Aphex Twin – Selected Ambient Works Volume II (1994)
Von Rafi Mercer
Es beginnt nicht mit einem Beat, sondern mit einer Atmosphäre. Ein leises Summen, ein Schimmern von Klängen, das Gefühl, dass sich der Raum in alle Richtungen ausdehnt. Es gibt keinen Rhythmus, den man erfassen könnte, keine Melodie, der man folgen könnte, nur Klang, der sich wie Nebel entfaltet. Das ist die Welt von „Selected Ambient Works Volume II“, das 1994 von Richard D. James unter seinem Künstlernamen Aphex Twin veröffentlicht wurde – ein Album, das die Definition von Ambient zu etwas Unheimlichem, Beunruhigendem und Unvergesslichem erweiterte. Während sein früheres Album „Selected Ambient Works 85–92“ noch in Dancefloor-Puls und Rave-Euphorie verwurzelt war, verzichtete dieser zweite Band fast vollständig auf Rhythmus und ließ nur Textur, Resonanz und Stimmung zurück. Das Ergebnis polarisierte und verwirrte viele Hörer, doch für diejenigen, die bereit waren, sich darauf einzulassen, wurde die Platte zu einem Meisterwerk des „Deep Listening“.
James war schon immer eine rätselhafte Figur, gleichermaßen Einsiedler wie Provokateur, der sich beim Komponieren von Club-Hymnen ebenso zu Hause fühlte wie bei verstörenden Noise-Experimenten. Mit „Volume II“ präsentierte er eine Sammlung von 23 unbetitelten Stücken (die später nur durch Bilder im Booklet identifiziert wurden), die sich jeder Kategorisierung entzogen. Inspiriert, wie er behauptete, von Klarträumen, wirken die Stücke weniger komponiert als vielmehr heraufbeschworen. Sie entwickeln sich nicht so wie Songs; sie schweben, entfalten sich, verändern sich unmerklich, als würde man eher dem Wetter als der Musik lauschen.
Manche Stücke sind strahlend und bestehen aus leuchtenden Synth-Akkorden, die scheinbar ewig in der Luft zu schweben scheinen. Andere sind düsterer, voller dissonanter Drones, metallischer Klänge und Texturen, die Unbehagen hervorrufen. Einige deuten eine Melodie an, zerbrechliche Figuren, die sich wie halb vergessene Wiegenlieder wiederholen. Keiner von ihnen findet eine Auflösung. Sie existieren einfach, jeder als eigene Klangwelt, als Umgebung, die man betreten und wieder verlassen kann, wann immer man möchte. Es ist Musik, die sich der Erzählung widersetzt, der Zeit widersetzt, dem Bedürfnis, voranzukommen, widersetzt.
Auf Vinyl wird das Erlebnis noch intensiviert. Die analoge Wärme mildert die digitalen Kanten, das Oberflächengeräusch wird Teil des Dunstes. Jede Seite ist eine Landschaft, jeder Titel ein Plateau, das es zu erkunden gilt. In einer Hörbar abgespielt, verwandelt das Album den Raum. Die helleren Titel schaffen Stille; Gespräche verstummen, während sich die Menschen dem Schein hingeben. Die dunkleren Titel erfüllen die Luft mit Spannung, der Raum lädt sich auf, wird erwartungsvoll. Zusammen schaffen sie eine Reise, bei der es weniger um Fortschritt als um das Eintauchen geht, weniger um Bewegung als um Präsenz.
Was „Volume II“ so zeitlos macht, ist seine Kompromisslosigkeit. James bot keine einfachen Einstiegspunkte und kümmerte sich nicht um Zugänglichkeit. Stattdessen bot er eine Welt an und vertraute darauf, dass die Hörer ihren eigenen Weg finden würden. Dieses Vertrauen hat sich ausgezahlt. Drei Jahrzehnte später gilt das Album als Meilenstein, nicht nur in der Ambient-Musik, sondern in der elektronischen Musik im weiteren Sinne. Es hat Generationen von Künstlern beeinflusst, von Minimal-Techno-Produzenten bis hin zu Klangkünstlern, von Filmkomponisten bis hin zu Experimentalmusikern. Doch trotz seines Einflusses bleibt es einzigartig, unverkennbar Aphex Twin.
Hier herrscht eine Fremdartigkeit, die sich nicht erklären, sondern nur spüren lässt. Die Musik ist weder beruhigend noch dekorativ, noch dient sie im üblichen Sinne als Hintergrund. Sie verunsichert, auch wenn sie tröstet; sie schwebt am Rande von Schönheit und Unruhe. Setzt man die Nadel auf, wird man nicht an einen Ort versetzt, den man wiedererkennt; man wird an einen ganz anderen Ort entführt, an einen traumhaften, sich wandelnden, schummrig beleuchteten Ort. Es ist Musik, die Geduld, Offenheit und Hingabe verlangt. Und in dieser Hingabe liegt ihre Kraft.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ finden Sie unter abonnierenoder hier klicken, um mehr zu lesen.