Ethiopian Knights – Donald Byrd (1972)
Der Klang des Werdens
Von Rafi Mercer
Jeder Künstler hat ein Album, das einen Übergang festhält – den Moment, bevor aus Selbstvertrauen Stil wird, bevor aus Entdeckung Dogme wird. „Ethiopian Knights“ ist für Donald Byrd genau dieser Moment. 1971 aufgenommen und 1972 veröffentlicht, ist es der Klang eines Musikers, der sich durch wechselhaftes Wetter bewegt – der die scharfen Konturen des Hard Bop hinter sich lässt, in die Hitze des Funk eintaucht und noch nicht ganz sicher ist, wie weit er gehen soll. Man hört, wie er zuhört, sich anpasst, den Raum auslotet. Das macht das Album so schön.
Das Album wurde in Los Angeles mit einer kleinen, ehrgeizigen Gruppe aufgenommen: Joe Sample am Fender Rhodes, Wilton Felder am Bass, Bobby Hutchersons Vibraphon, das für zusätzlichen Glanz sorgt, und Byrd selbst, der das Ganze aus der Mitte heraus lenkt. Hier gibt es keinen Chor, keinen Studio-Glanz, kein großartiges Konzept – nur Groove und Leichtigkeit. Und was für ein Groove das ist!
Der Eröffnungstitel „The Emperor“ dauert über fünfzehn Minuten, wirkt dabei aber niemals überladen. Er beginnt locker, fast zögerlich, während die Rhythmusgruppe ein langsames, fließendes Tempo vorgibt. Das Schlagzeug bleibt hinter dem Beat zurück, der Bass brummt wie ein Motor im Leerlauf, und Byrd beginnt, sich einzufügen. Sein Horn schwebt hier nicht empor – es schleicht umher. Man spürt, wie er lernt, den Funk zu sprechen, ohne dabei seine Jazz-Diktion zu verlieren. Um ihn herum findet die Band einen tranceartigen Puls. Joe Samples Rhodes-Akkorde schimmern wie Hitze auf Asphalt. Das Spiel zeugt von Geduld, von der Bereitschaft, im Pocket zu bleiben, bis sich etwas Neues abzeichnet.
„Jamie“, das mittlere Stück, ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt des Albums. Langsamer und nachdenklicher lässt Byrd hier wieder die Melodie den Ton angeben. Es ist immer noch elektrisierend, doch der Klang ist zart und näher an der Lyrik seiner Werke aus den 60er Jahren. In seiner Phrasierung lässt sich die Verbindung zu „Cristo Redentor“ erkennen – dasselbe Gefühl schwebender Anmut –, doch die Klangfarbe ist wärmer, dichter und rauer.
Dann folgt „The Little Rasti“, der Abschluss-Track und die Offenbarung des Albums. Der Groove schlägt vom ersten Takt an kräftig zu – straff, synkopiert, mit einer tiefen Basslinie und rhythmischen Handklatschen, die sich zugleich gemeinschaftlich und hypnotisch anfühlen. Byrd spielt sparsame, bedächtige Phrasen und lässt dann den Rhythmus für sich sprechen. In dieser Zurückhaltung liegt eine Selbstsicherheit – das Gefühl, dass er endlich aufgehört hat, sich um Jazz-Reinheit zu sorgen, und begonnen hat, dem Groove zu vertrauen. Die Bläser stechen hervor, das Rhodes wirbelt, das Schlagzeug pocht wie ein Herzschlag. Es ist die DNA dessen, was später „Black Byrd“ werden sollte – noch roh, aber bereits unwiderstehlich.
In der Listening Bar verströmt „Ethiopian Knights“ eine Art Abenddämmerungsenergie. Es ist keine Nachtplatte, nicht ganz. Sie gehört zu der Stunde kurz davor: wenn das Licht draußen bronzefarben geworden ist, wenn die Leute noch reden, sich die Aufmerksamkeit im Raum aber schon auf den Klang verlagert. Laut gespielt füllt sie den Raum mit Wärme – dichter Bass, der den Boden umhüllt, Becken, die die Luft einfangen, Byrds Trompete, die wie eine Glut leuchtet. Leise gespielt wird sie zur Atmosphäre – zum Summen der Elektrizität in einem stillen Raum.
Der Mix selbst ist rau. Man hört die Instrumente so, wie sie sind: das Summen des Rhodes-Verstärkers, das Klicken der Sticks, den Atem hinter Byrds Noten. Es gibt noch keinen Schliff, keinen Mizell-Glanz. Aber es gibt eine Absicht – und diese Absicht ist zukunftsweisend. Man spürt, wie sich der Sound von Black Byrd in Echtzeit herausbildet, wie das Vokabular des Jazz-Funk noch ungeformt, aber unbestreitbar ist.
Was „Ethiopian Knights“ seine Kraft verleiht, ist dieses Gefühl des Suchens. Byrd versucht nicht, irgendetwas zu perfektionieren; er lotet Möglichkeiten aus. Jeder Titel ist ein Experimentierfeld. Die Musiker hören genauso aufmerksam zu, wie sie spielen. Der Raum wird Teil der Komposition – die Pausen, die Wiederholungen, die Lockerheit. Es ist Musik mit Kraft, aber auch mit Bescheidenheit.
Historisch gesehen schlägt diese Platte eine Brücke zwischen zwei Epochen. Die frühen 70er Jahre waren für den Jazz eine turbulente Zeit: Elektrische Instrumente veränderten die Szene, und die alte Garde war beunruhigt. Doch in Byrds Händen wirkte die Verschmelzung von Jazz und Funk nicht wie ein Zugeständnis – sie fühlte sich wie eine Befreiung an. Er versuchte nicht, ein neues Publikum zu gewinnen; er versuchte, eine neue Sprache zu finden. „Ethiopian Knights“ ist die Grammatiklektion für diese neue Sprache.
Von diesen Sessions lässt sich eine direkte Verbindung zu so vielem ziehen, was danach kam – Herbie Hancocks „Head Hunters“, Roy Ayers’ „Coffy“, ja sogar moderne Londoner Acts wie Ezra Collective und Yussef Dayes. Sie alle teilen denselben Geist: Rhythmus als Offenbarung, Wiederholung als Meditation. Der Unterschied besteht darin, dass Byrd dabei war, als das Vokabular noch erst erfunden wurde.
Es ist ein Album, das geduldiges Zuhören belohnt. Die Soli sind kein Feuerwerk, sondern eher ein Dialog. Der Rhythmus drängt sich nicht auf, sondern überzeugt. Und je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr offenbart es – kleine Details, subtile Wendungen, diese eigentümliche Mischung aus Rauheit und Anmut, die den besten Jazz-Funk ausmacht.
Manchmal lege ich „Ethiopian Knights“ am frühen Abend auf, bevor die Lichter gedimmt werden und sich die Menge in sich selbst zurückzieht. Es fühlt sich an wie eine Platte, die eine Absicht vermittelt – nicht, um zu beeindrucken, sondern um sich vorzubereiten. Ihre Energie ist zirkulär, kontinuierlich, gemächlich. Sie lädt dazu ein, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Und wenn dann endlich die Basslinie von „The Little Rasti“ einsetzt, findet der Raum seinen Rhythmus.
Das war Byrd vor der Verfeinerung – vor dem Crossover-Erfolg, vor der Platin-ausgezeichneten Geschmeidigkeit. Doch schon hier lässt sich erkennen, wie die Zukunft Gestalt annimmt. Es ist der Klang eines Musikers, der lernt, dem Rhythmus als seiner Leinwand, dem Ton als seiner Handschrift und dem Groove als seiner Philosophie zu vertrauen. In diesem Sinne ist „Ethiopian Knights“ nicht nur eine Brücke zwischen den Epochen – es ist ein Album über das Werden.
Und genau das hält es am Leben.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.