Prag: Hörbars – Böhmische Echos und intime Treue

Prag: Hörbars – Böhmische Echos und intime Treue

Von Rafi Mercer

Prag ist eine Stadt der Echos. Die Moldau fließt unter Steinbrücken hindurch, Kirchenglocken läuten die Stunde ein, und die Stimmen aus Cafés und Bierhallen dringen in die engen Gassen. Es ist eine Stadt, in der man die Geschichte ebenso hören wie sehen kann: barocke Konzertsäle, Jazzkeller, die Krieg und Besatzung überstanden haben, Underground-Clubs, die durch Musik den Widerstand weitertrugen. In den letzten Jahren haben sich diese Traditionen zu einer neuen Form vereint: der „Listening Bar“. Kleine, intime Räume, in denen Prags böhmischer Geist auf die globale Audiophilen-Bewegung trifft.

Die Wurzeln liegen im Jazz und in der Underground-Kultur. Seit den 1950er Jahren hat Prag den Jazz sowohl als künstlerischen Ausdruck als auch als stille Form des Widerstands gefördert. Clubs wie der Reduta Jazz Club wurden legendär, während Sammler Schallplatten als Schmuggelware und Schatz hüteten. Nach 1989 blühte die elektronische Kultur auf, und Raves in verlassenen Fabrikhallen prägten eine neue Generation, die ein Gespür für Soundsysteme entwickelte. Vor diesem Hintergrund steht die „Listening Bar“ sowohl für Kontinuität als auch für Weiterentwicklung.

Zu den bemerkenswertesten gehört die AnonymouS Bar, die in einem gedämpften, theatralischen Ambiente Craft-Cocktails mit kuratierten Vinyl-Abenden verbindet. Die Vinyl Bar Prague, versteckt in Žižkov, verfolgt einen eher puristischen Ansatz: Regale voller Schallplatten, eine warm leuchtende Hi-Fi-Anlage, gedämpfte Gespräche, während sich die Titel entfalten. Die Groove Bar ist zwar breiter aufgestellt, veranstaltet jedoch Abende, bei denen das Hörerlebnis im Vordergrund steht und Funk, Jazz und elektronische Musik sorgfältig miteinander verwoben werden. Überall in der Stadt erweitern Pop-ups und Kooperationen mit Plattenläden dieses Konzept und kombinieren oft Naturwein mit intimer Musik.

Was die Prager „Listening Bars“ auszeichnet, ist ihr böhmischer Charakter. Die Räume sind stimmungsvoll: Gewölbedecken, Kerzenlicht, eklektische Möbel und Soundsysteme, die fast wie Instrumente im Raum wirken. Die Klangtreue ist erstklassig – Röhrenverstärker, Vintage-Lautsprecher, japanische Plattenspieler –, doch die Atmosphäre ist eher romantisch als streng. Dies sind Orte, an denen man verweilen, sich unterhalten, etwas trinken und die Musik auf sich wirken lassen kann, ohne dass absolute Stille verlangt wird.

Das Programm spiegelt die vielschichtige Identität Prags wider. Tschechischer Jazz und Underground-Rock stehen neben internationalen Klassikern, wobei die Programmgestalter keine Scheu haben, von Komeda zu Kraftwerk und von Coltrane zum Afrobeat zu wechseln. Der Ablauf wirkt literarisch, ja sogar filmisch – ganz im Sinne einer Stadt wie Prag, der Heimat von Kafka und Hrabal, in der das Erzählerische eine wichtige Rolle spielt.

Auf globaler Ebene ist Prag von Bedeutung, weil es zeigt, wie die „Listening Bar“ in literarischen, historischen Städten Anklang findet. So wie Kyoto das Zuhören in Meditation verwandelt und Lissabon in geselligen Austausch, so verwandelt Prag es in eine Geschichte – einen Soundtrack für Abende, an denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen.

Sitzt man in einem gewölbten Keller, ein Pilsner in der Hand, während ein Bill-Evans-Trio in tschechische Psychedelia übergeht, versteht man die Stimme Prags. Hier zuzuhören ist keine Flucht. Es ist Atmosphäre – Geschichte, Klang und Gespräche, die zu einem Ganzen verschmelzen.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.


Zurück zu den Geschichten

Keine Playlist.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

JETZT MITMACHEN