Black Byrd – Donald Byrd (1973)

Black Byrd – Donald Byrd (1973)

Die Flugbahn

Von Rafi Mercer

Man kann den Wandel fast hören – wie der Jazz seine Flügel ausbreitet, aus den verrauchten Clubs hinaus ins Sonnenlicht der 1970er Jahre tritt. „Black Byrd“, das 1973 erschien, war für Donald Byrd genau dieser Moment: der Punkt, an dem sein Horn lernte, zu gleiten statt zu hämmern, an dem Groove den Swing ablöste und an dem der Geist des Jazz im Rhythmus eine neue Heimat fand. Manche nannten es damals einen Ausverkauf. Aber aus der heutigen Perspektive klingt es nach Freiheit.

Byrd hatte sein Meisterwerk bereits zehn Jahre zuvor mit „A New Perspective“ geschaffen, jener strahlenden Verschmelzung von Gospel und Bläsern. Anfang der siebziger Jahre veränderte sich die Sprache des Jazz jedoch rasant. Miles Davis war auf E-Gitarren umgestiegen. Funk durchdrang alles. Eine jüngere Generation hörte Marvin Gaye und Stevie Wonder ebenso oft wie Coltrane und Mingus. Donald Byrd, stets neugierig, wollte nicht zurückbleiben. Und mit Hilfe der Produzenten Larry und Fonce Mizell schuf er „Black Byrd“ – ein Album, das den Jazz nicht aufgab, sondern erweiterte.

Es beginnt mit dieser unverkennbaren Basslinie in „Flight-Time“ – schnörkellos, selbstbewusst, schon mitreißend. Die Rhythmusgruppe ist knackig, die Bläser klingen weit, und Byrds Trompete schneidet durch wie Sonnenlicht auf Chrom. Es gibt immer noch Phrasierung, immer noch Klang, immer noch Jazz – aber das Feeling ist Funk. Es ist der Klang von Musikern, die den Raum verstehen: Der Groove lässt Platz für Luft, für Schimmer, für Bewegung.

Dann entfaltet sich „Black Byrd“, der Titelsong, wie ein Sommernachmittag. Gitarrenlinien flackern, Congas trommeln im Hintergrund, und der Rhythmus gleitet eher, als dass er swingt. Byrds Hornklang ist geschmeidig, strahlt aber dennoch jene Blue-Note-Autorität aus. Wenn er einen langen, anhaltenden Ton anschlägt, klingt das wie das Geräusch einer sich öffnenden Tür. „Love’s So Far Away“ fügt gesangslose Vocals hinzu, eine Art kosmischer Chor, der eher an Marvin Gayes „What’s Going On“ erinnert als an irgendeine traditionelle Jazzplatte. Es ist sinnlich und spirituell zugleich – dieselbe Balance, die Byrd schon immer angestrebt hatte, die nun aber wärmer, erdiger und menschlicher geworden ist.

Die Mizell-Brüder waren der Schlüssel zum Erfolg. Sie behandelten das Studio wie ein Instrument und schichteten Percussion, Rhodes-Keyboards und sanfte Gitarrenklänge zu etwas, das sich mühelos anhörte. Byrds Trompete stand im Mittelpunkt – nicht als Solist, sondern als Teil der Atmosphäre. Die Rhythmusgruppe – Chuck Rainey am Bass, Harvey Mason am Schlagzeug – ließ alles schweben. Das war kein Jazz für Nachtschwärmer, sondern Jazz für die offene Straße.

Damals hassten es die Puristen. Kritiker warfen Byrd vor, auf Radioeinsätze aus zu sein und seine Kunst zu verwässern. Doch er ging einfach seinen Weg. In den 60er Jahren hatte er sich mit dem Glauben auseinandergesetzt; in den 70ern ging es um Gefühle. „Black Byrd“ wurde zum meistverkauften Album in der Geschichte von Blue Note – nicht, weil es den Jazz verwässerte, sondern weil es den Hörern die Freiheit gab, ihn anders zu empfinden.

In der Hörbar wirkt dieses Album immer noch frisch. „Flight-Time“ strömt wie warme Luft aus den Lautsprechern, das Schlagzeug ist perfekt ausbalanciert, der Bass lebendig. Die Hi-Hats glitzern im Mix, der Gesang schwebt im Hintergrund, und Byrds Trompete sitzt genau dort, wo sie hingehört – als Stimme, nicht als Spektakel. Es ist eine dieser Platten, die die Stimmung im Raum verändern, ohne dass es jemand bemerkt. Die Köpfe beginnen zu nicken. Die Schultern entspannen sich. Die Bar erstrahlt ein wenig goldener.

Kulturell gesehen war „Black Byrd“ eine Brücke. Es führte den Jazz in einen neuen Dialog – mit Soul, Funk und dem, was schließlich zum Hip-Hop werden sollte. Jahrzehnte später wurden seine Grooves von A Tribe Called Quest, De La Soul, Public Enemy und so vielen anderen gesampelt. Byrds Rhythmen wurden Teil des urbanen Vokabulars. Es ist seltsam, sich vorzustellen, dass das, was einst als „zu leicht“ abgetan wurde, einmal zum Fundament der modernen Beat-Kultur werden würde. Aber so funktioniert Innovation nun einmal – sie beginnt mit dem, was nicht ins Bild passt.

Wenn man „Black Byrd“ heute hört, hat man das Gefühl, dass hier etwas Neues beginnt. Man hört bereits die Keime von „Stepping into Tomorrow“ und „Places and Spaces“ – Alben, die diesen Sound noch weiter in üppige, kosmische Gefilde führen sollten. Dennoch bleibt „Black Byrd“ das reinste Bekenntnis zu dieser Absicht. Es ist der Klang eines Musikers, der sich der Nostalgie verweigert, und eines Jazz, der wieder zu atmen lernt.

Ich habe diese Platte schon in den unterschiedlichsten Räumen gespielt: in kleinen, ruhigen Räumen, in denen die Leute ihr zuhören, als wäre sie heilige Schrift, und in lauteren Räumen, in denen sie zu einer Art Tanz in Zeitlupe wird. Es funktioniert immer. Vielleicht ist das das Geheimnis von Black Byrd: Es geht nicht mehr um Virtuosität, sondern um Ausgewogenheit. Rhythmus, Klang, Atmosphäre, Gefühl – die schlichte Architektur des Grooves.

Und wenn manche das immer noch als „guilty pleasure“ bezeichnen, nehme ich das gerne hin. Denn wenn sich Donald Byrds Horn über diesen Rhythmus erhebt, klingt es wie ein Mann, der endlich Frieden in der Bewegung gefunden hat.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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