Duke Pearson – How Insensitive (1969)

Duke Pearson – How Insensitive (1969)

Eine Reise durch Duke Pearsons Album „How Insensitive“ (1969) mit zehn Titeln: von Chören untermalte Standards, brasilianische Grooves mit Airto und Flora Purim sowie sanft ausgefallene Arrangements, die Easy Listening in etwas Tieferes und Geheimnisvolleres verwandeln.

Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken wie ein einzelner Raum. „How Insensitive“ hingegen fühlt sich an wie ein kleines Haus, durch das man nachts schlendert, wobei hinter jeder Tür eine etwas andere Atmosphäre auf einen wartet – mal leiser Chor-Jazz, mal ein brasilianisch angehauchter Groove, mal ein Standard, der in sanftes blaues Licht getaucht ist.

Duke Pearsons Blue-Note-Album aus dem Jahr 1969 fällt genau in die Zeit des Wendepunkts des Labels Ende der 60er Jahre, als die Ecken und Kanten des Hard Bop zu etwas Filmischem und zeitweise auch Kommerziellem geglättet wurden. Auf dem Papier hätte dies reiner Easy Listening sein können: eine Aneinanderreihung von Standards, eine große Gesangsgruppe, brasilianische Einflüsse, bekannte Melodien. In Wirklichkeit ist es jedoch seltsamer und interessanter als das. Die Arrangements sind gerade so unkonventionell, dass man beim Entspannen unwillkürlich den Kopf schieflegt.

Das Album beginnt mit „Stella By Starlight“, und schon beim ersten Hören wird die Absicht des Projekts deutlich. Pearson nutzt den Titel nicht als Plattform für Bläsersoli, sondern als Stimmungsbild. Chor, Rhythmusgruppe und Klavier sind in Schichten übereinandergelegt, fast wie Fader an einem Mischpult. „Stella“ ist hier kein Song für den späten Clubabend, sondern eine Art Obertüre mit Weichzeichner-Effekt – voller Glanz und ohne grelles Licht.

Es folgt „Clara“, bei dem Andy Bey in den Vordergrund tritt. Seine Stimme schwebt über Pearsons E-Piano und den Chor auf eine Weise, die fast liturgisch anmutet. Es schwingt ein Hauch von Kirche mit, ein Hauch von Fernseh-Soundtrack, und darunter wirkt still und leise die Jazzharmonie. Eigentlich sollte das alles nicht zusammenpassen, tut es aber doch – vor allem, weil Pearson die harmonische Bewegung anmutig und klar hält.

Bei „Give Me Your Love“ und „Cristo Redentor“ kommt die emotionale Tiefe des Albums besonders zum Ausdruck. „Cristo Redentor“, ein Pearson-Klassiker, erhält hier eine Art andächtige Ausstrahlung – der Chor singt lange, ausgehaltene Passagen, während die Rhythmusgruppe sanft im Hintergrund begleitet. Es ist leicht zu verstehen, warum dieser Titel zu einem Markenzeichen wurde; die Melodie wirkt unvermeidlich, von der Art, die einem nach ein paar Mal Hören unter die Haut geht.

Spätestens bei „Little Song“ und dem Titelsong „How Insensitive“ ist der brasilianische Einfluss mehr als nur eine Prise. Die Grooves sind sanft, aber eindringlich, und reiten auf diesem Bossa-Rhythmus, ohne jemals zur Nachahmung zu verkommen. Pearsons Anschlag auf den Tasten ist leicht und präzise, sodass die Melodie klar zur Geltung kommt, während Percussion und Bass im Hintergrund für den sanften Schwung sorgen.

Auf Seite B öffnet das Album seine Tür zu ganz offensichtlich brasilianischen Klängen. „Sandalia Dela“ ist der Moment, der DJs und Tänzer gleichermaßen in seinen Bann zieht – ein echter Bossa-Jazz-Tanzkrämer, der auf Airtos Gefühl und Flora Purims Präsenz aufbaut. Er ist zwar immer noch in diese etwas eigenartige Produktionswelt von Pearson gehüllt, doch der Rhythmus ist dynamischer und schwungvoller.

„My Love Waits (O Meu Amor Espera)“ wirkt wie ein Begleitstück – romantisch, langsam, irgendwo zwischen Jazzballade und Soundtrack-Thema angesiedelt. „Tears“ und „Lamento“ beschließen das Album in einem eher nachdenklichen Ton, wobei Flora und das brasilianische Rhythmus-Team der Platte einen letzten Hauch von Saudade verleihen. Am Ende bleibt dieses vertraute Blue-Note-Gefühl zurück, weiter gereist zu sein, als die Spieldauer vermuten lässt.

Dies ist keine reine Jazz-Platte im Stil eines Klaviertrios, und das will sie auch gar nicht sein. Die Kritiker waren damals geteilter Meinung – einige sahen darin einen Fehltritt in Richtung Kitsch, andere hoben hervor, wie die Klangsätze und Texturen das Album immer wieder aus dem Bereich der Hintergrundmusik herausheben. Aus der Perspektive des heutigen, aufmerksamen Hörens wirkt es eher wie eine interessante, leicht ungewöhnliche Brücke: Jazzsprache, gefiltert durch Pearsons Arrangiererkompetenz, gefärbt durch Chor und brasilianische Musiker, die verhindern, dass es jemals völlig fade wird.

Hört euch „How Insensitive“ so an, wie ihr gerade seid – in voller Länge, ohne etwas zu überspringen –, und es entsteht ein seltsam stimmiges Stimmungsstück. Zehn Titel, ein sanftes Kontinuum: neu interpretierte Standards, neu arrangierte Eigenkompositionen, Bossa, die in Chor-Jazz übergeht. Es ist Musik für späte Abende, an denen man sich den Raum geborgen wünscht, aber dennoch ein wenig Seltsamkeit am Rande haben möchte.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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