„Dance, No One’s Watching“ – Ezra Collective (2024)

„Dance, No One’s Watching“ – Ezra Collective (2024)

Befreiung im Rhythmus

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die einen zum Tanzen animieren, und dann gibt es Alben, die einen vergessen lassen, dass man überhaupt beobachtet wird. „Dance, No One’s Watching“, erschienen im Jahr 2024, gehört zur zweiten Kategorie – ein Bekenntnis zur musikalischen Freiheit, eine Hommage an die Freude, eine Einladung, sich ganz dem Rhythmus hinzugeben. Das ist kein Jazz im Museum; es ist Jazz in Bewegung, in Körpern, auf den Straßen, in dunklen Räumen, die von Bass und Blechbläsern erhellt werden.

Das Ezra Collective hatte sich bereits als Vorreiter der Londoner Jazz-Renaissance etabliert. Ihr mit dem Mercury Prize ausgezeichnetes Album „Where I’m Meant to Be“ bewies, dass Jazz im Zentrum der zeitgenössischen Kultur stehen kann und nicht an deren Rand. Mit „Dance, No One’s Watching“ machten sie diese Überzeugung zu einer Philosophie: Bewegung als Befreiung, Groove als Gemeinschaft, Tanz als radikaler Ausdruck.

Das Album entfaltet sich wie eine Nacht in einzelnen Kapiteln. Ein anschwellender Auftakt schafft die Kulisse, bevor in „The Herald“ Bläser und Trommeln losbrechen und mit einem zugleich feierlichen wie eindringlichen Ruf die Tanzfläche einladen. „Palm Wine“ sorgt für einen sanfteren Schwung – eine Anspielung auf karibische und westafrikanische Traditionen, die das musikalische Gefüge Londons so stark prägen. Das Album wird von Zwischenspielen unterbrochen – Momenten, die sich anfühlen, als würde man den Raum verlassen, um Luft zu holen, nur um dann wieder hineingezogen zu werden, sobald der Puls wieder einsetzt. Jeder Akt führt den Hörer tiefer in den Verlauf der Nacht hinein.

Im Mittelpunkt steht „Dance No One’s Watching“, ein Titel, der die Essenz des Albums auf den Punkt bringt. Er ist zugleich zart und explosiv: Klavierfiguren, die wie Laternenlicht umherkreisen, Bläser, die mit Wärme emporsteigen, und ein Schlagzeug, das den Körper in Bewegung versetzt. Der Titel ist weniger eine Anweisung als vielmehr eine Einladung. Frei zu tanzen, unbeobachtet, ohne beurteilt zu werden – das ist das Versprechen des Albums.

Über die gesamte Länge hinweg glänzt das Zusammenspiel der Band. Femi Koleosos Schlagzeugspiel ist unruhig und präzise zugleich und verschmilzt Afrobeat, Swing und Hip-Hop zu einer fließenden Sprache. TJ Koleosos Bass verankert die Musik mit Schwere und Schwung und verleiht jedem Titel einen unwiderstehlichen Groove. Ife Ogunjobis Trompete und James Mollisons Saxophon huschen hin und her und verweben sich, mal eng miteinander verschlungen, mal in spielerischem Kontrapunkt miteinander ringend. Joe Armon-Jones färbt das gesamte Klangbild ein, während seine Tasten schimmern, anschwellen und sich in die Klangtextur auflösen. Gemeinsam schaffen sie Musik, die sowohl diszipliniert als auch überschwänglich ist und sowohl den Kopf als auch den Körper anspricht.

Was das Album so bemerkenswert macht, ist seine Ausgewogenheit zwischen Energie und Intimität. Die Dancefloor-Hymnen schlagen mit voller Wucht ein – Tracks, die Wände zum Beben bringen, Schultern zum Wackeln bringen und die Stimmen dazu auffordern, im Refrain mitzusingen. Doch dazwischen liegen Momente der Besinnung: ein Gesang, der sich ganz nah heranschmiegt, eine Ballade, die sich in Stille ausdehnt, eine Melodielinie, die sich wie ein Geständnis anfühlt. Diese ruhigeren Passagen erinnern uns daran, dass die Nacht kein ununterbrochener Rausch ist, sondern ein Wechsel von Höhepunkten und Stille, von Jubel und Ruhe.

Die kulturelle Botschaft ist unmissverständlich. In einer Zeit, in der das Leben unter ständiger Beobachtung steht – durch Überwachung, durch Feeds, durch Selbstinszenierung –, entwirft „Dance, No One’s Watching“ eine alternative Vision. Das Album bekräftigt, dass Freude zugleich privat und gemeinschaftlich sein kann, dass Freiheit im Körper beginnt und dass Gemeinschaft nicht nur durch Worte, sondern auch durch Rhythmus entsteht. Es ist ein Album, das das Überleben durch Bewegung, die Widerstandsfähigkeit durch Klang und das Zugehörigkeitsgefühl durch gemeinsam verbrachte Zeit feiert.

In der Hörbar offenbart das Album seine wahre Struktur. Bassbeben lassen die Dielen vibrieren, die Bläser entzünden sich wie Leuchtraketen, das Schlagzeug knallt mit körperlicher Unmittelbarkeit durch die Luft. Doch es ist der Raum um diese Klänge herum, der das Gewicht trägt: die Pause, bevor der Beat einsetzt, das Anschwellen der Tasten, das in Stille übergeht, der Atem zwischen den Bläserphrasen. Der Raum selbst wird Teil der Komposition, eine Erweiterung des Grooves, als würden sich die Wände nach innen neigen, um zuzuhören.

Die Brillanz des Ezra Collective liegt nicht nur in ihrer musikalischen Meisterschaft, sondern auch in ihrem Vertrauen – dem Vertrauen in den Groove, in die Freude und in die Gewissheit, dass andere in ihre Welt eintauchen werden, wenn sie aus dieser heraus spielen. „Dance, No One’s Watching“ verwässert den Jazz nicht, um ihn zugänglicher zu machen; es erweitert ihn, indem es Afrobeat, Soul, Reggae, Grime und Gospel einbezieht, bis die Grenzen verschwinden. Es ist ein Album seiner Zeit und ein Album für die Ewigkeit, das dazu bestimmt ist, sowohl in schweißtreibenden Clubs als auch in stillen Räumen, die für intensives Zuhören geschaffen sind, nachzuklingen.

Wer zu diesem Album zurückkehrt, wird daran erinnert, dass Freiheit oft in den einfachsten Handlungen zu finden ist: ein Körper, der sich im Rhythmus bewegt, ein Lied, das einen über sich selbst hinausführt, eine Nacht, die trotz der Welt da draußen auf Freude besteht. Ezra Collective fangen diesen Geist mit Überzeugung ein. „Dance, No One’s Watching“ ist nicht nur ein Albumtitel; es ist eine Einladung, ein Manifest, eine Erinnerung daran, dass die wichtigste Aufgabe der Musik darin besteht, uns zu bewegen – gemeinsam, ungezwungen, frei.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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