Dizzy Reece – Star Bright (1959)

Dizzy Reece – Star Bright (1959)

Die Londoner Geschichte einer Trompete, erzählt aus der Perspektive des Blue Note.

Von Rafi Mercer

Manche Platten tragen die Geschichte der Migration in sich. „Star Bright“, aufgenommen im Jahr 1959, ist ein solches Album. Dizzy Reece, der in Jamaika geborene Trompeter, der sich in London seine Sporen verdient hatte, bevor er seinen Weg nach New York fand, kam mit Feuer in seinem Horn und Geschichten in seinem Phrasieren zu Blue Note. Diese Platte fängt ihn in voller Blüte ein, wie er Schulter an Schulter mit einigen der besten Musiker jener Zeit steht und dennoch unverkennbar seinen eigenen Stil bewahrt.

Schon allein die Besetzung zeigt, wie hoch Alfred Lion und Francis Wolff Reece einschätzten. An seiner Seite spielen Hank Mobley am Tenorsaxophon, Wynton Kelly am Klavier, Paul Chambers am Bass und Art Taylor am Schlagzeug – eine Besetzung, die eine Platte automatisch zu einem Teil der Blue-Note-Geschichte macht. Doch es ist Reece, der die Session vorantreibt. Sein Trompetenton ist hell, aber nicht spröde, fest, aber nicht schrill. Er hat eine Art, die Töne anzusetzen, die ihnen Form verleiht, wie gemeißelter Stein, und sie dann warm nachklingen lässt.

Schon beim Eröffnungsstück „The Rake“ hört man einen Mann, der von seinen Ideen überzeugt ist. Das Thema ist eingängig, aber kantig – eine Melodie, die mit der Rhythmusgruppe tanzt, anstatt sich über sie zu erheben. Mobley antwortet mit seiner gewohnten Anmut, Kelly setzt Akkorde ein, die wie nasser Asphalt im Schein der Straßenlaternen funkeln, und Chambers und Taylor halten den Motor mühelos am Laufen. Doch bei allem ist es Reeces Trompete, die ins Ohr fällt – selbstbewusst, lebendig, niemals schüchtern.

Der Titelsong „Star Bright“ zeigt eine andere Seite. Es ist ein lyrisches Stück, eine Ballade, in der er seine Phrasierung über weite Bögen ausdehnt. Reece spielt, als seien Worte überflüssig, und lässt das Horn die Stimmung atmen. Kellys Klavier ist zart, Chambers’ Bass unterstützend, Taylor flüstert auf den Becken. Es ist nicht im kitschigen Sinne sentimental; es ist klar und würdevoll – die Art von Ballade, die sich eher wie eine Erinnerung anfühlt als wie eine Darbietung.

Reeces Kompositionen bilden das Herzstück des Albums. „The Story of Love“ verbindet Swing mit einer erzählerischen Note, wobei sich die Bläserparts wie Kapitel entfalten. „A Variation on Monk“ ist eine Hommage an Thelonious, voller scharfer Kanten und hintergründigem Witz, jedoch durch Reeces Stimme gebrochen. „Groovesville“ ist genau das, was der Titel vermuten lässt: ein Song, bei dem man unwillkürlich mit dem Kopf nickt – ein Stück, das den Eindruck vermittelt, als sei es eigens dafür geschaffen worden, über einer großartigen Rhythmusgruppe zu improvisieren.

Und dann ist da noch „The Shadow of Khan“, ein Abschlussstück, das sich fast wie ein Kinofilm anfühlt. Die Bläser spielen ein Thema, das Größe und Dramatik vermittelt, und die Soli bauen Spannung auf, ohne dabei den Swing zu verlieren. Es erinnert daran, dass selbst im Jahr 1959, als der modale Jazz auf dem Vormarsch war und avantgardistische Tendenzen in der Luft lagen, eine Blue-Note-Platte immer noch etwas Gewagtes und Zukunftsweisendes liefern konnte, das dennoch fest im Groove verwurzelt war.

Auf Vinyl erstrahlt die Aufnahme von Rudy Van Gelder in vollem Glanz. Die Trompete hat Körper und Biss, das Tenorsaxophon Wärme, das Klavier klare Konturen, der Bass schwingt mit, das Schlagzeug füllt den Raum mit Leben. Es ist eine Session, die für die Ewigkeit aufgenommen wurde, und in einer Hörbar hat sie jene Spritzigkeit und Präsenz, die alle Blicke auf die Lautsprecher lenkt. Spielt man zu Beginn des Abends „The Rake“, spürt man, wie die Luft sich spannt; lässt man später „Star Bright“ erklingen, kann man beobachten, wie der Raum in andächtige Stille versinkt.

Was „Star Bright“ so zeitlos macht, ist nicht nur das Spiel, sondern auch der Kontext. Reece war in mehr als einer Hinsicht ein Außenseiter: ein Jamaikaner in der Londoner Hard-Bop-Szene, später ein Londoner in New York. Diesen Außenseiterstatus trug er in seiner Musik mit sich – nicht als Entfremdung, sondern als Perspektive. Sein Trompetenspiel ist selbstbewusst, ohne arrogant zu wirken, lyrisch, ohne verklärt zu klingen. Er klingt wie jemand, der etwas zu beweisen hat, aber auch etwas zu teilen. Diese Spannung verleiht der Platte ihre Lebendigkeit.

Im Sinne von „Tracks & Tales“ ist „Star Bright“ die perfekte Platte für eine Bar. Sie hat Energie ohne Bombast, Intelligenz ohne Anmaßung, Swing ohne Ermüdung. Es ist die Art von Platte, die sowohl denen gut gefällt, die die Details kennen – die Geschichte, die Besetzung, den Platz in der Blue-Note-Geschichte –, als auch denen, die das nicht wissen und einfach nur ein Bläsersolo hören, einen swingenden Rhythmus und einen lebendigen Raum.

Es hat Bestand, weil es ehrlich ist. Weil es einen Moment einfängt, in dem sich ein Trompeter aus Jamaika in der Gesellschaft von Giganten wiederfand und sich nicht einschüchtern ließ. Weil es die Sprache des Bop aufgreift und sie mit einem ganz eigenen Akzent spricht. Und weil es auch ein halbes Jahrhundert später noch nach Möglichkeiten klingt.

Setz die Nadel auf und lass Reeces Horn erklingen. Hell, sicher und klar.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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