Candido – Beautiful (1970)

Candido – Beautiful (1970)

Afro-kubanischer Rhythmus trifft auf den Schimmer des Soul-Jazz – ein oft übersehenes Juwel.

Von Rafi Mercer

Manche Platten geraten in Vergessenheit, und wenn man sie wiederentdeckt, fühlt es sich an, als würde man ein Fenster zu einer vergessenen Skyline öffnen. „Beautiful“, 1970 vom kubanischen Conguero Candido Camero aufgenommen, ist eines dieser Alben. Einfach als Candido bekannt, war er der Perkussionist, der den afrokubanischen Rhythmus in die Adern des amerikanischen Jazz, der Latin-Dance-Bands und schließlich in die aufkommenden Grooves von Funk und Disco brachte. Als er „Beautiful“ aufnahm, war Candido bereits eine Legende: der Mann, der in den 1940er Jahren das Zwei-Conga-Set in New York einführte und mit Machito, Dizzy Gillespie, Sonny Rollins und unzähligen anderen spielte. Doch diese Platte – erschienen auf dem mit Blue Note verbundenen Label Solid State – zeigt ihn in einem anderen Licht, als Teil der Welle des lateinamerikanisch geprägten Soul-Jazz, der die Tanzflächen ebenso füllte wie die Hörräume.

Das Erste, was einem auffällt, ist die Wärme der Produktion. In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren gab es eine ganze Reihe von Platten, auf denen sich Jazzmusiker mit Überzeugung dem Groove hingaben, und „Beautiful“ baut auf diesem Prinzip auf. Die Rhythmusgruppe sorgt für einen straffen und gleichmäßigen Rhythmus, während Candidos Congas in jedem Stück eine dialogartige Percussion-Linie darüberlegen. Es gibt keine Unordnung. Jeder Schlag auf Fell und Holz ist bewusst platziert, wie ein Satzzeichen. Sein Schlagzeugspiel dominiert nicht, sondern belebt den Sound.

Der Titelsong „Beautiful“ ist ein gutes Beispiel dafür. Die Bläser spielen ein Thema, das eingängig ist, ohne kitschig zu wirken, der Groove setzt ein, und Candido setzt Akzente wie ein Tänzer, der den Boden markiert. Die Wirkung ist zugleich hypnotisch und feierlich – Musik für den Körper, aber auch für den Geist.

Bei Stücken wie „Samba Funk“ und „Congo Mulence“ legt die Band noch einen Gang zu. Das sind keine Latin-Jazz-Prunkstücke im auffälligen Sinne; es sind Groove-Maschinen. Candido tritt in einen Dialog mit dem Schlagzeuger, und gemeinsam schaffen sie ein rhythmisches Geflecht, das die Bläser und Keyboards vorantreibt. In diesen Grooves hört man Anklänge an New Yorker Clubs – die Schnittstelle zwischen Jazz und der aufkommenden Funk-Szene, das Publikum, das bereit ist, etwas Rohes, aber Raffiniertes zu hören.

Auch hier findet sich eine subtile Schönheit. Balladen wie „I Should’t Believe“ schaffen Raum und Zärtlichkeit, wobei die Congas eher eine sanfte Textur bilden als den Rhythmus voranzutreiben. Candido verstand es, sich zurückzuhalten. Er konnte eine Band zum Kochen bringen, aber er konnte auch für Ruhe sorgen und einer Melodie Raum zum Atmen geben. Diese Ausgewogenheit prägt „Beautiful “: Es ist kein Album voller ungebremster Intensität, sondern eines voller Stimmungen, Wechsel und Räume innerhalb von Räumen.

Was dieses Album für eine moderne Hörbar besonders faszinierend macht, ist seine Textur. Die Aufnahme fängt die Körnigkeit der Congas, das Schimmern der Becken und die runde Wärme der Blasinstrumente ein. Es ist Musik, die man förmlich spüren kann. Auf einer gut abgestimmten Anlage – etwa einem Paar Vintage-Klipschorns oder modernen Living-Voice-Lautsprechern – hört man nicht nur den Rhythmus, sondern spürt auch, wie sich die Luft um die Trommeln herum bewegt. Die Basslinie wird zum Möbelstück, die Percussion zur Architektur.

Candido selbst hatte eine ganz eigene Philosophie zum Thema Rhythmus: Er sei ein Dialog, niemals ein Monolog. Auf „Beautiful“ wird das deutlich hörbar. Er spielt nicht über der Band hinweg, sondern ist Teil der Band und webt Melodielinien, die die anderen beflügeln. Es ist ein Album der Gemeinschaft – wenn schon nicht dem Namen nach, so doch klanglich.

Im Sinne von „Tracks & Tales“ erinnert dies daran, dass Jazz nie eine geschlossene Form war. Candido brachte kubanische Traditionen nach New York, ließ sie mit Swing und Bop verschmelzen und wandte sich bis 1970 der Energie von Soul und Funk zu. Er war überall zu Hause, weil er verstand, dass Rhythmus universell ist. Und genau das macht „Beautiful“ zu einem versteckten Klassiker für eine Listening-Bar: Es überschreitet Grenzen, behält aber seinen menschlichen Kern bei.

Warum hält es sich so lange? Weil der Groove Bestand hat. Weil der Klang der Hände auf den Congas – gleichmäßig und sicher – alle Genres übergreift. Weil Schönheit manchmal nicht in der Perfektion liegt, sondern im Puls. Leg die Nadel auf „Beautiful“ und der Raum wird sich verwandeln: Schultern werden locker, Köpfe nicken, Stimmen finden ihren gemeinsamen Rhythmus. Das ist kein Spektakel, sondern Gemeinschaft.

Candido hat viele Alben aufgenommen, doch nur wenige davon zeichnen sich durch eine solche Klarheit und Wärme aus wie „Beautiful“. Es ist eines jener Alben, deren Entdeckung sich lohnt – ganz gleich, ob man in einem Hinterzimmerladen nach Schätzen stöbert oder einen Abend in einer Bar gestaltet, in der die Anlage auf Tiefe abgestimmt ist. Es wirkt zeitlos, weil es niemals Modetrends hinterherjagt. Es bietet einfach Rhythmus, Klang und Raum.

Setzen Sie die Nadel auf, lassen Sie die Congas erklingen und beobachten Sie, wie sich die Anwesenden um ihre Geschichte versammeln.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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