Angels & Queens (2023)

Angels & Queens (2023)

Glaube, Fleisch und das Gewicht einer Stimme

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die ganz leise auftauchen, und dann gibt es Alben, die den Raum erobern. „
Angels & Queens“ von Gabriels gehört zur zweiten Kategorie. Es bittet nicht um Aufmerksamkeit – es fordert sie ein. Vom ersten Moment an, in dem Jacob Lusk den Mund öffnet, verändert sich die Atmosphäre. Man spürt es in der Brust, nicht in den Ohren. Das ist keine Hintergrundmusik. Das ist Musik, die darauf besteht, dass man sich ihr stellt.

„Angels & Queens“, das 2023 in seiner vollständigen Form erschien – nachdem es zunächst in zwei Kapiteln veröffentlicht worden war –, wirkt weniger wie ein Debütalbum, sondern eher wie ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zur Stimme als Instrument der Wahrheit. Ein Bekenntnis zur Soul-Musik – nicht als Nostalgie, sondern als lebendige, atmende Sprache der Gegenwart.

Jacob Lusks Stimme ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich alles dreht. Sie ist gewaltig, aber niemals nachlässig. Durch den Gospel geprägt, ja – aber nicht auf die Kirchenmauern beschränkt. Hier schwingt Schmerz mit. Theatralik. Verletzlichkeit. Er singt wie jemand, der die Lieder bereits gelebt hat, bevor er sie überhaupt aufgenommen hat. Wenn er in die Höhe steigt, dann nicht, um zu beeindrucken, sondern um sich zu befreien. Wenn er sich zurückzieht, dann nur, damit die Worte mehr Gewicht bekommen.

Was Gabriels so gut gelingt – und was sie von anderen Soul-Acts der Revival-Szene unterscheidet –, ist ihr Gespür für Raum. Die Arrangements sind reichhaltig, aber kontrolliert. Streicher schwellen an und ziehen sich wieder zurück. Die Percussion setzt ein wie ein Herzschlag, nicht wie ein Rammbock. Man hört die moderne Hand der Produzenten Ari Balouzian und Ryan Hope sowie den Einfluss von Sounwaves Zurückhaltung: Nichts wird übertrieben, nichts hält sich zu lange. Das Album atmet. Es gibt der Stimme Raum, menschlich zu sein.

Thematisch bewegt sich „Angels & Queens“ im Spannungsfeld zwischen dem Heiligen und dem Profanen – zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir gerne sein möchten. Liebe ist präsent, aber selten unkompliziert. Auch der Glaube spielt eine Rolle, jedoch nicht als Dogma. Es ist ein Glaube, der im realen Leben auf die Probe gestellt wird. Songs wie „Taboo“ und „If You Only Knew“ thematisieren Begierde, Scham und Bekenntnis mit einer emotionalen Ehrlichkeit, die der moderne Pop oft meidet. Es wird keine saubere Lösung angeboten. Nur die Wahrheit.

Auffällig ist, wie zeitlos sich das Album anfühlt, ohne jemals altmodisch zu klingen. Man hört Anklänge an Sam Cooke, Nina Simone und den frühen Prince – doch diese fließen durch Gabriels Musik hindurch, anstatt sie zu überlagern. Das ist kein Retro-Soul-Cosplay. Es ist eine Fortsetzung. Die Tradition wird gewürdigt, nicht kopiert. Man ist sich der Geschichte bewusst, bleibt aber niemals in ihr gefangen.

Das Album hat zudem etwas Filmisches an sich. Viele dieser Songs wirken, als wären sie für bestimmte Räume geschaffen – Hörräume, schummrige Bars, einsame Abende, an denen das Licht gedämpft ist und der Tag endlich aufgehört hat, Anforderungen an dich zu stellen. Genau darin liegt die Stärke von „Angels & Queens “. Es belohnt aufmerksames Zuhören. Spielt man es leise, zieht es einen näher heran. Spielt man es laut, bricht es nicht zusammen – es entfaltet sich.

Die Entscheidung, das Album zunächst in zwei Teilen zu veröffentlichen, erscheint im Nachhinein nun sinnvoll. Es ist ein langes Hörerlebnis, sowohl emotional als auch musikalisch. Es erfordert Geduld. Doch diese Geduld wird hier mit Tiefe belohnt. Wenn die letzten Titel erklingen, hat man das Gefühl, mit dem Album eine Reise unternommen zu haben, anstatt es nur einfach anzuhören. Es hinterlässt Spuren – keine Ohrwürmer, die einem im Kopf bleiben, sondern Gefühle, die nachklingen.

In einer Musiklandschaft, die von Unmittelbarkeit besessen ist, schlägt „Angels & Queens“ einen anderen Weg ein. Es verlangsamt die Zeit. Es fordert dich auf, dich auf Unbehagen, Schönheit und Widersprüche einzulassen. Es erinnert uns daran, dass die menschliche Stimme – ungefiltert und ohne Eile – nach wie vor eines der kraftvollsten Instrumente ist, über die wir verfügen.

Dies ist kein Album für Algorithmen.
Es ist ein Album für den Abend.
Für die Stille.
Zum aufmerksamen Zuhören.

Und vielleicht liegt darin gerade seine stille Trotzhaltung: Im Jahr 2023 hat Gabriels ein Album aufgenommen, das darauf vertraut, dass der Hörer ihm auf halbem Weg entgegenkommt.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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