Charles Mingus – Mingus Ah Um (1959)

Charles Mingus – Mingus Ah Um (1959)

Von Rafi Mercer

Die ersten Sekunden von „Better Git It in Your Soul“ brechen herein wie eine Straßenparade, die in den Raum stürmt – Klatschen, Rufe, eine Bläsergruppe, die vor dem Mikrofon geradezu aufspringt. So beginnt Charles Mingus sein Album „Mingus Ah Um“ – mit einem Gospel-Ausruf von solcher Dringlichkeit, dass man sofort weiß: Das wird kein höflicher Jazz. Das ist Jazz, der Zeugnis ablegt. Jazz, der argumentiert. Jazz, der sich weigert, still in der Ecke zu sitzen.

Mingus’ Album, das 1959 aufgenommen wurde – jenem wundersamen Jahr, in dem auch „Kind of Blue“, „Giant Steps“ und „Time Out“ entstanden –, wirkt sowohl als Teil dieser Ära als auch völlig losgelöst davon. Während Davis nach modaler Klarheit, Coltrane nach harmonischem Aufschwung und Brubeck nach rhythmischer Geometrie strebte, verfolgte Mingus etwas Wilderes, Widersprüchlicheres, Menschlicheres. Seine Musik auf „Mingus Ah Um“ trägt die Energie von Ellingtons Orchestern, die Freiheit des Bebop, das Feuer der Kirche und die hartnäckige Wut des Blues in sich – alles gebrochen durch Mingus’ unberechenbare, rastlose Fantasie.

Mingus war ebenso sehr Dramatiker wie Bassist. Seine Kompositionen verharren selten in einer einzigen Stimmung; sie wandeln sich, prallen aufeinander und ändern mitten im Fluss ihren Kurs. „Mingus Ah Um“ ist eine Suite aus Charakteren, Geschichten und Stimmungen. Es ist, als hätte er sich vorgenommen, das gesamte Spektrum des Lebens der schwarzen Amerikaner in Klängen einzufangen – vom Gebet bis zum Protest, von Zärtlichkeit bis zur Wut. Das Ergebnis ist eines der lebendigsten und unberechenbarsten Alben des Jazz.

Nach dem evangelischen Feuer des Eröffnungsstücks folgt „Goodbye Pork Pie Hat“, eine Klagelied, das für den Saxophonisten Lester Young geschrieben wurde, der Anfang desselben Jahres verstorben war. Die Melodie ist traurig, aber niemals rührselig; sie baut auf langen, seufzenden Linien auf, die klingen, als würde die Trauer langsam Gestalt annehmen. Das Arrangement, üppig und doch zurückhaltend, zeigt Mingus’ Begabung für die Orchestrierung – seine Fähigkeit, Parts zu schreiben, die spontan wirken, aber wie ein Uhrwerk ineinandergreifen. Es ist eine der großen Elegien des Jazz, sofort einprägsam und doch unendlich ausdrucksstark.

„Boogie Stop Shuffle“ sorgt erneut für einen Stimmungswechsel – ein Stück, das von einem Riff getragen wird, das zugleich Boogie-Woogie, Shuffle und Hard Bop ist. Die Bläser knallen, die Rhythmusgruppe treibt das Tempo voran, die Soli schießen hin und her. Es ist zugleich verspielt und wild – eine Erinnerung daran, dass für Mingus Freude und Aggression oft untrennbar miteinander verbunden waren. „Self-Portrait in Three Colors“ verlangsamt das Tempo – ein Stück von atemberaubender Schönheit, das gänzlich ohne Improvisation auskommt: ein durchkomponiertes Werk, das Mingus’ Affinität zur klassischen Form offenbart.

Auf dem gesamten Album zeigt Mingus seine Einflüsse ganz offen. „Open Letter to Duke“ würdigt Ellington, Mingus’ größtes Vorbild, nicht durch Nachahmung, sondern im Dialog. Der Titel ist zugleich ehrfürchtig und respektlos – eine Hommage, die Mingus’ eigene Stimme bekräftigt. „Fables of Faubus“ ist direkter Protest, der den Gouverneur von Arkansas, Orval Faubus, wegen seiner Ablehnung der Schulintegration verspottet. Die Columbia-Veröffentlichung enthielt lediglich eine Instrumentalversion, doch auch ohne Text sind Sarkasmus und Wut deutlich zu hören. Die Riffs spotten, die Bläser stechen zu, der Groove weigert sich, zur Ruhe zu kommen. Es ist Satire in Klangform, ein Beweis dafür, dass Mingus den Jazz ebenso sehr als Mittel der Politik wie der Kunst betrachtete.

Was diese wechselnden Stimmungen verbindet, ist Mingus selbst – sein Bass steht zwar nicht immer im Vordergrund, spielt aber stets eine zentrale Rolle und verankert das Chaos mit einem körperbetonten, kraftvollen Klang. Seine Präsenz zeigt sich in der Komposition, in der Art und Weise, wie das Ensemble anschwillt und sich wieder zusammenzieht, in dem ständigen Gefühl, dass die Musik jeden Moment auseinanderfliegen könnte, um sich dann doch in letzter Sekunde wieder zusammenzufügen. Er liebte diese Grenze, den Rand des Zusammenbruchs. Das verlieh seiner Musik eine Vitalität, die höflichen Arrangements fehlte.

„Mingus Ah Um“ besticht zudem durch sein Tempo. Das Album verläuft wie eine Suite, in der sich Raserei und Ruhe, Wut und Anmut abwechseln. Die Reihenfolge der Stücke sorgt dafür, dass sich der Hörer nie lange wohlfühlt. Kaum hat man sich auf eine Stimmung eingestellt, wird man schon von einer anderen unterbrochen. Diese Unruhe ist das Wesen von Mingus’ Kunst: sich einer Auflösung zu verweigern und darauf zu bestehen, dass Widersprüche gehört werden. Das Leben lässt sich schließlich nicht sauber auflösen. Genauso wenig wie diese Platte.

Auch die Band ist bemerkenswert. John Handy, Booker Ervin, Shafi Hadi und andere bilden eine Holzbläsergruppe, die sowohl Zärtlichkeit als auch Biss zeigen kann. Der Posaunist Jimmy Knepper sorgt für blechbläsernes Gewicht. Der Pianist Horace Parlan liefert grundlegende Akkorde und kantige Soli. Sie spielen Mingus’ launische Arrangements sowohl diszipliniert als auch hemmungslos – ein Beweis für seine Fähigkeit, Loyalität zu wecken, auch wenn er seine Begleitmusiker mit Ausbrüchen und Forderungen in Angst und Schrecken versetzte.

Wenn man sich „Mingus Ah Um“ heute anhört, wird einem wieder bewusst, wie vielfältig Jazz sein kann. Es ist ein Album, das eine Vielzahl von Stilrichtungen vereint – Gospel, Blues, Swing, Moderne, Protest – ohne dabei eine davon zu verwässern. Es ist zugleich tief in der Tradition verwurzelt und äußerst zukunftsweisend. Es macht deutlich, dass Jazz nicht nur eine Sache, sondern viele ist und dass seine Lebendigkeit gerade in dieser Vielfalt liegt.

Was diese Platte auch nach mehr als sechzig Jahren noch lebendig hält, ist ihre Weigerung, zur Hintergrundmusik zu werden. Legt man sie auf, verändert sich die Atmosphäre im Raum. Die Energie von „Better Git It in Your Soul“ ist ansteckend; die Melancholie von „Goodbye Pork Pie Hat“ legt sich wie die Abenddämmerung über den Raum. Das Album läuft nicht einfach höflich im Hintergrund; es verlangt Aufmerksamkeit, Reaktion, Einbeziehung. Es ist Musik, die darauf besteht, mit ihr gelebt zu werden, und nicht nur oberflächlich konsumiert zu werden.

Charles Mingus selbst bleibt eine der komplexesten Figuren des Jazz – visionär, launisch, zärtlich, wütend. „Mingus Ah Um“ mag zwar sein zugänglichstes Album sein, aber es ist keineswegs einfach. Es ist ein Spiegelbild von Mingus selbst: widersprüchlich, leidenschaftlich, überlebensgroß. Es ist ein Album, das argumentiert, verführt, provoziert, trauert und feiert – manchmal alles innerhalb eines einzigen Titels.

Wenn man sie heute hört, hört man nicht nur den Klang des Jahres 1959, sondern auch den Klang zeitloser menschlicher Kämpfe und Freuden. Es ist eine jener Platten, die sich dauerhaft präsent anfühlen, nicht in ihrer Epoche gefangen, sondern jedes Mal, wenn die Nadel auflegt, aufs Neue belebt. Mingus wollte, dass seine Musik lebt, atmet und kämpft. Auf „Mingus Ah Um“ tut sie das immer noch.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ finden Sie unter Abonnieren, oder Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.
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