Burial – Untrue (2007)

Burial – Untrue (2007)

Von Rafi Mercer

Es beginnt wie das Wetter: Regen auf Beton, das Rauschen von Vinyl, Schritte, die durch einen leeren Flur hallen. Dann eine Stimme – zerbrechlich, hochgestimmt und gedehnt, bis sie irgendwo zwischen Mensch und Geist schwebt. Ein Beat setzt ein, aber nicht mit der Selbstsicherheit eines Club-Krakers. Er stottert, er bricht, er trägt Luft in seinen Pausen. Das ist „Untrue“, Burials zweites Album, das 2007 erschien. Es als Elektronik-Album zu bezeichnen, wäre zu eng gefasst. Es ist das Porträt einer Stadt bei Nacht, ein Tagebuch der Einsamkeit und Sehnsucht, ein Soundtrack zur urbanen Einsamkeit.

Burial – das Pseudonym von William Bevan – war zu jener Zeit eine fast schon mythische Figur. Er lehnte Interviews ab, mied Fotos und veröffentlichte seine Musik anonym über Hyperdub. In einer Zeit ständiger öffentlicher Präsenz war seine Anonymität radikal. Der Fokus lag ganz auf der Musik, und diese klang wie nichts anderes. Aufgebaut aus zerhackten Gesangssamples, knisternden Texturen und gebrochenen Two-Step-Rhythmen, schöpfte „Untrue“ aus Garage, Jungle und Dubstep, verwandelte diese Stilrichtungen jedoch in etwas Intimes, Zerbrechliches, Menschliches.

Der Opener „Archangel“ gibt den Ton an. Ein Gesangssample, dessen Tonlage androgyn gestaltet ist, wiederholt sich wie eine Bitte. Der Beat klickt und knackt, eher andeutend als treibend. Es ist Tanzmusik, aber verlangsamt und geisterhaft, als würde man sie um 3 Uhr morgens im Regen von außerhalb des Clubs hören. Die Atmosphäre ist zugleich eindringlich und zart. „Near Dark“ folgt mit ähnlichen Texturen, Stimmen, die wie Erinnerungen flackern, und Percussion, die halb im Rauschen vergraben ist.

Stücke wie „Ghost Hardware“ und „Raver“ spielen mit der Sprache des Rave, kehren sie jedoch um. Die Euphorie ist verflogen; was bleibt, ist Melancholie, der Nachglanz, das Gefühl, allein in der Menge zu sein. „Etched Headplate“ schmerzt vor Sehnsucht, seine Stimme wurde zerschnitten und zu einem Fragment umgeformt, das sich wiederholt, bis es sich wie ein Mantra anfühlt. „Homeless“ trägt eine raue, metallische Textur in sich, die wie Nachtbusse und geschlossene Läden kratzt. Der abschließende Titel „Raver“ ist keine Hymne, sondern eine Elegie, eine Erinnerung an eine Nacht, die bereits vorbei ist.

Was „Untrue“ so außergewöhnlich macht, ist seine emotionale Tiefe. Elektronische Musik wurde lange Zeit für ihre Energie, ihren Futurismus und ihren Rhythmus gefeiert. Burial nutzte dieselben Mittel, um von Verletzlichkeit, Intimität und Verlust zu erzählen. Sein Einsatz von Gesangssamples – gedehnt, in der Tonhöhe verändert, verzerrt – verwandelt anonyme Fragmente in universelle Emotionen. Es sind keine Charaktere, sondern Gefühle, die am Rande der Wiedererkennbarkeit schweben. Männlich wird weiblich, weiblich wird männlich, Mensch wird Geist. Es ist eine Musik der Liminalität, der Schwellen.

Ebenso entscheidend sind die Texturen. Überlagerungen von Oberflächengeräuschen, Vinylknistern, dem Rauschen des Regens und dem Brummen der Stadt. Diese Unvollkommenheiten sind keine Dekoration; sie sind die Musik. Sie schaffen Raum, Tiefe und Atmosphäre. Wenn man zuhört, hat man das Gefühl, sich in einem Tunnel zu befinden, in einem Bus spät in der Nacht zu sitzen oder unter einer Eisenbahnbrücke zu stehen, während die Welt über einem vorbeizieht. Es ist nicht glattgebürstet. Es ist gelebt.

Die kulturelle Wirkung war unmittelbar. „Untrue“ wurde nicht nur zum Maßstab für Dubstep, sondern für die elektronische Musik im Allgemeinen. Es bewies, dass Underground-Genres tiefe Emotionen vermitteln können, dass Anonymität in einem Zeitalter der Offenheit kraftvoll sein kann und dass Unvollkommenheit Schönheit sein kann. Kritiker feierten es als Meisterwerk, doch noch wichtiger war, dass sich die Hörer darin wiederfanden. Für viele war es der Klang von London selbst: Regen, Dunkelheit, flackerndes Licht, flüchtige Verbindungen.

Dennoch ist „Untrue“ keineswegs engstirnig. Seine Themen sind universell. Jeder, der schon einmal spät nachts mit Kopfhörern nach Hause gegangen ist und sich dabei gleichzeitig verbunden und allein gefühlt hat, kennt diesen Klang. Jeder, der sich schon einmal nach etwas Unbenanntem gesehnt hat, der gespürt hat, wie Freude aufblitzte und wieder erlosch, der in der Spannung zwischen Intimität und Distanz gelebt hat – der findet sich hier wieder. Deshalb findet das Album über Kulturen und Generationen hinweg Anklang.

Für Frauen, die in eine Welt eintauchen, die oft als männlich gilt – Bassmusik, Plattensammeln, Clubkultur –, wirkt „Untrue“ einladend. Seine Zärtlichkeit widersetzt sich dem Machismo. Seine Verletzlichkeit weckt Empathie. Es eröffnet einen Raum, in dem Emotionen keine Schwäche, sondern Stärke sind, in dem Zuhören kein Wettbewerb, sondern Verbindung ist. Burial hat ein Album geschaffen, das sagt: Auch du gehörst hierher.

Auf Vinyl verschmilzt das Knistern der Pressung nahtlos mit den Texturen der Platte, als wäre es Teil des Designs. Das Aufsetzen der Nadel klingt wie Regen; die Loops atmen wie die Stadt selbst. Das Album wird weniger zu einer Sammlung von Titeln als vielmehr zu einer einzigen Umgebung, einem Ort, in den man für eine Stunde eintauchen und aus dem man verändert wieder hervorkommt.

Auch siebzehn Jahre später hat „Untrue“ nichts von seiner Kraft verloren. Seine Klangtexturen sind nach wie vor eindringlich, seine Atmosphäre kraftvoll. Wenn überhaupt, wirkt das Album in einer Zeit digitaler Perfektion und Hypervernetzung sogar noch eindringlicher. Es erinnert uns an die Schönheit des Unvollkommenen, an die Ergreiftheit der Einsamkeit, an die seltsame Intimität des alleinigen Zuhörens. Es ist ein Album, das einen zur Ruhe kommen lässt, dazu auffordert, bei sich selbst zu verweilen und die Echos in den Rissen zu hören.

„Burial“ mag weiterhin schwer fassbar sein, doch „Untrue“ bedarf keiner Erklärung. Es spricht direkt zu uns – im Flüstern, in Echos, in Geistern. Es ist Musik, die nicht auf Spektakel setzt, sondern auf Präsenz – zerbrechlich, bruchstückhaft und durch und durch menschlich.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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