Eric Dolphy – Out to Lunch! (1964)
Von Rafi Mercer
Der erste Klang von Eric Dolphys „Out to Lunch!“ besticht durch seine Einfachheit: ein Vibraphon-Motiv, das fast kindlich wirkt, wie ein Mobile, das träge über einem Kinderbett kreist. Doch schon bald verschwimmen die Konturen, der Rhythmus stockt, und Dolphys Bassklarinette setzt mit einer Melodie ein, die sich einer Auflösung verweigert. Innerhalb von Sekunden wird klar: Man befindet sich auf unbekanntem Terrain. Das ist kein Swing, kein Bebop, kein modaler Cool-Jazz. Das ist Dolphys Welt – kantig, unvorhersehbar und doch seltsam logisch, sobald man sich darauf einlässt. Das 1964 für Blue Note aufgenommene Album ist bis heute eines der verblüffendsten Dokumente des Jazz, ein Album, das die Sprache bis an ihre Grenzen ausreizt, ohne dabei jemals den Bezug zur Menschlichkeit zu verlieren.
Dolphy war bereits eine einzigartige Persönlichkeit, als er diese Session aufnahm. Er hatte mit Mingus, Coltrane und Ornette Coleman zusammengearbeitet, deren Einflüsse er in sich aufnahm, ohne sie jedoch jemals nachzuahmen. Sein eigener Stil, ob am Altsaxophon, an der Flöte oder an der Bassklarinette, war unverkennbar: klagend, gesanglich, voller Sprünge und Intervalle, die unmöglich und doch ganz natürlich wirkten. Mit „Out to Lunch!“ fand er die perfekte Balance zwischen Komposition und Freiheit, indem er eine Band aus rastlosen Geistern zusammenbrachte – Freddie Hubbard an der Trompete, Bobby Hutcherson am Vibraphon, Richard Davis am Bass, Tony Williams am Schlagzeug – und ihnen Material gab, das ebenso seltsam wie fesselnd war.
Der Titelsong verkörpert den Geist des Albums. Er beginnt mit Hutchersons glockenspielartigem Vibraphon, dann setzt Dolphy mit einer Melodie ein, die wie ein betrunkener Seiltänzer schwankt – zugleich unsicher und selbstbewusst. Die Rhythmusgruppe schwingt nicht im Swing, sondern schwebt, wobei vor allem Williams mit einer Freiheit spielt, die für einen Teenager, der gerade erst die Highschool hinter sich hat, bemerkenswert ist. Hubbard klingt abwechselnd lyrisch und explosiv, Hutcherson sorgt sowohl für Glanz als auch für Unbehagen, Davis verankert das Ganze mit Basslinien, die aus unerwarteten Richtungen zu kommen scheinen. Es ist Jazz, aber Jazz, der auf den Kopf gestellt wurde; seine Elemente sind vertraut, aber zu einer neuen Geometrie neu angeordnet.
„Hat and Beard“, eine Hommage an Thelonious Monk, strotzt vor dissonanter Freude; seine Melodie ist zwar etwas holprig, aber unvergesslich, wobei Dolphys Bassklarinette gegen Hutchersons metallischen Schimmer drängt. „Something Sweet, Something Tender“ beginnt damit, dass Davis seinen Kontrabass wie ein Cello streicht und so eine fast klassische Kammermusik-Textur erzeugt, bevor die Bläser mit ihrer gebrochenen Zärtlichkeit einsetzen. „Gazzelloni“, geschrieben für den Flötisten Severino Gazzelloni, stellt Dolphys Flöte in den Mittelpunkt, die mit vogelartiger Freiheit hin und her flitzt und hüpft, während sich der Rhythmus darunter unruhig verschiebt. „Straight Up and Down“, das das Album abschließt, ist ein schwankendes Thema, das Dolphy als an einen betrunkenen Gang erinnernd beschrieb – eine perfekte Metapher für Musik, die taumelt, aber niemals fällt.
Wenn man „Out to Lunch!“ in einer Hörbar hört, kann man beobachten, wie sich die Stimmung von Neugierde zu Faszination wandelt. Zunächst mag es chaotisch, ja sogar komisch klingen, doch wenn man dem Ganzen Raum gibt, offenbart sich seine Logik. Die Rhythmen marschieren nicht in vorhersehbaren Bahnen, sondern wälzen sich in Wellen. Die Harmonien lösen sich nicht ordentlich auf, sondern öffnen Türen zu anderen Räumen. Das Album soll nicht beruhigen, sondern wachrütteln und die Zuhörer daran erinnern, dass Musik so seltsam sein kann wie das Leben selbst. Das Zusammenspiel der Instrumente ist dialoghaft, streitlustig, intim. Das ist keine höfliche Hintergrundmusik, sondern eine Platte, die die Menschen in ihren Bann zieht, die auf Präsenz besteht.
Auf Vinyl ist die Aufnahme lebendig, jedes Instrument ist klar im Raum verortet. Dolphys Bassklarinette knurrt mit holziger Resonanz, Hutchersons Vibraphon schimmert und verklingt wie angeschlagenes Glas, Hubbards Trompete lodert mit scharfer Klarheit, Davis’ Bass brummt mit Fülle, Williams’ Becken zischen und tanzen in der Höhe. Die von Rudy Van Gelder geschaffene Klangbühne verleiht der Gruppe eine gewisse Tiefe, sodass man beim Hören weniger das Gefühl hat, eine Schallplatte zu hören, sondern vielmehr, mit ihnen im selben Raum zu sein. Das Knistern der Oberfläche verstärkt das Gefühl der Unmittelbarkeit nur noch und verankert die Fremdartigkeit der Musik in der greifbaren Realität der Schallplatte.
Dolphy erlebte die Wirkung dieser Platte nicht mehr. Er starb wenige Monate nach ihrer Veröffentlichung im Alter von 36 Jahren an den Folgen einer Diabeteserkrankung. Sein Tod beraubte den Jazz eines seiner abenteuerlustigsten Geister, und „Out to Lunch!“ wurde sowohl zum Denkmal als auch zur Prophezeiung – ein Blick in die Zukunft, die er vielleicht gezeichnet hätte, wäre er am Leben geblieben. Der Einfluss dieser Platte war enorm und inspirierte den Avantgarde-Jazz, die freie Improvisation und sogar experimentelle Rock- und Elektronikmusiker. Doch über den Einfluss hinaus bleibt das Album äußerst hörenswert. Seine Fremdartigkeit wirkt nicht befremdlich, sondern menschlich; seine kantigen Linien und wechselnden Rhythmen spiegeln die Unvorhersehbarkeit des Denkens, der Sprache und des Lebens wider.
Mehr als sechzig Jahre später klingt „Out to Lunch!“ immer noch wie die Zukunft. Es ist Musik, die sich einer einfachen Kategorisierung entzieht, die herausfordert, ohne zu entfremden, die verunsichert, aber auch begeistert. Sie steckt voller Humor, Zärtlichkeit, Intensität und Überraschungen. Es ist der Klang von Künstlern, die gemeinsam Risiken eingehen, von Vertrauen, das durch Erkundung entsteht, von Kreativität, die nicht an Erwartungen gebunden ist. In der Stille eines Raumes, bei gedämpftem Licht und perfekt eingestellten Lautsprechern, fühlt es sich immer noch lebendig an, immer noch neu, und verlangt immer noch danach, gehört zu werden.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.