Droppin’ Science: Die besten Samples aus dem Blue Note Lab (2008)
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, die als Statement stehen, andere, die als Kultschätze leise flüstern, und dann gibt es Compilations, die sich anfühlen, als würde ein Geheimnis geteilt. „Droppin’ Science“ gehört eindeutig zu Letzteren. Das Album wurde 2008 von Blue Note veröffentlicht, dem Label, das die Musikszene des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat, und ist zugleich eine Anthologie und eine Offenbarung: eine Sammlung von Grooves aus den Blue-Note-Archiven – genau jene Aufnahmen, die später das goldene Zeitalter des Hip-Hop beflügelten. Um es ganz klar zu sagen: Dies ist der Moment, in dem Jazz und Hip-Hop sich die Hand reichen.
Für diejenigen unter uns, die einst stundenlang über Plattenkisten gebeugt standen, fühlte sich diese Zusammenstellung wie eine Bestätigung an. Wir kannten diese Beats, diese Basslinien, diese Bläser-Einwürfe, die von DJs und Produzenten gesampelt und so zu neuem Leben erweckt worden waren. Hier waren sie nun in ihrem ursprünglichen Kontext, befreit von Loops, Schnitten und der Stimme des MCs, und als reiner Klang präsentiert. Doch „Droppin’ Science“ ist mehr als nur eine nostalgische Hommage. Es ist ein Beweis für die Weitsicht von Blue Note, dafür, wie fruchtbar ihr Katalog nach wie vor ist und wie sehr die DNA des Hip-Hop bereits Jahrzehnte zuvor in diesen Sessions verankert war.
Man denke nur an Donald Byrds „Think Twice“. Der Groove ist locker, aber eindringlich – genau die Art von Rhythmus, der schon fast darauf wartet, in eine Loop-Schleife gesteckt zu werden. In den 1990er Jahren tauchte er in Tracks von A Tribe Called Quest und The Pharcyde wieder auf, wobei seine Bläser-Einwürfe und die Basslinie zu einem festen Bestandteil der Hip-Hop-Grammatik wurden. Auf „Droppin’ Science“ hört man den Titel so, wie er 1975 erstmals erschien – voller Jazz-Funk-Optimismus und noch nah an den Gospel-Wurzeln, die Byrds Melodiegefühl geprägt haben. Das erinnert daran, dass die Zukunft bereits in der Musik steckte und nur darauf wartete, entdeckt zu werden.
Oder nehmen wir Ronnie Fosters „Mystic Brew“. Für eine bestimmte Generation sind die Akkorde sofort als Gerüst von „Electric Relaxation“ von A Tribe Called Quest erkennbar. Doch wenn man den Titel hier in voller Länge hört, nimmt man wahr, was das Sampling manchmal verdeckt: das Schimmern des Fender Rhodes, die geduldige Überlagerung der Gitarrenklänge, den Dialog zwischen Bass und Schlagzeug. Der Groove ist kein Fragment, sondern ein lebendiger Organismus, dem es gestattet ist, sich auszudehnen und zu atmen.
Bobbi Humphreys „Harlem River Drive“ ist ein weiteres Juwel. Ihre Flöte, leicht und doch entschlossen, schwebt über einer Rhythmusgruppe, die auf Funk abgestimmt ist, aber in der Jazz-Phrasierung verwurzelt bleibt. In späteren Jahren haben Produzenten die Klangtexturen für Beats genutzt, doch in der Originalaufnahme spürt man den Schwung einer Erzählung, ein Stadtbild in Bewegung. Hört man sich die Platte über eine Lautsprecheranlage an – gut abgestimmte Klipschorns oder ein Paar Living-Voice-Standlautsprecher –, entfaltet sie eine fast filmische Weite. Der Klang breitet sich aus wie eine Landkarte.
Das Schöne an „Droppin’ Science“ ist, dass es nicht die Hits und auch nicht die offensichtlichen Klassiker zusammenstellt, sondern die Momente des Wandels: die Sessions der 1970er Jahre, als sich Blue Note der Fusion, dem Funk und der rohen Energie der Straße öffnete. Das Ergebnis ist eine Sammlung, bei der sich jeder Titel ein wenig seiner Zeit voraus anfühlt.
Grant Greens „Down Here on the Ground“ greift eine einfache Melodie auf und vertieft sie, wobei sein Gitarrenton von langem Sustain und Entschlossenheit geprägt ist. Monk Higgins’ „Little Green Apples“ verbindet die Wärme der Orgel mit den Akzenten der Bläser – ein Groove, der wie ein Gespräch an einer Straßenecke klingt. Lou Donaldsons „It’s Your Thing“ hat die Selbstsicherheit des Funk, aber die Phrasierung des Bebop. In jedem Titel hört man nicht nur, wie sich der Jazz an die Zeit anpasst, sondern auch die Keime jener Beats, die später den Soundtrack für Blockpartys und „Basement Tapes“ bilden sollten.
In einer Listening-Bar ist diese Zusammenstellung der absolute Knaller. Sie dient gleichzeitig als Gesprächsaufhänger, als Lernerfahrung und als Set für intensives Zuhören. Setzt man die Nadel auf, hört man die Verbindungen zwischen den Epochen. Gäste, die mit dem Hip-Hop der 90er Jahre aufgewachsen sind, erkennen plötzlich die Quelle; Jazzfans hören die Stärke der Originalkompositionen. Der ganze Raum lauscht gespannt. Das sind keine Titel, die im Hintergrund verschwinden. Sie fesseln die Aufmerksamkeit mit einer Ausgewogenheit aus Groove und Tiefe, die nur wenige andere Compilations erreichen.
Technisch gesehen ist der Klang hervorragend. Die Neuauflagen von Blue Note sind selten nur so nebenbei gemacht, und hier würdigt das Mastering die Bass- und Rhythmusgruppe, ohne dabei die Luft um die Bläser herum zu verlieren. Auf einer Vinyl-Pressung ist die Wärme förmlich spürbar. Man hört den Staub auf den Becken, das Holz in den Basstönen, das leichte Rauschen, das alles greifbar macht. Es ist eine Platte, die danach verlangt, auf einer Anlage abgespielt zu werden, die Klarheit und Durchschlagskraft bietet: Lautsprecher, die den Groove halten können, ohne ihn zu verwischen, und Verstärker, die den Anschlag nicht überstürzen.
Die Zusammenstellung regt zudem zum Nachdenken über den Akt des Samplings selbst an. Hip-Hop-Produzenten haben nicht gestohlen; sie haben ausgegraben, kuratiert und in einen neuen Kontext gestellt. „Droppin’ Science“ macht dies deutlich. Die Loops, die zu Ikonen wurden, waren bereits im Ausgangsmaterial vorhanden und warteten nur darauf, hervorgehoben zu werden. Beim erneuten Anhören wird einem klar, dass Hip-Hop-Produzenten und Jazz-Improvisatoren eine gemeinsame Denkweise teilen: Beide sind Collagenkünstler, die bekanntes Material zu etwas überraschend Neuem zusammenfügen.
Was dieses Album für das „Tracks & Tales“-Repertoire so wichtig macht, ist die Tatsache, dass es perfekt zum Ethos des „Deep Listening“ passt. Es fordert dich dazu auf, nicht nur den Beat zu hören, sondern auch die Tradition, und zu erkennen, wie sich Klang über Zeit und Genres hinweg ausbreitet. Wird es in einer Bar gespielt, verwandelt es die Atmosphäre von Hintergrundgeplapper in kulturelle Archäologie. Wird es zu Hause gespielt, entführt es dich in Geschichten, von denen du vielleicht gar nicht wusstest, dass sie in deinen Lieblingssongs verankert sind.
Und dann ist da noch das schlichte Vergnügen an der Musik selbst. Diese Grooves sind unwiderstehlich. Sie wurden ebenso für den Körper wie für den Geist geschaffen. Die Rhythmusgruppe sitzt perfekt, ohne jemals steif zu wirken, die Bläser leuchten wie Straßenlaternen, die Keyboards schimmern vor Elektrizität. Es ist Tanzmusik, Meditationsmusik, Bar-Musik, Geschichtsunterricht – alles in einem.
Im Jahr 2008 mag die Zusammenstellung noch wie ein Nischenprodukt für Plattensammler und Komplettisten gewirkt haben. Heute erscheint sie unverzichtbar, insbesondere in einer Zeit, in der der Loop zur Grundeinheit der Popmusik geworden ist. Wenn man sich die Ursprünge anhört, versteht man, wie radikal diese Loops einst waren und wie reichhaltig der Blue-Note-Katalog nach wie vor ist.
Leg diese Platte in einem Raum voller Fremder auf und schau zu, was passiert. Die Erkennung breitet sich aus, die Füße beginnen sich zu bewegen, und unweigerlich sagt jemand: „Moment mal, das kenne ich doch aus …“ Das ist die Freude an „Droppin’ Science“. Es ist nicht nur ein Album. Es ist eine Enthüllung, eine Erinnerung daran, dass die Vergangenheit immer präsent ist und dass Zuhören niemals passiv ist.
Das Fazit lautet also vielleicht: „Droppin’ Science“ sammelt nicht einfach nur Tracks. Es setzt sie in einen neuen Kontext. Es zeigt uns, dass die Brücke zwischen Jazz und Hip-Hop schon immer da war – nicht in der Theorie, sondern im Groove. Und es lädt uns erneut dazu ein, diese Brücke zu überqueren.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.