Arooj Aftab, Vijay Iyer & Shahzad Ismaily – Love in Exile (2023)

Arooj Aftab, Vijay Iyer & Shahzad Ismaily – Love in Exile (2023)

Von Rafi Mercer

Bei manchen Alben hat man das Gefühl, die Zeit würde langsamer vergehen. „Love in Exile“ ist eines davon – ein Album, das so still und so menschlich ist, dass es sich im Tempo der Gedanken zu entfalten scheint. Es ist kein Album, das man einfach nur abspielt; es ist eines, in das man eintaucht.

Arooj Aftabs Stimme schwebt wie Licht durch Rauch – klar, ruhig, gemächlich. Vijay Iyers Klavierspiel fließt wie die Gezeiten: geduldig, präzise, stets aufmerksam. Shahzad Ismaily, am Bass und an den Synthesizern, gestaltet den Raum zwischen ihnen – ein gleichmäßiges Summen, das die Stille lebendig werden lässt. Es gibt keine Beats, an denen man sich festhalten könnte, keine Refrains, auf die man warten müsste – nur das Vertrauen zwischen drei Menschen, die lernen, die Stille miteinander zu teilen.

Sie nahmen das Stück live auf, improvisierten dabei anhand von Fragmenten und orientierten sich eher am Gefühl als an einer festen Form. Das Ergebnis war ein einstündiger Dialog über Verbundenheit – über Liebe, Distanz, Exil und Rückkehr. Der Titel sagt schon alles: Diese Musik entspringt Bewegung und Erinnerung, ein klangliches Zuhause, geschaffen von Menschen, die auf ihrer Reise nach einem Ort der Zugehörigkeit suchen mussten.

Aftab singt hauptsächlich auf Urdu, der Sprache des Ghazals – einer Gedichtform, die von Sehnsucht und Distanz geprägt ist. Selbst wenn man die Worte nicht versteht, spürt man die Bedeutung in der Art, wie sie die Luft formt. Sie spielt keine Gefühle vor, sondern lässt sie einfach entstehen. Jede Note hallt nach wie eine Hand, die durch den Raum greift.

Der Opener „To Remain/To Return“ wirkt wie ein Anfang, der nie wirklich beginnt – ein Schwebezustand zwischen Herzschlag und Atem. Iyers Akkorde schimmern wie Laternen, die sich im Wasser spiegeln. Der Klang wirkt intim, aber ungebunden, als hätte das Trio eine Sprache entdeckt, die zu zart ist, um sie zu übersetzen.

Bei „Shadow for the Starless“ gewinnt alles an Tiefe. Es beginnt damit, dass Iyer ein einziges, fast zerbrechliches Motiv nachzeichnet, bevor Aftab einsetzt – zunächst wortlos, dann in halb gesungenen Phrasen, die wie ein Gebet wirken. Ismailys Bass untermalt das Ganze und verankert die Transzendenz. In jeder Pause ist das Vertrauen zu spüren. Es geht nicht um Virtuosität, sondern um Präsenz. Über eine gute Anlage füllt dieser Titel den Raum mit einer Wärme, die den Puls zu verlangsamen scheint.

Jedes Stück geht fließend in das nächste über, wie ein einziger Atemzug. „Eyes of the Heart“ strahlt stillen Optimismus aus; „Haunted“ wirkt wie eine Erinnerung, die in Echtzeit wiedergegeben wird. Wenn man bei „Sajni“ angelangt ist, hat das Trio eine so zarte Atmosphäre geschaffen, dass man vergisst, wie alles begann. Man erkennt, dass das, was man hört, keine Struktur ist, sondern Chemie – eine Improvisation, die so tiefgründig ist, dass sie sich wie eine Komposition anfühlt.

Dieses Maß an Vertrauen hat etwas still-Politisches an sich. Drei Künstler aus verschiedenen Kontinenten, mit unterschiedlichen Hintergründen und Traditionen, die sich treffen, ohne eine bestimmte Absicht zu verfolgen, außer zuzuhören – das allein ist schon ein Statement. In einer Zeit des Lärms und der ständigen Selbstdarstellung entscheidet sich „Love in Exile“ für Geduld. Es ist Protest durch Gelassenheit.

Und doch ist es zutiefst emotional. Das Album strotzt nur so vor Sehnsucht – nicht nach einer bestimmten Person, sondern nach einer Art von Ganzheit. Man spürt, wie Migration, Entfernung, Exil und Rückkehr in der Phrasierung verankert sind. Es ist eine in Klänge geschriebene Landkarte: von Lahore über New York bis hin zu dem Ort, an dem man sich gerade befindet, wenn das Album einen erreicht.

Die Wiedergabe in High-Fidelity-Qualität ist atemberaubend. Die Luft zwischen den Instrumenten wird Teil der Komposition. Man hört, wie die Finger über die Tasten streichen, den Atem am Mikrofon und das leise Brummen der Elektrizität im Hintergrund. Nichts hier ist bis zur Perfektion ausgefeilt; es ist lebendig, so wie es handgefertigte Dinge eben sind.

Wenn der letzte Titel, „Promise“, ausklingt, fühlt sich die darauf folgende Stille wie mit Bedeutung aufgeladen an – nicht als Abwesenheit, sondern als Fortsetzung. Man hat das Gefühl, Zeuge von etwas Intimem geworden zu sein, von etwas, das eher nachklingen als zu einem Abschluss kommen soll. Es ist der Klang einer neu definierten Zugehörigkeit, nicht als Ort, sondern als Präsenz.

Deshalb passt „Love in Exile“ so perfekt in eine Hörbar. Es verlangt keine Stille, sondern schafft sie. Die Platte dominiert den Raum nicht – sie gestaltet seinen Rhythmus neu. Sie lässt die Gespräche leiser werden, die Gedanken langsamer fließen und die Zeit sanfter vergehen.

Hin und wieder erinnert einen eine Platte daran, dass Aufmerksamkeit an sich schon ein Akt der Liebe ist. Diese hier ist eine davon.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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