneinrichtung verbindet marokkanisches Kunsthandwerk – Zellige-Fliesen, geschnitztes Holz, gewebte Textilien – mit modernen Soundsystemen: Vintage-JBL-Hörner, Röhrenverstärker, sorgfältig ausgewählte Schallplatten. Der Effekt ist ein immersives, einhüllendes Erlebnis, das sowohl lokal als auch global ist. Die Gäste nippen an Minztee, marokkanischem Wein oder Cocktails, während lebhafte Gespräche stattfinden, die sich jedoch der Musik unterordnen.

Die Zusammenstellung spiegelt die Weite der Wüste wider. Gnawa und Chaâbi reihen sich neben Afrobeat, Jazz aus dem Nahen Osten, brasilianischen Platten und elektronischem Ambient ein. Die Playlists sind gemächlich, weitläufig und oft filmisch – ganz im Einklang mit dem eigenen Rhythmus Marrakeschs: zeitlos, vielschichtig, nachhallend.

Weltweit spielt Marrakesch eine wichtige Rolle, weil es zeigt, wie sich die „Listening Bar“ an rituelle Städte anpasst, die von Kulturerbe und Atmosphäre geprägt sind. So wie Kyoto Meditation und Lissabon Geselligkeit verkörpert, verkörpert Marrakesch Trance und Landschaft. Hier ist Authentizität nicht klinisch, sondern spirituell – Klang als Präsenz, Raum als Ritual.

Sitzt man in der Abenddämmerung in der Kabana, während der Minztee dampft und eine Platte von Mahmoud Guinia in einen Ambient-Track von Brian Eno übergeht, versteht man, was Marrakesch zu bieten hat. Das Zuhören ist hier etwas Elementares: Ritual, Atmosphäre und Tradition, neu interpretiert für moderne Intimität.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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