Don Cherry – Brown Rice (1975)

Don Cherry – Brown Rice (1975)

Von Rafi Mercer

Die ersten Momente von „Brown Rice“ sind hypnotisch. Ein pulsierender elektronischer Drone schwillt an, sanfte Percussion flackert am Rande, und dann setzt Don Cherrys Taschentrompete mit einem Thema ein, das zugleich uralt und futuristisch wirkt, einfach und doch voller Geheimnisse. Es ist eine Melodie, die ein Volkslied oder ein ritueller Gesang sein könnte, doch im Kontrast zu elektrischen Keyboards und Handtrommeln wird sie zu etwas anderem, etwas, das sich schwerer benennen lässt. Die Musik eilt nicht voran. Sie schwebt, kreist, entfaltet sich, bis man sich in einer Klangwelt wiederfindet, die zugleich meditativ und eindringlich ist.

Bereits 1975 war Cherry ein Reisender zwischen den Welten. Er hatte sich als Mitglied von Ornette Colemans bahnbrechendem Quartett einen Namen gemacht, wobei seine strahlende Trompetenstimme auf Alben wie „The Shape of Jazz to Come“ einen Kontrast zu Ornettes Altsaxophon bildete. Doch seine Karriere nach Coleman war eine Reise voller Entdeckungen: Kooperationen mit Coltrane, Sonny Rollins und später weltweite Ausflüge, die ihn zu indischen Ragas, türkischer Volksmusik, marokkanischer Trance und darüber hinaus führten. „Brown Rice“ verdichtete diesen Wandergeist zu einer Platte, die zu jener Zeit im Jazz ihresgleichen suchte. Es ist ein Album der Fusionen, noch bevor dieser Begriff geläufig war, der aufgelösten Grenzen, des Klangs als Ausdruck globaler Bürgerschaft.

Der Titelsong „Brown Rice“ ist der hypnotischste von allen. Sein Vamp basiert auf einem Dröhnen aus E-Bass und Keyboard – ein Fundament, das sich ewig anfühlt. Darüber spielt Cherry eine Melodie von schlichter Einfachheit, begleitet von wortlosem Gesang, der die tranceartige Atmosphäre noch verstärkt. Es ist Musik, zu der man tanzen, meditieren oder sich einfach verlieren kann. „Malkauns“, benannt nach einem indischen Raga, dringt tiefer in die Erkundung modaler Klänge vor, wobei Cherrys Trompete über tablaähnlichen Percussion-Klängen und einem resonanten Bass erklingt. Die Klangtextur ist spärlich, aber strahlend, jeder Ton ist bewusst gesetzt.

„Chenrezig“ ist heller, fast schon festlich, mit Klavierakkorden, die wie Glocken läuten, und Cherrys Trompete, die ein gesangartiges Thema anführt. Das Wort selbst stammt aus dem Tibetischen und bezieht sich auf den Bodhisattva des Mitgefühls; die Musik verkörpert diesen Geist und strahlt Freude und Offenheit aus. Der Abschluss-Track „Degi-Degi“ ist verspielt und locker, seine Rhythmen purzeln vorwärts, Stimmen singen, Bläser tanzen in einem Wirbel aus Farben über den Percussion-Klängen. Hier kommt das Album einem Fest am nächsten – einem Open-Air-Festival, das auf Vinyl gebannt wurde.

Was „Brown Rice“ so zeitlos macht, ist nicht seine technische Komplexität, sondern seine Atmosphäre. Cherry war nie ein Trompetenvirtuose im herkömmlichen Sinne. Seine Stärke lag in seiner Fähigkeit, den richtigen Klang, die richtige Phrase und die richtige Stille zu wählen. Er spielte, als käme es auf jede einzelne Note an, und hier sind diese Noten in Arrangements eingewoben, die zur Offenheit einladen. Bei dieser Platte geht es weniger um Soli als vielmehr um die kollektive Stimmung, weniger darum, Können zur Schau zu stellen, als vielmehr darum, eine Atmosphäre zu schaffen.

Auf Vinyl strahlt das Album eine analoge Tiefe aus. Die Drones sind vollmundig, die Percussion voller Textur, die Trompete hell, aber niemals schrill. Die Wärme der Pressung unterstreicht die meditativen Qualitäten des Albums und zieht den Hörer in sich hinein, auch wenn die Rhythmen den Körper in Bewegung halten. In einer Hörbar abgespielt, schafft es eine unverwechselbare Atmosphäre. „Brown Rice“ versetzt den Raum in Trance, „Malkauns“ vertieft diese, „Chenrezig“ hebt ihn ins Licht, „Degi-Degi“ bringt Erlösung. Es ist eine Platte, die eine Nacht neu gestaltet, die die Zeit sowohl verlangsamt als auch ausdehnt.

Rückblickend wirkt „Brown Rice“ geradezu prophetisch. Schon Jahrzehnte bevor „Global Fusion“ zu einer Marketingkategorie wurde, verband Cherry Traditionen aus Afrika, Asien und Amerika mit Elektronik und Jazzimprovisation. Er bediente sich dieser Elemente nicht nur zur Dekoration, sondern verschmolz sie, um etwas Neues zu schaffen. Das Album nimmt Ambient, Weltmusik und sogar den elektronischen Minimalismus vorweg, bleibt dabei jedoch der Kernethik des Jazz treu: Improvisation, Zuhören, Dialog.

Auch nach fast fünfzig Jahren hat das Album nichts von seiner Frische eingebüßt. Wenn überhaupt, wirkt sein Geist heute noch dringlicher – in einer Welt, in der Grenzen erneut neu gezogen und Identitäten in Frage gestellt werden. Cherrys Musik bietet eine Alternative: eine Vision von Klang als gemeinsamer Menschlichkeit, von Rhythmus als universeller Sprache, von Melodie als Brücke. Setzt die Nadel auf, und ihr werdet entführt – nicht an einen bestimmten Ort, sondern in ein Gefühl von „überall“. Das ist die Magie von „Brown Rice“ – es ist kein Genre-Werk, sondern eine Welt.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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