Toronto: „Listening Bars“ – multikulturelle Klänge und nordische Herzlichkeit

Toronto: „Listening Bars“ – multikulturelle Klänge und nordische Herzlichkeit

Von Rafi Mercer

Toronto ist eine Stadt der vielen Sprachen. Mehr als die Hälfte der Einwohner wurde außerhalb Kanadas geboren, und das spiegelt sich auch auf den Straßen wider: Reggae-Basslinien dringen aus dem Kensington Market, südasiatischer Pop dröhnt auf den Plätzen von Scarborough, Indie-Rock erklingt in den Lofts von Queen West, Hip-Hop in den Kellern der Vororte. Diese Vielstimmigkeit prägt seit langem den Charakter der Stadt. In den letzten Jahren hat sich eine ruhigere Strömung herausgebildet – die „Listening Bars“. Orte, die diese Vielfalt in Intimität verwandeln und Torontos globalen Sound in audiophiler Klangtreue einfangen.

Die Wurzeln liegen sowohl in der Plattenkultur als auch in der Gastfreundschaft. In Toronto gab es schon immer starke Plattenläden – Play De Record, Cosmos, Rotate This –, in denen DJs und Sammler Sammlungen aufbauten, die den Hip-Hop, House und die elektronische Musik weit über Kanadas Grenzen hinaus prägten. Außerdem hat die Stadt eine lange Tradition an gemütlichen Bars und Lounges, die oft von Einwanderern geführt werden und in denen Musik eine ebenso große Rolle spielte wie der Alkohol. Die „Listening Bar“ vereint diese Elemente: Vinyl, Gemeinschaft, Klangtreue.

Zu den Pionieren zählt „The Little Jerry“, eine kleine Hi-Fi-Bar, die nach einer „Seinfeld“-Folge benannt ist und in der Cocktails und ausgiebige Vinyl-Sessions gleichermaßen im Mittelpunkt stehen. „8-Track“ im Kensington Market folgt diesem Beispiel: Die Wände sind mit Schallplatten bedeckt, die Anlage ist auf Wärme und Tiefe abgestimmt. Zu „The Little Jerry“ und der „Hi-Lo Bar“ in Parkdale gesellen sich Lokale wie „Laylow“, eine Mischung aus Café und Bar mit einer erstklassigen Hi-Fi-Anlage, die gleichzeitig als Treffpunkt für die Nachbarschaft dient.

Was Torontos „Listening Bars“ auszeichnet, ist ihr multikulturelles Programm. Die DJs greifen hier auf Musik aus den Archiven der Diaspora zurück: Reggae und Dub, lateinamerikanische Rhythmen, südasiatische Klassik, Detroit-Techno, kanadischer Jazz. Ein Abend kann nahtlos von äthiopischem Jazz zu Toronto-Hip-Hop, von brasilianischem Funk zu Ambient-Elektronik übergehen. Das fühlt sich in einer Stadt, in der Vielfalt die Norm ist, ganz natürlich an.

Die Atmosphäre ist entscheidend. Die Winter in Toronto sind lang und streng, und Musikbars begegnen dem oft mit Wärme: niedrige Decken, gedämpftes Licht, Holzinterieurs, leuchtende Röhrenverstärker. Sie sind ebenso Zufluchtsorte wie Rückzugsorte, Orte, an denen Klangtreue sich wie Gastfreundschaft anfühlt. Die Gäste versammeln sich dort nicht in andächtiger Stille, sondern in geselliger Aufmerksamkeit – bei einem Bier, einem Cocktail, einer Schallplatte, einem Gespräch.

Weltweit liegt Torontos Beitrag darin, zu zeigen, wie die Kultur des Musikhörens in Einwandererstädten gedeiht. Während Tokio Präzision und New York Tradition bot, steht Toronto für Vielfalt. Diese Bars zeigen, dass das Musikhören genauso multikulturell sein kann wie die Stadt selbst – keine Einschränkung des Geschmacks, sondern eine Erweiterung desselben.

Setzen Sie sich an einem verschneiten Abend in einen dieser Räume, den Mantel noch feucht, einen Whisky in der Hand, während ein Reggae-Stück von Studio One in eine Coltrane-Ballade übergeht, und Sie werden Torontos Stimme verstehen. Hier geht es beim Zuhören um Verbundenheit – über Genres, Gemeinschaften und Jahreszeiten hinweg.

Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“ an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Hier anmelden.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

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