Birth of the Cool – Miles Davis | Tracks & Tales
Als der Jazz Zurückhaltung lernte
Von Rafi Mercer
Es gibt Momente in der Musikgeschichte, in denen eine neue Sprache scheinbar voll ausgebildet auftaucht, als wäre sie aus einer anderen Dimension in den Raum geflüstert worden. „Birth of the Cool“ – obwohl es sich technisch gesehen um eine Zusammenstellung von Aufnahmen aus den Jahren 1949 und 1950 handelt – vermittelt genau diesen Eindruck: einen neuen Dialekt des Jazz, gesprochen mit ruhiger Autorität, ausgefeilter Zurückhaltung und einer Eleganz, die in krassem Gegensatz zu den fieberhaften Energien des Bebop stand. Hier unternahm Miles Davis, der damals noch nicht der Titan war, zu dem er später werden sollte, seinen ersten großen Schritt aus dem Schatten von Charlie Parker und Dizzy Gillespie und skizzierte eine Zukunft, in der „cool“ genauso viel bedeuten konnte wie „hot“.
Die Nachkriegsjahre in Amerika standen ganz im Zeichen des Bebop. Dizzys Trompete glänzte mit feurigen Läufen, Birds Altsaxophon schoss wie Quecksilber hin und her. Die Musik war komplex, dicht, schnell – eine Kunstmusik, die an die Grenzen der Swing-Tanzlokale stieß und ein Publikum forderte, das ebenso aufmerksam zuhörte, wie die Musiker spielten. Miles Davis, der sich an der Seite von Parker seine Sporen verdient hatte, bewunderte die Brillanz des Bebop, spürte jedoch dessen Erschöpfung. Es war, so empfand er, eine Musik für überfüllte Säle, in denen Virtuosität Gefahr lief, zum Manierismus zu verkommen. Er sehnte sich nach etwas Schlichterem, Luftigerem, Durchdachterem.
Die Gelegenheit ergab sich 1948, als der Arrangeur Gil Evans seine New Yorker Wohnung in der 55. Straße für einen Kreis unruhiger Musiker öffnete. Gerry Mulligan, John Lewis, Lee Konitz, Max Roach – alle jung, alle auf der Suche. Sie träumten von einem Jazzensemble, das sich an klassischen Klangstrukturen orientierte, ohne dabei den Swing zu verlieren, das Improvisation und Arrangement in Einklang brachte und leise sprach, ohne dabei an Kraft einzubüßen. Aus diesen nächtlichen Sessions ging das Miles-Davis-Nonett hervor, eine neunköpfige Gruppe, deren Besetzung für den Jazz ungewöhnlich war: Trompete, Posaune, Waldhorn, Tuba, Altsaxophon, Baritonsaxophon, Klavier, Kontrabass, Schlagzeug. Es war ein Kammerensemble für eine neue Art von Jazz.
Zwischen 1949 und 1950 nahm das Nonett zwölf Titel für Capitol Records auf. Ein Jahrzehnt später wurden diese Aufnahmen unter einem Titel zusammengefasst – „Birth of the Cool“. Wenn man sie heute hört, fällt vor allem der Klang der Weite auf. Während der Bebop jeden Takt mit Aktivität füllt, lassen diese Arrangements Raum zum Atmen. Das Waldhorn und die Tuba verleihen dem Ensemble einen satten, weichen Grundklang; Konitz’ Alt-Saxophon schwebt mit fast eisiger Distanz darüber; Mulligans Bariton-Saxophon bildet den Anker des Kontrapunkts. Miles, in der Mitte, spielt zurückhaltend – kein Feuerwerk, keine Selbstdarstellung, nur ein lyrischer, fast gesprächiger Trompetenton.
Nehmen wir „Jeru“, Mulligans Komposition. Sie fließt mühelos dahin, die Stimmen sind wie in einer architektonischen Zeichnung übereinandergeschichtet, jedes Instrument eine Linie, die sich klar mit der nächsten kreuzt. Oder „Boplicity“, arrangiert von Evans, wo die Bläser wie Seidenstränge ineinanderfließen und sich wieder lösen und Miles’ Trompete wie in einem Negativraum einrahmen. „Moon Dreams“, eine Adaption aus Claude Thornhills Buch, wirkt fast orchestral, ein Nebel aus Harmonien, durch den sich die Rhythmusgruppe auf Zehenspitzen bewegt. Selbst „Move“, der Opener des Albums, wirkt trotz seines zügigen Tempos niemals gehetzt – seine Geschwindigkeit wird durch die Klarheit der Klangtextur ausgeglichen.
Der Titel war natürlich rückblickend gewählt – damals verkauften sich diese Platten nur mäßig und verwirrten die Kritiker. Das Jazzpublikum verlangte nicht gerade nach „Cool“; Bebop war immer noch der Maßstab. Doch Mitte der 1950er Jahre waren die hier gesäten Samen zu einer Bewegung herangewachsen. Der West-Coast-Jazz mit Mulligan, Chet Baker und Stan Getz übertrug die „Cool“-Ästhetik in leichtere, sonnenverwöhnte Klangwelten. Lennie Tristano und seine Anhänger bauten darauf intellektuelle Strukturen auf. Selbst das Modern Jazz Quartet mit John Lewis erweiterte das Konzept des Kammerjazz. Und Miles selbst, rastlos wie immer, wandte sich „Walkin’“ und dem Hard Bop zu, bevor er mit „Kind of Blue“ zur zurückhaltenden Coolness zurückkehrte.
Kulturell signalisierte „Birth of the Cool“, dass Jazz weltgewandt, raffiniert und modern sein konnte. Er gehörte ebenso in ein Loft wie in einen Club. Sein visuelles Pendant war die Architektur von Mies van der Rohe und Le Corbusier – klare Linien, Licht, Luft, Proportionen. Es war Musik für eine neue Nachkriegsgeneration, die sich unbedingt vom hektischen Tempo des vorangegangenen Jahrzehnts abheben wollte. Während der Bebop der Klang unruhiger Rebellion war, bot „Birth of the Cool“ die Gelassenheit der Besinnung.
Wer sie heute in einer Hörbar hört, versteht, wie radikal Raum sein kann. Durch ein richtig abgestimmtes System verschwimmen die Klangschichten von Blechbläsern und Holzbläsern nicht; sie schimmern voneinander getrennt und nehmen jeweils ihre eigene Ebene ein. Der Bass dröhnt nicht, sondern dämpft; das Schlagzeug dominiert nicht, sondern untermalt. Die Musik erfüllt den Raum nicht mit Dichte, sondern mit Ausgewogenheit. Die Zuhörer tauchen ebenso sehr in die Pausen ein wie in die Noten. Das ist Jazz als Architektur, als Proportion, als Zurückhaltung.
Miles Davis sollte den Jazz noch mehrfach neu prägen – mit „Kind of Blue“ im modalen Stil, mit „Bitches Brew“ im elektrischen Stil und mit seinen späteren Bands im Funk-Stil. Doch „Birth of the Cool“ bleibt seine erste große Unabhängigkeitserklärung. Das Album zeigte, dass er eine Gemeinschaft gleichgesinnter Musiker um sich scharen, ihre kollektive Vorstellungskraft bündeln und ihr seinen eigenen Stil aufprägen konnte. Mehr noch: Es bewies, dass Stille ebenso revolutionär sein kann wie Lärm.
Daraus lässt sich eine Lehre ziehen, die weit über den Jazz hinausgeht. Innovation muss nicht immer laut sein; manchmal kommt sie wie ein Flüstern, das die Atmosphäre neu ordnet. „Birth of the Cool“ flüstert noch immer. Mit seinen gemessenen Klängen, seinen ungewöhnlichen Klangfarben und seiner modernistischen Anmut enthält es eine Einladung: Hört einmal anders hin, und vielleicht hört ihr, wie eine neue Welt Gestalt annimmt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.