Die „Listening Bars“ von St. Louis – Blues, Ragtime und der Fluss, der die amerikanische Musik mit sich trug – „Tracks & Tales“-Reiseführer

Die „Listening Bars“ von St. Louis – Blues, Ragtime und der Fluss, der die amerikanische Musik mit sich trug – „Tracks & Tales“-Reiseführer

St. Louis musste die amerikanische Musik nie erfinden. Es hat ihr beigebracht, wie man sich verbreitet.

Von Rafi Mercer

St. Louis ist eine jener Städte, in denen Musik und Geografie untrennbar miteinander verbunden sind. Hier beginnt alles mit dem Fluss. Seit mehr als einem Jahrhundert trug der Mississippi Klänge nach Norden – Ragtime aus den Saloons, Blues aus dem Delta, Jazz von den Flussschiffen, die am Deich anlegten –, und St. Louis war der Ort, an dem vieles davon Halt machte, sich wandelte und gestärkt weiterging, oft in Richtung Chicago, wo sich der Blues erneut wandelte. Musik war hier nie nur eine Touristenattraktion. Sie ist die älteste und beständigste Wirtschaftsform der Stadt.

Wenn man heute durch St. Louis spaziert, ist dieses Erbe überall spürbar, auch wenn es selten offen zur Schau gestellt wird. Jedes Viertel hat sein eigenes Tempo. Der Delmar Loop pulsiert mit Plattenläden und späten Auftritten. In der Cherokee Street zieren Wandmalereien die Fassaden der Geschäfte, wo immer etwas Kreatives im Entstehen ist. Soulard hält den Blues fest, so wie es das schon seit Generationen tut. Im Grand Center sind die Konzertsäle und Jazzlokale der Stadt auf wenigen, bequem zu Fuß zu erkundenden Häuserblocks versammelt. St. Louis belohnt diejenigen, die sich langsam genug bewegen, um zu bemerken, wie bewusst die Stadt ihre Kultur pflegt.

Nur wenige amerikanische Städte können auf ein so tiefes Wurzelwerk verweisen. Im Jahr 1914 veröffentlichte W.C. Handy „St. Louis Blues“ und schrieb die Stadt damit für immer in das amerikanische Songbuch ein. Vier Jahrzehnte später betrat ein junger Gitarrist aus St. Louis namens Chuck Berry die Chess Records und entwarf damit praktisch den Grundstein für den Rock ’n’ Roll. Auf der anderen Seite des Flusses, in East St. Louis, betrieb Ike Turner eine der wildesten Clubszene des Landes, in der eine junge Sängerin namens Tina zum ersten Mal vor ein Mikrofon trat. Albert King, Fontella Bass, Josephine Baker – die Liste ist für eine Stadt dieser Größe außergewöhnlich, und das National Blues Museum in der Innenstadt würdigt diese Tradition mit der Ernsthaftigkeit, die sie verdient.

Ragtime und Jazz bilden das andere große Kapitel. Scott Joplin schrieb einige seiner zeitlosesten Werke, während er in St. Louis lebte, und sein ehemaliges Haus am Delmar Boulevard steht noch heute als Museum. In der Ära der Flussschiffe traten Musiker aus New Orleans – darunter Louis Armstrong – auf den Ausflugsbooten auf, die nach Norden zum Kai von St. Louis dampften und den Jazz Deck für Deck flussaufwärts trugen. Miles Davis wuchs direkt auf der anderen Seite des Flusses in East St. Louis auf, und die Jazztradition der Region reicht ununterbrochen bis in die Gegenwart, getragen vom Programm des „Jazz St. Louis“ im Grand Center.

Dieses Bekenntnis zum Zuhören reicht weit über die Bühne hinaus. Die Vinyl-Kultur in St. Louis ist still und leise beeindruckend. „Vintage Vinyl“ am Delmar Loop ist seit Jahrzehnten ein Pilgerort – die Art von Laden, in dem ein Nachmittag wie im Flug vergeht, ohne dass man sich dafür entschuldigen müsste. „Euclid Records“ belohnt den geduldigen Stöberer. Gespräche über Musik entstehen hier ganz ungezwungen – bei einem Kaffee, über die Theke hinweg, zwischen den Sets –, ausgetauscht mit der ungezwungenen Begeisterung von Menschen, die davon ausgehen, dass es einem genauso am Herzen liegt wie ihnen.

Das Stadtbild spiegelt den Klang der Stadt wider. St. Louis ist eine Stadt aus rotem Backstein – Lagerhäuser, Reihenhäuser, ehemalige Brauereien –, die auf Langlebigkeit ausgelegt ist und in der Gebäude zunehmend umgenutzt statt ersetzt werden. Musiklokale haben sich in alten Industriehallen mit authentischer Akustik und echtem Charakter niedergelassen. Wandmalereien schmücken die Wände der Cherokee Street. Über all dem ragt der Gateway Arch empor, ein Denkmal des Aufbruchs in einer Stadt, die es schon immer besser verstanden hat, Menschen zum Bleiben zu bewegen.

Eine Kultur des Zuhörens passt ganz natürlich zu St. Louis, denn die Stadt weiß, was Geduld bedeutet. Großartige Alben offenbaren selten schon beim ersten Hören alles, genauso wie St. Louis sich selten schon beim ersten Besuch offenbart. Je mehr Zeit man hier verbringt, desto mehr Verbindungen kommen zum Vorschein. Ein Plattenladen führt zu einem anderen Stadtteil. Ein Gespräch führt in ein Hinterzimmer, wo jemand ein Album von Anfang bis Ende abspielt.

Wenn der Abend hereinbricht, findet die Stadt ihren Rhythmus. Aus den Bars von Soulard schwebt Blues herüber, so wie schon seit hundert Jahren. Im Grand Center beginnt ein Quartett seinen zweiten Set. Irgendwo auf der Cherokee Street legt ein Barkeeper die Nadel auf eine gemächliche Platte, und der Raum stimmt sich darauf ein. St. Louis inszeniert nachts seine Geschichte nicht. Es führt sie einfach fort.

Die Städte, in denen Musik am meisten geschätzt wird, haben verstanden, dass Musik mehr ist als nur Unterhaltung. Sie wird Teil dessen, wie ein Ort sich selbst erklärt – wo er herkommt, was er durchlebt hat, was er weitergegeben und was er bewahrt hat. St. Louis hat der amerikanischen Musik ihre Richtung vorgegeben.

Es ist eine Stadt, die vom Fluss zu hören gelernt hat und nie damit aufgehört hat.

Veranstaltungsorte, die man kennen sollte

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Ganz gleich, ob Sie auf der Suche nach Blues, Jazz, Schallplatten oder einfach nur nach einer besseren Art sind, Musik zu erleben – St. Louis belohnt alle, die bereit sind, einen Gang herunterzuschalten und wirklich zuzuhören.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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