DJ Sprinkles – Midtown 120 Blues (2009)

DJ Sprinkles – Midtown 120 Blues (2009)

Von Rafi Mercer

Ein leises Rauschen, ein Bass-Pulsieren und dann ein tiefer, schwingender Kick. Der Sound ist House, unverkennbar. Doch darüber legt sich eine Stimme – gesprochen, ruhig, nachdenklich. Terre Thaemlitz, die Künstlerin hinter DJ Sprinkles, sagt uns: „House-Musik ist nicht universell. House-Musik ist verschlüsselt. House-Musik ist queer.“ Schon seit seinem allerersten Track, „Midtown 120 Blues“, der 2009 erschien, weigert sich das Projekt, House als bloße Tanzflächenmusik zu behandeln. Stattdessen definiert es House neu als Geschichte, Zeugnis und Politik – ein Tagebuch des Nachtlebens, in dem Überleben und Identität in jedem Beat verankert sind.

Thaemlitz, eine Transfrau, DJane, Produzentin und Autorin, hatte sich schon lange mit den Schnittstellen zwischen Musik, Identität und Kritik auseinandergesetzt. Mit „Midtown 120 Blues“ schuf sie das, was viele als das definitive Deep-House-Album des 21. Jahrhunderts betrachten. Es ist nicht auffällig und nicht auf die Euphorie der Peak-Time ausgelegt. Die Tempi sind zurückhaltend, die Klangtexturen warm, aber melancholisch. Auf fast 80 Minuten baut es eine Welt aus langsamen Grooves, geflüsterten Erzählungen und tiefer Resonanz auf – Musik, die man ebenso zum Zuhören wie zum Tanzen genießen kann.

Der Eröffnungstitel „Midtown 120 Intro“ legt die These dar: House entstand in den queeren, schwarzen und lateinamerikanischen Clubs von New York, Chicago und darüber hinaus. Es war Musik des Überlebens, eine verschlüsselte Sprache, ein Gemeinschaftsritual. Es aus diesem Kontext zu reißen und als neutralen Hedonismus zu behandeln, bedeutet, seine Wurzeln auszulöschen. Das Album setzt auf Erinnerung.

Von dort aus entfalten sich Tracks wie „House Music Is Controllable Desire You Can Own“ mit tiefen Basslines, warmen Akkorden und hypnotischen Wiederholungen. Der Groove ist unwiderstehlich, doch darunter verbirgt sich Melancholie. „Ball’r (Madonna Free Zone)“ ist zugleich verspielt und pointiert und erobert den Raum für House zurück, fernab von der Aneignung durch den Pop. „Brenda’s $20 Dilemma“ verlangsamt das Tempo noch weiter, sein Groove ist so tief, dass er sich fast unterirdisch anfühlt.

Was dieses Album so außergewöhnlich macht, ist seine Abkehr vom Spektakulären. Das ist kein House für Festivalbühnen oder Luxusclubs. Es ist House für Kellerräume, für After-Hour-Partys, für Orte, an denen sich Menschen nicht nur zum Tanzen versammeln, sondern um einfach zu sein, zu atmen, durchzuhalten. Die Beats sind gleichmäßig, die Klangtexturen einhüllend, die Stimmung nachdenklich. Es ist Musik, die auf Langsamkeit, Tiefe und das Zuhören setzt.

Kulturell gesehen war das Album eine Offenbarung. Im Jahr 2009 wurde ein Großteil der House-Musik von kommerziellem Spektakel dominiert – Big-Room-Hymnen, Superstar-DJs, kommerzielle Festivals. „Midtown 120 Blues“ schwamm gegen den Strom und erinnerte die Hörer an die Ursprünge des House als queere Underground-Ausdrucksform. Es sprach diese Communities direkt an und klärte gleichzeitig Außenstehende auf, die bereit waren, zuzuhören. Kritiker lobten es in den höchsten Tönen, und es wurde schnell zu einem Kultklassiker, der nicht wegen seines Glanzes, sondern wegen seiner Authentizität verehrt wurde.

Auch heute noch wirkt das Album äußerst inklusiv. Seine Grooves sind zugänglich – jeder kann sich dazu bewegen. Doch seine Erzählungen erinnern uns daran, wessen Grooves das sind und wessen Geschichten sie in sich tragen. Es ist großzügig, ohne naiv zu sein, einladend, ohne Unterschiede auszublenden. Frauen, Männer, Queers, Heteros, erfahrene House-Fans oder neugierige Neulinge: Alle sind eingeladen, werden aber gebeten, mit Respekt zuzuhören.

Auf Vinyl ist das Hörerlebnis besonders eindringlich. Die Wärme der Schallplatte verstärkt den Bass, während sich das Rauschen der Oberfläche mit der intimen Atmosphäre des Albums vermischt. Das Umdrehen der Plattenseite unterstreicht das Tempo und die Geduld des Werks. Das Cover – abstrakt, minimalistisch – spiegelt die Tiefe der Musik wider: Hinter der scheinbaren Einfachheit verbergen sich vielschichtige Bedeutungen.

Was an „Midtown 120 Blues“ Bestand hat, ist seine Ehrlichkeit. Thaemlitz weigert sich, House allein als Flucht aus der Realität zu romantisieren. Sie erinnert uns daran, dass es auch Arbeit, Überleben und einen Code ist. Die Beats sind wunderschön, ja, aber sie sind auch voller Geschichte. Das macht die Platte zu mehr als nur einem Deep-House-Klassiker. Es macht sie zu einem Zeugnis – für gelebte Leben, durchgestandene Kämpfe und erhaltene Gemeinschaften.

Wer diese Musik heute hört, nimmt House-Musik mit anderen Ohren wahr. Der Bass pulsiert, die Akkorde schimmern, die Stimme flüstert die Wahrheit. Man tanzt, ja, aber man denkt auch nach. Man erinnert sich. Und in dieser Erinnerung wird die Musik nicht nur zum Groove, sondern zum Ritual, nicht nur zum Vergnügen, sondern zur Politik, nicht nur zum Klang, sondern zur Solidarität.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

Zurück zu den Geschichten

Keine Playlist.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

JETZT MITMACHEN