Endless Summer – Fennesz (2001)

Endless Summer – Fennesz (2001)

Die Schönheit in der Verzerrung

Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken nicht wie Musik, sondern wie Wetter. Christian Fennesz’ „Endless Summer“, das 2001 erschien, ist eines dieser Werke – eine Platte, die wie ein Hitzeschleier in der Luft schwebt, knisternd, verschwommen, strahlend. Sie ist experimentell, ja, aber auch zutiefst emotional; abstrakt, aber nicht kalt. Für mich steht sie im Regal der „Guilty Pleasures“, weil ich immer wieder zu ihr zurückkehre. Kein Highlight der Sammlung, keine Platte, die man leicht in Gesellschaft auflegen kann, aber eine, deren Atmosphäre so einzigartig ist, dass sie sich wie ein geheimes Klima anfühlt, in das man nach Belieben eintauchen kann.

Fennesz ist ein österreichischer Gitarrist, der schon vor langer Zeit die Grenzen zwischen Instrument und Maschine aufgelöst hat. Ende der 1990er Jahre leitete er den Klang seiner Gitarre durch Laptops, Granularprozessoren und Verzerrer – nicht, um ihn zu verbergen, sondern um ihn zu verstärken, zu zerlegen und zu brechen, bis er zu etwas anderem wurde. „Endless Summer“ ist sein zugänglichstes Statement zu diesem Ansatz, das zum Teil von den strahlenden Pop-Harmonien der Beach Boys inspiriert ist. Der Titel ist eine Anspielung auf diese Welt aus Surfen und Sonnenschein, doch die Musik ist deren Umkehrung: Nostalgie, eingehüllt in Rauschen, Erinnerung, gebrochen durch digitales Rauschen.

Der Eröffnungstrack „Made in Hong Kong“ gibt den Ton an. Er beginnt im Dunst, digitale Artefakte stottern und zerreißen an den Rändern, bevor allmählich eine Melodie zum Vorschein kommt – verborgen, aber strahlend. Schon hier wird der Trick deutlich: Schönheit, verborgen in der Verzerrung, Wärme hinter dem Knistern. „A Year in a Minute“ folgt mit einer Gitarrenfigur, die in Rauschen versinkt und sich wie eine in einer Schleife gefangene Erinnerung wiederholt – halb vergessen, aber eindringlich. „Caecilia“ dehnt sich weiter aus: harmonische Fragmente schweben in Wolken aus Rauschen, Momente der Klarheit brechen durch wie Sonnenlicht am bewölkten Himmel.

Der Titelsong „Endless Summer“ ist das Herzstück des Albums. Er entfaltet sich langsam, geduldig, mit Harmonien, die sich über Glitches und Rauschen legen, während sich eine Melodie erhebt, die sich zugleich zerbrechlich und unausweichlich anfühlt. Hier ist der Einfluss der Beach Boys am deutlichsten zu hören – nicht in Form wörtlicher Zitate, sondern in der Art und Weise, wie die Harmonie wie Licht behandelt wird, das unter den Störgeräuschen leuchtet. Es ist Nostalgie in einem neuen Rahmen: das Gefühl, dass Schönheit ergreifender sein kann, wenn sie halb verloren ist, wenn sie durch Verzerrungen hindurch flackert, anstatt makellos zu stehen.

An anderer Stelle wirbelt „Shisheido“ mit Stimmfetzen, „Got to Move On“ entfaltet eine unerwartete Kraft, deren verzerrte Akkorde in ihrer Erhabenheit fast symphonisch wirken. Dabei gibt Fennesz die Melodie zu keinem Zeitpunkt auf, auch wenn er sie einer Erosion aussetzt. Das Album wirkt wie ein überbelichtetes Foto, bei dem die Farben ineinander verlaufen, Details verloren gehen, die Atmosphäre jedoch verstärkt wird.

Als „Endless Summer“ zum ersten Mal erschien, wurde es in Elektronik-Kreisen als Durchbruch gefeiert – als eine Möglichkeit, das Experimentelle mit dem Emotionalen in Einklang zu bringen. Doch es war nie für ein Massenpublikum bestimmt. Es gehörte und gehört nach wie vor denen, die Freude an Mehrdeutigkeit finden, die bereit sind, sich auf den Lärm einzulassen, um Zärtlichkeit zu entdecken. Genau das macht es zu einem „guilty pleasure“: seine Hingabe an die Schönheit, die an Orten verborgen ist, an denen die meisten Menschen vielleicht gar nicht hinschauen würden.

In der Hörbar wirkt „Endless Summer“ transformativ. Auf einer gut abgestimmten Anlage ist die Verzerrung nicht schrill, sondern strukturiert, wie Stoff auf der Haut. Die Gitarrenharmonien schimmern im Hintergrund, tauchen auf und ziehen sich wieder zurück, ohne sich jemals ganz erfassen zu lassen. Der Raum selbst wird zu einer Erweiterung der Musik – die Lautsprecher leuchten vor Rauschen, die Luft ist von Schimmer erfüllt. Es ist eine andere Art des Hörens, bei der die Schönheit in der Unvollkommenheit liegt, in der Art und Weise, wie das Rauschen die Melodie zum Schwingen bringt.

Kulturell gesehen entstand das Album zu einer Zeit, als Laptops gerade begannen, das Musikmachen neu zu definieren. In den frühen 2000er Jahren begannen elektronische Künstler, digitale Artefakte nicht als Fehler, sondern als Instrumente zu nutzen. Fennesz gehörte zu den Ersten, die zeigten, dass Glitch nicht nur intellektuell, sondern auch emotional sein kann. Sein Werk verband die Avantgarde mit der Pop-Tradition und erinnerte uns daran, dass selbst die experimentellsten Formen Anklänge an die Lieder tragen, die wir einst geliebt haben.

Wer sich heute wieder „Endless Summer“ anhört, taucht in eine ganz besondere Atmosphäre ein: den Klang der Sehnsucht, der durch die Zeit verschwommen ist, den Klang der Erinnerung, die durch Verzerrung gemildert wurde, den Klang der Schönheit, die man durch den Dunst erahnt. Es ist kein leichtes Hörerlebnis. Es ist ein Hörerlebnis, das Hingabe, Geduld und Offenheit erfordert. Doch gerade in dieser Hingabe liegt der Lohn.

Also ja – ein „guilty pleasure“, wenn man so will. Aber „Schuld“ ist das falsche Wort. „Endless Summer“ lehrt uns, dass Unvollkommenheit an sich schön sein kann, dass Verzerrung etwas verstärken statt zerstören kann, dass manchmal die zerbrechlichsten Melodien das größte Gewicht haben, wenn sie von Strömungen aus Rauschen getragen werden. Es ist ein Album, das dich auffordert, nicht trotz des Rauschens zu hören, sondern durch das Rauschen hindurch. Und sobald du das tust, ist die Belohnung strahlend.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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