All Melody – Nils Frahm (2018)

All Melody – Nils Frahm (2018)

Eine Kathedrale aus Schaltkreisen und Atem

Von Rafi Mercer

Der erste Klang wirkt fast schon architektonisch.

Kein Refrain. Kein Beat. Eine Pause.

Als Nils Frahm 2018 „All Melody“ veröffentlichte, präsentierte er nicht einfach nur eine Sammlung von Kompositionen. Er enthüllte einen Raum. Oder genauer gesagt: eine Reihe von Räumen – errichtet in den ehemaligen Funkhaus-Studios in Berlin –, in denen Pfeifenorgeln neben analogen Synthesizern stehen und Hall kein Effekt, sondern eine strukturelle Entscheidung ist.

Das ist keine Hintergrundmusik. Das ist Infrastruktur.

Das Album beginnt wie die Stadt Luxemburg in der Abenddämmerung – gelassen, bedächtig, auf Klarheit ausgelegt. Zwischen den Tönen ist Luft, doch diese Luft wirkt wie bewusst gestaltet. Frahm hatte eine maßgefertigte Orgel in die Studiowände eingebaut, sodass der Klang sowohl vertikal als auch horizontal atmen kann. Man hört es in „Sunson“ und „My Friend the Forest“: Töne, die ansteigen, sich falten und in der Schwebe bleiben, als würden sie von einer unsichtbaren Architektur getragen.

„All Melody“ wirkt im wahrsten Sinne des Wortes europäisch – nicht protzig, nicht überladen, sondern intelligent. Es bewegt sich zwischen kammermusikalischer Zurückhaltung und subtiler elektronischer Dynamik, ohne jemals in Genreklischees zu verfallen. Klassische Ausbildung trifft auf modulare Synthese. Menschlicher Atem trifft auf Elektronik. Der Puls ist da, aber er ist diszipliniert.

Wenn man sich „A Place“ genau anhört, merkt man allmählich, wie viel Aufmerksamkeit dieses Album verlangt. Es beeilt sich nicht, den Hörer zu belohnen. Es wartet. Die Rhythmen tauchen eher unter der Oberfläche auf, anstatt sich lautstark anzukündigen. Selbst wenn perkussive Elemente zum Vorschein kommen, wirken sie eher in den Raum eingebettet, als dass sie sich darüberlegen würden.

Deshalb findet das Album in Orten wie Luxemburg seinen Widerhall – in Städten, in denen Design keine Dekoration, sondern das Fundament ist. Die finanzielle Gelassenheit von Kirchberg. Die weißen Säulen eines Konzertsaals, die sich in geometrischer Wiederholung erheben. Steinbefestigungen, die seit Jahrhunderten stille Standhaftigkeit verkörpern. Frahms Kompositionen verkörpern dieselbe Philosophie: Stärke durch Zurückhaltung.

Diese Aufnahme hat auch eine ganz eigene physische Präsenz. Man spürt das Holz des Klaviers. Den Atem im Harmonium. Die tiefen Schwingungen der analogen Oszillatoren. Gute Lautsprecher kommen hier voll zur Geltung, schlechte werden entlarvt. Wenn man sie über eine Anlage mit viel Raum spielt, beginnt man zu verstehen, wie sorgfältig sie abgestimmt wurde.

Doch trotz aller Präzision wirkt „All Melody“ keineswegs kalt. Hinter der technischen Perfektion verbirgt sich Emotion – subtil, fast schon intim. Frahm lässt Unvollkommenheiten zu: leichte Tempowechsel, Finger, die über die Tasten streichen, mechanische Klickgeräusche, die daran erinnern, dass ein Mensch am Werk ist. Das Album wirkt niemals steril, weil es seinen Schöpfer nie verbirgt.

Dieses Gleichgewicht – menschliche Wärme inmitten struktureller Disziplin – ist selten.

In einer Welt, die von algorithmischen Playlists und komprimierter Hektik geprägt ist, lädt „All Melody“ zu einer anderen Haltung ein. Setzen Sie sich. Drehen Sie die Lautstärke etwas höher als gewöhnlich. Lassen Sie die tiefen Frequenzen zur Geltung kommen. Achten Sie darauf, wie die Stille Teil der Komposition wird.

Das ist Musik zum langsamen Genießen, ganz ohne Nostalgie. Zeitgemäß, zukunftsorientiert und doch tief in der europäischen Handwerkskunst verwurzelt. Sie konkurriert nicht um Aufmerksamkeit, sondern verdient sie sich.

Und vielleicht ist genau das seine stille Rebellion.


Kurze Fragen

Ist „All Melody“ elektronische oder klassische Musik?
Beides – und keines von beiden ausschließlich. Das Album verbindet klassische Instrumentierung (Orgel, Klavier, Kammermusik-Klänge) mit analoger Synthese auf eine Weise, die eher architektonisch als genreorientiert wirkt.

Eignet es sich zum Hören im Hintergrund?
Nicht wirklich. Es kommt am besten zur Geltung, wenn man ihm seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Der Raum zwischen den Noten ist Teil des Hörerlebnisses.

Welche Art von System wird dadurch besonders gut zur Geltung gebracht?
Ein System mit Tiefe und Klarheit. Eine gute Kontrolle im Tieftonbereich und klare Mitten bringen seine physikalische Textur und die Raumakustik zur Geltung.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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