Black Messiah – D’Angelo and The Vanguard (2014)
Von Rafi Mercer
Es gibt Comebacks, und dann gibt es Auferstehungen. „Black Messiah“ war Letzteres. Seit „Voodoo“ waren vierzehn Jahre der Stille vergangen . Vierzehn Jahre voller Gerüchte, angeblicher Sichtungen und „Was-wäre-wenn“-Fragen. In dieser Zeit wurde D’Angelo zum Mythos – zum Symbol für die verlorene Kunst des Zuhörens. Und dann, ohne Vorwarnung, an einem kalten Dezemberabend im Jahr 2014, tauchte er wieder auf. Keine Vorankündigung, keine Pressekampagne, nur eine Botschaft aus dem Stillen: Es ist Zeit.
Ich erinnere mich genau, wo ich war, als ich es zum ersten Mal hörte. Zu Hause, gedämpftes Licht, ein halb volles Whiskyglas. Der Eröffnungstrack „Ain’t That Easy“ begann mit einem Knurren – verzerrte Gitarren, ein Rhythmus, dick wie Sumpf, diese unverkennbare Stimme, tief im Mix vergraben. Es war weder ausgefeilt noch makellos. Es war lebendig, kantig, eindringlich. Die vierzehnjährige Stille hatte ihn nicht gemildert; sie hatte ihn geschärft.
War „Brown Sugar“ noch Verführung und „Voodoo“ Meditation, so war „Black Messiah“ Konfrontation. Es ist der Sound eines Künstlers, der in eine Welt zurückkehrt, die einen Teil ihres Glaubens verloren hat, und der beschließt, für das zu kämpfen, was noch zählt.
Die Band – The Vanguard – spielte wie ein lebender Organismus: Chris „Daddy“ Dave und Questlove wechselten sich mit ihren Schlagzeugklängen ab, Pino Palladino sorgte für einen stabilen Bass, Kendra Foster und Jesse Johnson webten Harmonien durch die Verzerrung. Der Sound war dicht, unruhig, unverfälscht. Es fühlte sich an, als sei er aus dem Instinkt heraus aufgenommen worden, nicht nach Plan.
Das Erste, was einem auffällt, ist, wie präsent sich der Rhythmus anfühlt. Der Groove ist nicht straff, sondern menschlich. Die Gitarren kratzen, die Snare trödelt dahin, der Bass brummt wie ein Herzschlag unter Druck. Der Mix ist dicht, aber räumlich – es gibt keinen Freiraum zwischen den Instrumenten, und doch atmet er irgendwie. Es ist ein bewusstes Chaos, eine Reaktion auf die Kompression und die Sauberkeit moderner Musik.
„1000 Deaths“ schlägt ein wie ein Sturm – eine sich wiederholende Predigt, Fuzz-Gitarre, Schlagzeug, das wie Protestmärsche aufeinanderprallt. Es ist biblisch und brutal, eine in Rhythmus gehüllte Warnung. Dann folgt „The Charade“ – das Herzstück des Albums –, voller Spannung und Zurückhaltung. „Alles, was wir wollten, war eine Chance zum Reden“, singt er, seine Stimme halb verborgen, als wäre sie durch Rauch aufgenommen worden. Es ist ein Lied darüber, dass Zuhören ein Akt des Überlebens ist.
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war geradezu unheimlich. Ferguson, Proteste, Amerika am Rande des Abgrunds. Plötzlich war „Black Messiah“ nicht mehr nur ein Album, sondern ein Statement. Es klang uralt und modern zugleich, prophetisch und müde – die Kirche, die Straße und das Studio in einem Atemzug. D’Angelos Texte sind hier abstrakter, weniger romantisch, eher hinterfragend. Er verführt nicht, er legt Zeugnis ab.
Über High-Fidelity-Lautsprecher hört man die einzelnen Schichten – das Knistern des analogen Tonbands, das Übersprechen der Mikrofone, die Rauheit jeder Gitarrenlinie. Es ist chaotisch, so wie das Leben chaotisch ist: verworren, unvollkommen, voller Energie. Auf Vinyl wird das Grundrauschen selbst Teil der Darbietung. Jedes Knacken fühlt sich an wie Rauschen aus einer Welt, die versucht, sich wieder einzustimmen.
Dann gibt es noch „Till It’s Done (Tutu)“, eine als Groove getarnte Klage. Der Song fragt: Was hat das alles für einen Sinn in einer so gespaltenen Welt? Die Gitarren schimmern, Questloves Hi-Hats stottern wie ein Atemzug. Der Track wirkt, als würde er von Sly Stone, von Curtis Mayfield und von jedem Künstler heimgesucht, der jemals versucht hat, Licht und Dunkelheit in einem einzigen Akkord zu vereinen.
Und „Prayer“ – dieser langsam aufbauende Song gegen Ende – ist vielleicht einer der schönsten Momente, die D’Angelo je aufgenommen hat. Sparsam, andächtig, ein Bekenntnis, das ins Rauschen geflüstert wird. Es ist der Klang eines Mannes, der am Rande von etwas steht – Glauben, Erschöpfung, Erlösung – und sich dennoch dafür entscheidet, weiterzusingen.
Was mir an „Black Messiah“ am besten gefällt, ist, dass es sich für seine Rauheit nicht entschuldigt. Es lehnt Klarheit ab. Der Gesang versteckt sich hinter Fuzz, das Schlagzeug kämpft um Raum, Akkorde lösen sich in Verzerrung auf. Es ist das Gegenteil von Perfektion. Und genau darum geht es. So sieht es aus, wenn ein Künstler den Klang nutzt, um die Welt widerzuspiegeln – vielschichtig, chaotisch und voller Sehnsucht, sich selbst zu verstehen.
Als „Voodoo“ erschien, hatte man das Gefühl, die Zeit würde langsamer vergehen. Bei „Black Messiah“ hat man das Gefühl, die Zeit würde zerbrechen. Man hört die Last der Jahre, die zwischen den beiden Alben liegen – die der Welt und die seine eigene. Aber genau das macht es so außergewöhnlich. D’Angelo kehrte nicht als der Mann zurück, der gegangen war, sondern als der, der überlebt hat.
In den „Listening Bars“ in Tokio oder New York kann man sehen, welche Verehrung die Menschen dieser Platte nach wie vor entgegenbringen. Es ist nicht das einfache D’Angelo-Album – es ist das schwierige, das ehrliche. Das Album, das von einem verlangt, dranzubleiben und sich mit dem Lärm auseinanderzusetzen. Auf einer großartigen Anlage wird aus dem Chaos Klarheit: Verzerrung offenbart Struktur, Verwirrung offenbart Mitgefühl.
Der Titel „Black Messiah“ hat Gewicht. Es ist keine Behauptung, sondern eine Warnung – dass die Erlösung nicht von anderswo kommt. Es liegt an uns, sie zu erschaffen, Note für Note, Takt für Takt. In diesem Sinne wirkt das Album gemeinschaftlich. Jedes Instrument wirkt wie eine Stimme, jede Stimme wie ein Instrument.
Wenn dann der letzte Titel, „Another Life“, erklingt, nimmt das Album eine sanftere Wendung – Harmonie, Zärtlichkeit, Akzeptanz. Es ist, als würde der Sturm endlich abklingen und jene Art von Ruhe hinterlassen, die man nur nach der Wahrheit findet.
Wenn man heute auf die Trilogie zurückblickt – „Brown Sugar“, „Voodoo“, „Black Messiah“ –, kann man mitverfolgen, wie sich eine ganze Philosophie entwickelt hat. Zuerst kam das Verlangen, dann die Hingabe, schließlich der Trotz. Drei Alben, zwanzig Jahre, eine Stimme.
Wenn ich mir „Black Messiah“ heute anhöre, klingt es weder veraltet noch besonders aktuell – es klingt einfach unverzichtbar. Es ist genau die Art von Album, die einen daran erinnert, warum man überhaupt Musik hört.
Denn manche Musik beruhigt dich.
Manche Musik verführt dich.
Und manche Musik rettet dich.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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