Melbourne: „Listening Bars“ – die Wärme von Vinyl und der Stil der südlichen Hemisphäre
Von Rafi Mercer
Melbourne war schon immer stolz darauf, Australiens musikalischste Stadt zu sein. Von den Jazzclubs in den Gassen der 1950er Jahre bis hin zu den DIY-Proberäumen in Fitzroy und Collingwood – der Soundtrack der Stadt ist vielseitig und allgegenwärtig. Ihre Plattenläden – von traditionsreichen Kellerläden bis hin zu kleinen Vinyl-Boutiquen – sind ebenso kulturelle Wahrzeichen wie ihre Cafés. In den letzten Jahren hat diese Leidenschaft für Musikaufnahmen eine neue architektonische Form gefunden: die „Listening Bar“.
Die Geschichte hat ihren Ursprung in der Vinylkultur Melbournes. Die Stadt verfügt über eine der aktivsten Sammlergemeinschaften der südlichen Hemisphäre, in der lokale DJs und Musikauswähler Sammlungen pflegen, die in ihrer Tiefe denen Tokios oder Londons in nichts nachstehen. Diese Gemeinschaft war reif für Orte, an denen Vinyl in bester Qualität zu hören war – nicht nur in Clubs, sondern auch in intimen, speziell dafür konzipierten Räumen.
Vorreiter war Wax Museum Records, seit langem ein Anlaufpunkt für Sammler, das in seinem Laden und bei seinen Veranstaltungen den Grundstein für eine Kultur des Musikhörens legte. Von da an entstanden spezielle Bars. Das „Waxflower“ in Brunswick ist eine der bekanntesten: eine Naturweinbar, gepaart mit einer Hi-Fi-Anlage, die ein intensives Hörerlebnis bietet, und in der die Playlists ebenso sorgfältig zusammengestellt werden wie die Weine ausgeschenkt werden. Hope St Radio, ursprünglich ein Radiosender, entwickelte sich zu einem auf das Hörerlebnis ausgerichteten Ort, an dem Musik, Essen und Design nahtlos miteinander verschmelzen. Neuere Einrichtungen in Collingwood und Northcote setzen diesen Trend fort – Räume, in denen Gespräche, Essen und das Hören von Schallplatten gleichermaßen im Vordergrund stehen.
Was Melbournes „Listening Bars“ auszeichnet, sind Gemütlichkeit und Stil. Die Innenausstattung ist oft minimalistisch, aber gemütlich: Holz, sanftes Licht, modernes australisches Design. Die Soundsysteme sind erstklassig – japanische Lautsprecher, britische Verstärker, lokale Sonderanfertigungen –, doch die Atmosphäre ist ungezwungen. Die Gäste nippen an Naturwein, genießen kleine Häppchen und unterhalten sich ungezwungen. Stille wird nicht erzwungen, aber die Zuhörbereitschaft wird gefördert. Es ist eine Mischung aus Tokioter Klangtreue und Melbourner Gastfreundschaft.
Das Programm spiegelt die Balance zwischen Globalem und Lokalem wider, die diese Stadt auszeichnet. Ein Abend kann von australischen Jazz-Wiederveröffentlichungen zu Detroit House, von japanischem Ambient zu nigerianischem Funk führen. Die Programmgestalter hier sind oft in erster Linie DJs und erst in zweiter Linie Sammler, und die Bandbreite ihrer Sammlungen ist deutlich zu spüren. Für das Publikum wirkt das Ganze sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich – ernstzunehmender Sound ohne Allüren.
Weltweit spielen Melbournes „Listening Bars“ eine wichtige Rolle, da sie dieses Konzept in der südlichen Hemisphäre fest etablieren. Sie zeigen, dass dieses Modell nicht auf dicht besiedelte Metropolen beschränkt ist, sondern auch in Städten gedeihen kann, die sich ebenso sehr durch ihren Lebensstil wie durch ihre Größe auszeichnen. In Melbourne wird die „Listening Bar“ Teil eines umfassenderen kulturellen Gefüges: Gastronomie, Design, Bürgerradio und eine gemeinsame Wertschätzung für das Ritual des Schallplattenhörens.
Sitzt man an einem Freitagabend im „Waxflower“, ein Glas Wein aus Maischegärung in der Hand, während eine Sun-Ra-Platte in einen zeitgenössischen Melbourne-Soul-Track übergeht, spürt man, warum diese Stadt diese Form so sehr ins Herz geschlossen hat. Hier zuzuhören ist keine Flucht, sondern eine Erweiterung. Eine andere Art, zusammen zu sein, eine andere Art, die Stadt selbst zu hören.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.