Crazy P – Walk Dance Talk Sing (2015)

Crazy P – Walk Dance Talk Sing (2015)

Ein warmes, gefühlvolles Album, auf dem Rhythmus und Gespräch miteinander verschmelzen. 

Von Rafi Mercer

Hin und wieder erinnert einen eine Platte daran, dass Groove auch intim sein kann – dass Rhythmus flüstern statt schreien kann. „Walk Dance Talk Sing“ von Crazy P, das 2015 erschien, ist ein solches Album. Es gehört zu jenen Platten, die auf den ersten Blick von der Tanzfläche zu handeln scheinen, doch je länger man sie hört, desto mehr wird einem klar, dass es eigentlich um das Leben geht – um Bewegung, Sprache, Verbundenheit und die stille Freude, im Einklang mit sich selbst zu sein.

Crazy P haben ihr Handwerk seit Ende der 90er Jahre immer weiter verfeinert und den Weg von der Nottinghamer Underground-Szene bis hin zu internationaler Anerkennung geschafft, ohne dabei jemals diese handgemachte Wärme zu verlieren. Als sie „Walk Dance Talk Sing“ aufnahmen, hatten sie zwanzig Jahre Erfahrung mit Clubmusik, Soul und Live-Auftritten zu etwas Fließendem und wunderbar Ausgereiftem verdichtet. Das ist kein Retro-Revival, sondern erwachsener Hedonismus.

Das Album beginnt mit „Like a Fool“ – einem bittersüßen Rhythmus, der in einer schummrig beleuchteten Bar genauso gut klingen könnte wie bei einem Set bei Sonnenaufgang. Danielle Moores Gesang gleitet wie ein Gespräch herein: offen, gesprächig, ungezwungen. Hier gibt es keine Diva-Allüren, nur Präsenz – ihre Stimme liegt irgendwo zwischen Seide und Rauch. Die Rhythmusgruppe ist üppig, aber zurückhaltend, Jim Barons Basslinie atmet eher, als dass sie hüpft, Chris Todds Produktion ist subtil und tiefgründig.

Über eine gute Stereoanlage wirkt „Walk Dance Talk Sing“ dreidimensional. Jede Klangschicht schwebt in ihrer eigenen Luftblase – der Kick rund und warm, die Rhodes-Tasten leuchten wie Bernstein, die Gitarren streifen gerade noch den Rand des Funk. Es ist ein Album, das für Räume gemischt wurde, nicht für Ohrhörer. Man kann fast sehen, wie sich der Klang durch den Raum bewegt – Reflexionen an Glas, Hall an den Wänden, Licht auf den Gesichtern.

„Magnetise“ fängt diese Crazy-P-Alchemie in ihrer besten Form ein. Der Groove ist schwungvoll, ohne jemals in Effekthascherei abzudriften. Hier herrschen Kontrolle, Gelassenheit und Geduld. Die Bläser flirten am Rande, die Percussion klickt wie ein Gespräch, und Danielle liefert eine Zeile, die nachhallt: „You keep me magnetised.“ Es ist Disco, ja, aber es ist auch Philosophie – Anziehung als Umlaufbahn, Liebe als Schwerkraft.

An anderer Stelle taucht „Cruel Mistress“ in den Slow-Motion-Soul ein, wobei der Bass unter einem Beat im halben Tempo verschmilzt; „Something More“ erhebt sich auf einer Welle aus Synthesizerklängen und Zurückhaltung. Der Titelsong – „Walk Dance Talk Sing“ – ist reines Ethos: tun, sich bewegen, sprechen, zuhören. Es ist ein Manifest für ein rhythmisches Leben, dafür, sich der eigenen Bewegung durch die Welt bewusst zu bleiben.

Was Crazy P von ihren Nachahmern unterscheidet, ist das Gespür. Jede Frequenz wirkt gespielt, nicht programmiert. Die EQ-Kurve strahlt Emotion aus. Ihre Mixe tragen ihre Handschrift. Man merkt, dass sie mit Schallplatten aufgewachsen sind und nicht mit Presets. In einer Zeit quantisierter Präzision lassen sie immer noch das menschliche Wackeln zu – das leichte Nachhinken der Hi-Hats, die Wärme unvollkommener Stimmung. Das ist es, was dem Album seinen Puls verleiht.

In einer Hörbar entfaltet diese Platte einen ganz eigenen Glanz. Der Bass brummt tief und voll und erfüllt den Raum wie ein langsamer Atemzug. Die Höhen schimmern, ohne jemals zu schneiden. Moores Stimme landet genau dort, wo sich die Luft am dichtesten anfühlt. Man kann sich dabei unterhalten oder die Augen schließen und sich von ihr leiten lassen – das Kennzeichen wahrer Hörmusik.

Textlich kommt eine stille Reife zum Ausdruck. Es sind keine Lieder über Flucht, sondern über Präsenz. Darüber, im eigenen Körper, in der eigenen Stadt und in den eigenen Freundschaften zu bleiben. Darüber, die Neugier nicht zu verlieren. Die Botschaft wirkt subtil, ist aber wichtig: Freude ist nicht naiv – sie ist bewusst gewählt.

Wenn „Witch Doctor“ schließlich in sein hypnotisches Outro übergeht, wird einem klar, dass der Titel des Albums kein Zufall ist. Es ist eine Abfolge, fast schon eine Meditation: Gehen. Tanzen. Sprechen. Singen. Die Verben der Verbundenheit. Jedes einzelne davon ein Akt des Menschseins.

Manche Alben versuchen, dich in höhere Sphären zu entführen. Dieses hier hilft dir einfach dabei, anzukommen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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