A Tribe Called Quest – The Anthology (1999)

A Tribe Called Quest – The Anthology (1999)

Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken wie Landkarten. „The Anthology“, das 1999 erschien, ist eines davon. Es handelt sich nicht um ein Studioalbum im engeren Sinne, sondern um eine Compilation, einen sorgfältig zusammengestellten Überblick über eine Gruppe, die den Hip-Hop mit Eleganz und Understatement neu geprägt hat. Für A Tribe Called Quest waren die Jahre 1990 bis 1996 eine Schaffensphase, die nur wenige erreichen konnten: fünf Alben, die die Tiefe von Jazz-Samples mit geistreichen, dialogartigen Reimen in Einklang brachten – ein Sound, der Rap zu etwas sowohl Intellektuellem als auch absolut Groove-orientiertem machte. „The Anthology“ vereint diese Momente in einem einzigen Hörerlebnis und wird dadurch zu mehr als nur einer „Best-of“-Zusammenstellung. Es wird zu einem Porträt des Stils.

Setz die Nadel auf oder drück auf „Play“, und schon geht es los mit „Check the Rhime“. Die Bläser setzen ein wie ein alter Freund, der ein Fenster öffnet, der Beat ist gemächlich, aber sicher, und Q-Tips Stimme – nasal, warm, präzise – sorgt für die richtige Stimmung. Dann kommt Phife Dawg, gesprächig, scharfsinnig, ein Gegengewicht zu Tips Geschmeidigkeit. Die Chemie stimmt sofort. Was Tribe so gut gelang, war, nicht über die Beats hinwegzuschreien, sondern in ihnen zu fließen, die Worte in Grooves tanzen zu lassen, die bereits tanzten.

Das Album enthält Titel aus den Alben „People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm“ (1990), „The Low End Theory“ (1991), „Midnight Marauders“ (1993), „Beats, Rhymes and Life“ (1996) und „The Love Movement“ (1998). Allein dieser Zeitraum ist atemberaubend: In weniger als einem Jahrzehnt haben sie einen Sound definiert, der sowohl verwurzelt als auch weitreichend war. Stücke wie „Bonita Applebum“ klingen immer noch verspielt und frisch, voller Wärme und Frechheit. „Jazz (We’ve Got)“ bleibt eine der deutlichsten Bekundungen ihrer Ästhetik – Hip-Hop, der sich auf aufrechte Basslinien, mit Besen gespielte Snares und Loops stützt, die mit Ehrfurcht und Flair aus dem Jazz-Kanon entlehnt wurden.

Die Anthologie unterstreicht zudem die Fähigkeit der Gruppe, Stimmung zu erzeugen. „Award Tour“ versprüht die Selbstsicherheit des Reisens, hymnisch und doch ungezwungen. „Scenario“ ist explosiv, die Energie dieses Posse-Cuts ist nach wie vor unübertroffen und erinnert daran, dass Tribe bei Bedarf auch richtig Feuer legen konnten. „Electric Relaxation“ ist Intimität, festgehalten auf Band – die Art von Track, die innerhalb weniger Takte die Stimmung im Raum verändern kann. „Can I Kick It?“ bleibt ihr bekanntester Moment: Lou Reeds Bassline aus „Walk on the Wild Side“ wird zu etwas Gemeinschaftlichem, zu einer Einladung und einem Fest.

Wenn man die Zusammenstellung der Reihe nach anhört, wirkt sie wie ein Jazz-Box-Set. Man hört nicht nur Hits, sondern auch Kontinuität: wie Ali Shaheed Muhammads Produktion Raum schuf, wie sich das Zusammenspiel von Tip und Phife im Laufe der Zeit verfeinerte, wie der Einfluss des Native-Tongues-Kollektivs in Form von Positivität und Witz durchschimmerte. Es ist nicht nur Nostalgie. Es ist ein klangliches Plädoyer dafür, wie Hip-Hop klingen könnte: musikalisch, kooperativ, im Groove verwurzelt.

Ob auf Vinyl oder CD – bei „The Anthology“ geht es auch um die Klangtextur. Die Basslinien, die oft von Ron Carter, Freddie Hubbard oder Weather Report gesampelt wurden, strahlen eine Wärme aus, die beim digitalen Streaming selten vollständig erhalten bleibt. Die Snares klingen trocken, fast wie perkussive Akzente. Und über all dem liegen die Stimmen ganz nah am Ohr, wie ein Gespräch über den Tisch hinweg. Für Bars, in denen Musik im Mittelpunkt steht, ist diese Intimität Gold wert. Legt man „Electric Relaxation“ in einem Raum auf, wirkt die Bar plötzlich kleiner, wärmer und verbundener. Spielt man später in der Nacht „Scenario“, spürt man, wie sich die Energie verdoppelt, ohne dass die Lautstärke ansteigt.

Was diese Platte in einem „Tracks & Tales“-Plattenregal unverzichtbar macht, ist ihre Funktion als Bindeglied zwischen verschiedenen Welten. Einerseits würdigt sie die Tradition des Jazz – diese Samples sind keine Dekoration, sondern bilden das Fundament. Andererseits zeigt sie Hip-Hop als soziale Musik, als einen Sound, der in Räumen aufblüht und Gemeinschaften schafft. Es ist keine Musik, die man einfach unter „Rap“ abheften sollte. Es ist Musik, die neben Miles Davis und Roy Ayers in einer Sammlung für tiefes Hören ihren Platz hat.

A Tribe Called Quest löste sich unter angespannten Umständen auf, und Phifes Tod im Jahr 2016 fügte dem Ganzen eine weitere Ebene des Verlusts hinzu. Dennoch besticht ihre Musik nach wie vor durch eine Vitalität, die man kaum als „retrospektiv“ bezeichnen möchte. Wenn man „The Anthology“ hört, hört man kein Museumsstück, sondern eine lebendige Verkörperung von Groove, Reim und Gemeinschaft. Deshalb gehört das Album in den Kanon und fügt sich perfekt in die Architektur einer Listening Bar ein.

Für alle unter uns, die Sammlungen aufbauen – zu Hause oder in Veranstaltungsorten –, ist diese Platte eine Erinnerung daran, dass Compilations genauso unverzichtbar sein können wie Originalalben. Sie bieten uns Überblick, Kontext und die Möglichkeit, eine ganze Ära in einem Einband zu vereinen. Und nur wenige Compilations haben eine Ära jemals so elegant eingefangen wie „The Anthology“.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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