Doo-Bop – Miles Davis (1992)

Doo-Bop – Miles Davis (1992)

Der letzte Kurswechsel eines Künstlers, der nie stillstand.

Von Rafi Mercer

„Doo-Bop“ erschien 1992 nach dem Tod von Miles Davis und ist bis heute eines der umstrittensten Alben in seinem Gesamtwerk. Einige lehnten es sofort ab. Andere betrachteten es als unvollendetes Experiment. Doch im Laufe der Zeit ist das Album leichter zu verstehen geworden, vor allem weil sich die Welt schließlich der musikalischen Richtung annäherte, die Miles bereits erkundet hatte.

Die Platte entstand in Zusammenarbeit mit Easy Mo Bee, einem jungen New Yorker Produzenten, der in der aufstrebenden Hip-Hop-Szene der frühen 1990er Jahre tätig war. Die Sampling-Kultur veränderte die Musik grundlegend. Jazzplatten wurden von Produzenten in ganz New York auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, und Miles erkannte, dass Hip-Hop zu einer der lebendigsten musikalischen Sprachen Amerikas geworden war.

Das war schon immer sein Instinkt.

Anstatt an der Vergangenheit festzuhalten, strebte Miles nach Veränderung. Er hatte den Jazz bereits mehrfach durch Cool Jazz, modal Jazz, Electric Fusion und Funk revolutioniert. Doo-Bop übertrug diesen Instinkt einfach auf die Hip-Hop-Produktion und programmierte Rhythmen.

Der Sound des Albums basiert auf Drumcomputern, Loops, kräftigen Basslinien und sparsamen Arrangements. Bei Titeln wie „Mystery“, „Blow“, „Fantasy“ und dem Titelsong ist Miles’ Trompete eher in langsame Hip-Hop-Grooves eingebettet als in traditionelle Jazzstrukturen. Sein Spiel ist direkt, zurückhaltend und etwas rau. Technische Effekthascherei gibt es hier kaum. Stattdessen wirkt die Trompete fast wie eine weitere Stimme innerhalb des Beats.

Dieser Ansatz ist wichtig.

Miles klingt nicht wie ein Gastmusiker, der beweisen will, dass er dazugehört. Er klingt, als würde er sich wohlfühlen, wenn er Raum lässt. Manchmal gleitet er fast so durch die Stücke, als wäre er selbst ein gesampeltes Fragment. Die Atmosphäre wird wichtiger als die Virtuosität.

Die Produktion ist unverkennbar typisch für die frühen 90er Jahre. Manche Rap-Strophen wirken wie ein Kind ihrer Zeit, und nicht jeder Titel kommt gleichermaßen gut an. Doch das Album überzeugt am meisten, wenn man es eher als Zeugnis der Neugier denn als Meisterwerk der Perfektion betrachtet.

Das ist die wahre Stärke von Doo-Bop.

Miles war 65 Jahre alt, körperlich nicht mehr so fit wie zu seiner Blütezeit, suchte aber nach wie vor nach einem zeitgemäßen Sound. Die meisten Künstler mit einem solchen Vermächtnis hätten sich auf sichere Konzerte und Jubiläumstourneen zurückgezogen. Stattdessen entschied er sich erneut für das Ungewisse.

Das Titelbild fängt dieses Gefühl perfekt ein. Miles sitzt mit nacktem Oberkörper in einem schlichten Raum, hält eine leuchtend rote Trompete in der Hand und blickt direkt in die Kamera. Kein Glamour. Keine Mythologie. Keine Bühnenbeleuchtung. Nur Präsenz. Er wirkt älter, schlanker und menschlicher als auf den ikonischen Bildern aus den 1970er Jahren, doch die Intensität ist unverändert geblieben.

Die Platte erwies sich zudem als einflussreicher, als vielen zunächst bewusst war. Ihre Mischung aus Jazz-Phrasierung, programmierten Rhythmen und atmosphärischer Produktion sollte später ihren Niederschlag finden in:

  • Jazz-Hop
  • Neo-Soul
  • Lo-Fi-Hip-Hop
  • Beat-Kultur
  • experimenteller elektronischer Jazz

Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre hatte sich ein Großteil der populären Underground-Musik dem Bereich angenähert, den Miles hier erkundete.

Deshalb hat das Album die Zeit besser überstanden, als viele erwartet hatten.

Nicht, weil es makellos ist.
Nicht, weil es mit „Kind of Blue“ oder „Bitches Brew“ mithalten kann.
Sondern weil es einen Künstler dokumentiert, der immer noch bereit ist, auf der Suche nach etwas Aktuellem das Risiko des Scheiterns einzugehen.

Und das ist wahrscheinlich das, was daran am meisten nach Miles Davis klingt.


Kurze Fragen

War „Doo-Bop“ bereits fertiggestellt, bevor Miles Davis starb?

Größtenteils, aber nicht vollständig. Miles hatte vor seinem Tod im Jahr 1991 bereits einen Großteil der Aufnahmen zu „Easy Mo Bee“ abgeschlossen, und das Album wurde fertiggestellt und 1992 posthum veröffentlicht.

Warum hat Miles Davis ein Hip-Hop-Album aufgenommen?

Miles beschäftigte sich während seiner gesamten Karriere mit zeitgenössischer Musik. Er erkannte, dass Hip-Hop zu einer der wichtigsten neuen rhythmischen Ausdrucksformen der amerikanischen Musik geworden war, und wollte sich aktiv daran beteiligen, anstatt ihn nur aus der Ferne zu beobachten.

Gilt Doo-Bop als Klassiker?

Es sorgt zwar nach wie vor für Kontroversen, doch sein Ruf hat sich im Laufe der Zeit deutlich verbessert. Viele Hörer sehen darin mittlerweile eine wichtige Brücke zwischen Jazz und Hip-Hop-Kultur.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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