Bohren & der Club of Gore – Sunset Mission (2000)

Bohren & der Club of Gore – Sunset Mission (2000)

Von Rafi Mercer

Der Raum verändert seine Gestalt, sobald die Nadel die Schallplatte berührt. Ein Bassklang erklingt wie eine Ebbe, die im Dunkeln Möbel verschiebt. Das Schlagzeug streift die Luft mit der Gelassenheit eines Menschen, der am Fenster eine Zigarette anzündet. Dann setzt das Tenorsaxophon ein, langsam wie Mondlicht, das über einen Tisch gleitet, und „Sunset Mission“ beginnt, seine stille Stadt zu errichten. Das im Jahr 2000 erschienene, einladendste Album von Bohren & der Club of Gore ist weder ganz Jazz noch ganz Ambient. Es ist ein langsames Klangkino, in dem jeder Takt ein Flur ist, jedes Becken der Klang eines einfahrenden Aufzugs, jede Saxophonphrase ein Korridor, der sich als länger herausstellt, als man dachte. Das Quartett – Christoph Clöser am Tenorsaxophon, Morten Gass am Klavier und an der Orgel, Robin Rodenberg am Bass, Thorsten Benning am Schlagzeug – spielt, als wäre die Zeit stehen geblieben und der Raum hätte versprochen, das Geheimnis zu bewahren.

Hier eilt nichts. „Prowler“ beginnt wie Schritte auf nassen Straßen, Besen, die in winzigen Bögen über die Snare streichen, während der Bass mit fast zeremonieller Zurückhaltung voranschreitet. Die Harmonie ist so schlicht wie eine Hotellobby – ein paar Akkorde, die wie Seiten umblättern –, doch die Schwere entsteht durch die Klangfarbe: das samtige Knurren des Saxophons, das Polster der Orgel, der exakte Abstand zwischen jedem Schlag auf das Ride-Becken. „On Demon Wings“ lässt eine dichtere Dunkelheit hereinbrechen, Orgelakkorde erweitern den Raum, als wäre eine Tür zu einem größeren Raum geöffnet worden. Das Saxophon spielt weniger ein Solo, als dass es die Geometrie der Luft nachzeichnet – eine Linie, die so langsam gezogen wird, dass man bemerkt, wie sie sich krümmt.

Was „Sunset Mission“ zu einem Meisterwerk des „Deep Listening“ macht, ist die Disziplin seines Tempos. Die meisten Bands spielen langsam, als würden sie sich zurückhalten; Bohren spielen langsam, als hätten sie eine andere Schwerkraft gefunden. Die Rhythmusgruppe gerät nie ins Stocken und macht keinen Wirbel. Der Bass bleibt geduldig und gestimmt wie ein Möbelstück, das Schlagzeug ist kaum wahrnehmbar und doch entscheidend, das Klavier setzt die Töne mit dem Fingerspitzengefühl eines Concierge, der schon alles gesehen hat. Clösers Tenorsaxophon ist niemals laut, niemals verzweifelt; es füllt den Raum einfach mit der Selbstsicherheit eines Stammgastes. Die Wirkung ist architektonisch. Dies ist keine Musik, bei der Stimmungen über die Stille geklebt werden; es ist Musik, die die Stille zu einer Struktur aufbaut und einen durch sie hindurchgehen lässt.

Auf Vinyl entfaltet die Platte ihre wahre Größe. Der Bass ist etwas Greifbares, rund und kraftvoll. Die Orgel trägt eine zarte Körnung in sich, einen Hauch von Staub, der die Höhen erwärmt. Die Becken erblühen und verklingen wie Atem auf Glas. In einer Hörbar besitzt dieses Album eine fast magische Kraft, die Nacht einzufangen. Die Gespräche werden leiser, die Beleuchtung scheint sich um eine Stufe zu dämpfen, und Fremde beginnen, denselben Rhythmus zu finden. Man spürt, wie sich die Menschen in sich selbst finden, wie sich ihre Körperhaltung verändert, während die Band die Dimensionen des Raums neu definiert. Das Saxophon erreicht die Ecktische; das Ride-Becken hält das lange Rückgrat der Bar zusammen. Es ist nicht romantisch im billigen Sinne. Es ist romantisch auf die Art, wie eine Stadt romantisch sein kann, wenn man allein nach Hause geht und die Straßen ganz für sich allein hat.

Die Entstehungsgeschichte der Band, die ihre Wurzeln im deutschen Hardcore und Doom Metal hat, erklärt zum Teil die Physik ihres Sounds. Bohren übertrug die Schwere und Geduld der Heavy-Musik auf die Jazz-Besetzung und reduzierte die Aggression so weit, bis nur noch die Masse übrig blieb. Deshalb wirkt „Sunset Mission“ nächtlich, ohne zu einer Noir-Kopie zu werden. Die Anspielungen sind da – Rauch, Regen, Neon –, doch das Album verfällt niemals in Klischees. Es findet die perfekte Balance zwischen Atmosphäre und Ehrlichkeit, zwischen Andeutung und Darbietung. Wenn die Orgel einen Akkord ansetzt und das Saxophon darüber schwebt, ist das Bild nicht der Detektiv im Mantel; es ist das Gebäude, sein leises Maschinengeräusch, das Summen, das die Stadt um drei Uhr morgens am Leben hält.

Von Titel zu Titel erkundet die Band eine Idee mit Hingabe statt mit Abwechslung. „Nightwolf“ vertieft den Klang, bis die Orgel fast choralartig klingt und der Bass sich wie ein Pendel bewegt. „Black City Skyline“ breitet sich horizontal aus, ein Panorama, in dem sich der Saxophonklang zu einem silbernen Faden verdünnt und das Klavier winzige architektonische Lichter hinzufügt. „Dead End Angels“ kommt Zärtlichkeit am nächsten, nicht weil die Harmonie heller wird, sondern weil die Phrasierung weicher wird, als wäre die Band auf einen Balkon getreten. Das Album endet ohne Drama, so wie alle wahren Nächte enden; die letzten Töne verklingen, und man erkennt, wie viel Raum sie offen gehalten haben.

Für Heimanlagen ist „Sunset Mission“ ein Systemtest, der sich nie wie eine Demo anfühlt. Er bringt Lautsprecher zur Geltung, die einen langen Ton ohne Schwankungen halten können, und Räume, in denen der Nachhall nicht zu schnell auf einen zurückkommt. Mehr als die meisten anderen Alben profitiert es davon, bei einer angenehmen Lautstärke gehört zu werden: nicht laut, nicht leise, sondern präsent. Es ist perfekt für jene Stunde, in der man Gesellschaft ohne Gespräche, Klarheit ohne Schärfe sucht. Wenn es bei diesem Album ein Ritual gibt, dann besteht es einfach darin, es das Tempo bestimmen zu lassen und ihm dann zu folgen. Die Band drängt nicht; sie lässt zu.

Warum hält es sich so lange? Weil es den Unterschied zwischen „langsam“ und „stillstehend“ versteht. Weil es Schönheit nicht im Ornament, sondern in der Proportion findet. Weil es Harmonie wie Straßenbeleuchtung und Rhythmus wie das Raster unter der Landkarte behandelt. Aber auch, weil es dich respektiert. Es drängt sich dir nicht auf; es schafft einen Raum, in dem Aufmerksamkeit sich wie eine Erleichterung anfühlt. Im Sinne von „Tracks & Tales“ bedeutet „tiefes Zuhören“ genau das: keine Strenge, keine Härte, sondern einen Raum, der so sorgfältig gestaltet ist, dass du den Tag endlich hinter dir lassen kannst.

Lass die Nadel aufsetzen, sobald sich die Tür schließt und der Mantel auf der Rückenlehne des Stuhls landet. Lass den ersten Bass-Ton den Abend einrahmen. Beobachte, wie sich der Raum an das Tempo anpasst, so wie sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Bohren & der Club of Gore werden den Rest erledigen.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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