Coltrane Jazz – John Coltrane (1961)
Der Klang eines Meisters, der seine eigene Stimme findet
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, die eine Ära prägen, und es gibt Alben, die einen Künstler in dem Moment einfangen, in dem er kurz davor steht, sich zu etwas völlig Neuem zu entwickeln.
„Coltrane Jazz “ ist eine dieser Platten.
Das Anfang 1961 erschienene Album markiert einen der faszinierendsten Momente in John Coltranes Karriere. Es entstand unmittelbar nach seiner außergewöhnlichen Zusammenarbeit mit Miles Davis und den Aufnahmen zu „Kind of Blue“, jedoch noch vor den spirituellen und harmonischen Umwälzungen, die zu „My Favorite Things“, „Crescent“ und schließlich zu „A Love Supreme“ führen sollten. Es dokumentiert einen Musiker, der nicht mehr der Vision eines anderen folgt, sondern beginnt, das volle Ausmaß seiner eigenen Vision zu entdecken.

Schon allein deshalb ist es ein absolutes Muss.
Wenn viele Menschen an John Coltrane denken, stellen sie sich meist einen von zwei Musikern vor. Da ist zum einen der junge Tenorsaxophonist, dessen unerbittlicher Elan das Miles-Davis-Quintett grundlegend veränderte, und zum anderen der spätere Visionär, dessen Musik zunehmend spiritueller, weitreichender und furchtloser wurde. Coltrane Jazz befindet sich genau zwischen diesen beiden Welten.
Es ist weder das eine noch das andere.
Es ist beides.
Das Album entstand aus Aufnahmen, die zwischen Ende 1959 und Ende 1960 für Atlantic Records entstanden waren – in einer der produktivsten Phasen des Modern Jazz. Coltrane entwickelte sich fast monatlich weiter. Seine Technik war mittlerweile erstaunlich, doch noch wichtiger war, dass seine Neugierde nicht mehr zu bändigen war. Jede Aufnahme schien eine etwas andere Frage zu stellen.
Wohin könnte die Harmonie führen?
Wie lange könnte eine Melodie atmen?
Wie viel Gefühl kann in einem einzigen Satz stecken?
Diese Fragen ziehen sich durch das gesamte Werk „Coltrane Jazz“.
Schon in den ersten Takten von „Little Old Lady“ sind Coltranes berühmte „Sheets of Sound“ unverkennbar. Lange Notenströme fließen mühelos durch komplexe Akkordwechsel, doch trotz der bemerkenswerten technischen Fertigkeit wirkt nichts davon jemals wie eine Übung. Jede Lauffolge hat eine Richtung. Jede Phrase scheint nach einer weiteren Möglichkeit zu suchen, die sich direkt jenseits der Harmonie verbirgt.
Man vergisst leicht, wie revolutionär das damals klang.
In der Jazzimprovisation wurde Erfindungsreichtum schon immer belohnt, doch Coltrane näherte sich der Harmonie mit einer fast wissenschaftlichen Neugier. Anstatt die Akkorde nur zu verzieren, erkundete er jeden Winkel von ihnen und deckte dabei Klangfarben auf, an die viele Musiker einfach nie gedacht hatten.
Wenn man sich das heute anhört, wirken diese Ideen immer noch bemerkenswert frisch.
Dennoch ist „Coltrane Jazz“ nicht einfach nur ein Album, bei dem es um Virtuosität geht.
Was mich jedes Mal, wenn ich mich wieder damit beschäftige, am meisten überrascht, ist, wie lyrisch es bleibt. Hinter der Komplexität verbirgt sich eine außergewöhnliche Wärme. Coltrane verliert die Melodie nie aus den Augen, ganz gleich, wie gewagt die Improvisation auch werden mag.
Diese Menschlichkeit kommt vielleicht am schönsten in „Village Blues“ zum Ausdruck.
Das Tempo verlangsamt sich.
Die Stimmung lockert sich auf.
Die Unterhaltung wird leiser.
Coltranes Klang ist voll, rund und äußerst ausdrucksstark und erinnert uns daran, dass es bei großartigem Jazz niemals nur um Komplexität geht. Es geht um Kommunikation. Jede Phrase wirkt wohlüberlegt. Jede Note scheint emotionale Tiefe zu besitzen.
Dann gibt es noch „Like Sonny“, das als Hommage an Sonny Rollins geschrieben wurde.
Anstatt zu versuchen, ihn nachzuahmen, drückt Coltrane seine Bewunderung durch Originalität aus. Man hört zwar Rollins’ Einfluss in der Melodieführung, doch die Improvisation ist ganz und gar Coltranes eigenes Werk. Es ist der Klang eines Musikers, der einen seiner Helden würdigt und gleichzeitig selbstbewusst über ihn hinauswächst.
Vielleicht ist das ja die Geschichte des gesamten Albums.
Für alle, die sich in „Kind of Blue“ verliebt haben, bietet „Coltrane Jazz“ das nächste Kapitel.
Miles Davis hatte den Weg für den modalen Jazz geebnet, indem er die harmonische Dichte des Bebop zugunsten von Raum, Stimmung und Freiheit reduzierte. Coltrane machte sich diese Ideen zu eigen, doch anstatt sich damit zufrieden zu geben, begann er sofort zu hinterfragen, wohin sie führen könnten.
Der Unterschied ist subtil, aber tiefgreifend.
Während „Kind of Blue“ den Hörer oft dazu einlädt, in der Harmonie zu schweben, lotet „Coltrane Jazz“ sanft deren Grenzen aus. Die Improvisationen reichen weiter. Die harmonische Sprache wird experimentierfreudiger. Die emotionale Intensität nimmt still und leise zu.
Man kann fast hören, wie Coltrane sich weigert, stillzustehen.
Diese unstillbare Neugier sollte alles, was danach kam, prägen.
Innerhalb weniger Monate nahm er „My Favorite Things“ auf und verwandelte damit ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Broadway-Stück in eines der prägendsten Werke des modalen Jazz. Bald darauf folgten „Olé Coltrane“, „Africa/Brass“, „Ballads“, „Crescent“ und schließlich „A Love Supreme“ – das vielleicht bedeutendste spirituelle Statement, das jemals im Jazz aufgenommen wurde.
Die Keime all dieser Alben sind hier bereits vorhanden.
Noch nicht vollständig ausgeprägt.
Aber unverkennbar lebendig.
Deshalb verdient „Coltrane Jazz“ es, als weit mehr als nur ein Übergangsalbum wahrgenommen zu werden.
Gerade in Zeiten des Wandels zeigen sich Künstler oft von ihrer ehrlichsten Seite. Erfolg kann zur Wiederholung verleiten. Große Künstler entscheiden sich stattdessen für die Weiterentwicklung.
Coltrane hätte ohne Weiteres der brillante Saxophonist aus der Band von Miles Davis bleiben können.
Stattdessen entschied er sich für die Ungewissheit.
Er entschied sich für die Entdeckung.
Er entschied sich für den schwierigeren Weg.
Auch heute noch, mehr als sechzig Jahre nach seiner Veröffentlichung, wirkt das Album lebendig, weil es eher den Weg als das Ziel einfängt. Es ist der Klang eines Künstlers im Werden, und es gibt kaum etwas Faszinierenderes, als mitzuerleben, wie Größe in Echtzeit entsteht.
Jede Note weist nach vorne.
Jedes Solo wirft eine neue Frage auf.
Jeder Titel erinnert uns daran, dass sich die größten Musiker selten mit dem begnügen, was sie bereits erreicht haben.
Dieser Geist der unstillbaren Neugier ist der Grund, warum Coltrane-Jazz auch heute noch so wichtig ist.
Nicht, weil es das Ziel darstellt.
Weil es uns ermöglicht, mitzuerleben, wie sich eine der großartigsten Reisen der Musik entfaltet – eine außergewöhnliche Phrase nach der anderen.
Ist „Coltrane Jazz“ ein guter Nachfolger von „Kind of Blue“?
Auf jeden Fall. Der Film zeigt Coltrane unmittelbar nach seiner Zusammenarbeit mit Miles Davis und verdeutlicht, wie schnell sich seine eigene musikalische Identität entwickelte.
Warum ist das Album wichtig?
Es schlägt eine Brücke zwischen Coltranes Hard-Bop-Jahren und den bahnbrechenden modalen und spirituellen Aufnahmen, die den Rest seiner Karriere prägen sollten.
Worauf sollte ich achten?
Im Mittelpunkt steht die Balance zwischen außergewöhnlichem technischem Können und lyrischer Wärme. Selbst in seinen experimentierfreudigsten Momenten verliert Coltrane niemals die Melodie oder die Emotion aus den Augen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.
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