Ezra Collective – You Can’t Steal My Joy (2019)
Von Rafi Mercer
Manche Alben wirken, als hätten sie nur auf den richtigen Moment gewartet. „You Can’t Steal My Joy“ erschien 2019, klang aber schon damals zeitlos – ein Album, das nicht auf Nostalgie, sondern auf Erneuerung beruhte. Es war der Klang eines Londons, das seinen eigenen Rhythmus wiederentdeckte: Jazz als Dialog, Freude als Widerstand, Groove als Gemeinschaft.
Das Ezra Collective ist keine Retro-Band, sondern eine Erinnerung. Sie vereinen den Geist von Fela Kuti, die Vielseitigkeit von Herbie Hancock, die Wärme von Reggae-Sound-Systemen und den rauen Puls des britischen Grime – und verwandeln all das in etwas ganz Eigenes. Man spürt es in jedem Takt: Das ist Jazz, der nicht ins Museum gehört, sondern auf die Straße.

Das Album beginnt mit einem klaren Statement. „Space Is the Place“ ist nicht nur eine Anspielung auf Sun Ra, sondern ein Manifest. Die Bläser sind überschwänglich, das Schlagzeug unbezähmbar, die Basslinie schreitet selbstbewusst voran. Schon in den ersten Sekunden merkt man: Das ist Musik, die bewegt. Nicht im höflichen, nachdenklichen Sinne – sondern im Körper, im Blut.
Femi Koleosos Schlagzeugspiel treibt das Ganze voran. Er spielt, als würde er die Geschichte durch den Rhythmus nachzeichnen – Tony Allens Synkopen treffen auf Tony Williams’ Feuer. Sein Bruder T.J. am Bass passt sich perfekt an ihn an und verleiht der Musik ihren Herzschlag. Joe Armon-Jones’ Keyboardklänge gleiten dahin und verstreuen sich, Dylan Jones’ Trompete tanzt darüber, und James Mollisons Saxophon hält mit beständiger Wärme die Linie. Gemeinsam treten sie nicht nur auf, sie sind eins.
Dann folgt der Titelsong – „You Can’t Steal My Joy“. Das ist mehr als nur Optimismus. Es ist Trotz. Eine Erklärung, dass das Feiern an sich schon ein Akt des Widerstands sein kann. Man spürt diese tiefe Londoner DNA – das Gefühl, dass selbst in schwierigen Zeiten der Groove das Überleben bedeutet. Der Track rollt dahin wie ein Karneval an einem Sommerabend: strahlende Bläser, voller Rhythmus, freie Melodie.
Über eine gute Anlage kommt das Album richtig zur Geltung. Die Produktion ist klar, wirkt aber niemals steril. Man hört die Luft um die Instrumente herum – den Raum, das Lachen zwischen den Aufnahmen, den Atemzug vor einem Solo. „What Am I to Do?“ mit Loyle Carner integriert Hip-Hop mühelos in den Mix und zeigt, wie selbstverständlich diese Generation Genres miteinander verbindet, die ältere Kritiker einst strikt voneinander trennten.
Auch Verspieltheit kommt nicht zu kurz. „Why You Mad?“ verwandelt rhythmische Spannung in Tanzflächen-Begeisterung, während „Quest for Coin“ mit filmreifer Intensität besticht. „Red Whine“ gleitet in Reggae-Jazz-Glückseligkeit ab – ein Augenzwinkern an das Erbe des Lovers Rock, das tief in der DNA Südlondons verwurzelt ist. Und dann „Shakara“, ein Fela-Kuti-Cover, das alles in der Afrobeat-Tradition verankert, die sie ganz offensichtlich beflügelt. Das ist keine Nachahmung, sondern ein Erbe.
Das Besondere an „You Can’t Steal My Joy“ ist, dass es zugleich spontan und bewusst wirkt. Die Chemie innerhalb der Band ist geradezu telepathisch – die Grooves dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen, Soli schwellen an und klingen wieder ab, und irgendwie fügt sich alles nahtlos zusammen. Man merkt, dass diese Musik auf Live-Erfahrungen basiert – kleine Räume, lange Nächte und die gemeinsame Sprache der Improvisation.
Und dann ist da noch die tiefere Strömung, die darunter fließt. Der Titel des Albums ist ein stiller Protest. Es erschien zu einer Zeit, als sich Großbritannien zersplittert anfühlte, als selbst die Freude rationiert schien. Die Antwort von Ezra Collective war weder Verzweiflung noch Ironie – es war Rhythmus. Ihre Botschaft war einfach: Ihr könnt uns die Bühne, die Plattform, das Honorar und den Frieden wegnehmen – aber die Freude könnt ihr uns nicht stehlen. Die gehört uns.
Auf Vinyl oder einer guten Hi-Fi-Anlage entfaltet das Album eine ganz andere Wirkung. Man nimmt subtile Nuancen wahr – die Wärme des ausklingenden Beckens, den Hauch von Atem in einem Bläsersolo, die mitreißende Energie des Publikums, die von den Raummikrofonen eingefangen wurde. Das ist keine Hintergrundmusik. Das ist lebendig.
Wenn die letzten Töne verklingen, wird einem etwas Wichtiges bewusst: Das hier ist kein Retro-Revival und auch kein Jazz für Playlists. Es ist die Fortsetzung einer Geschichte, die in Gemeindesälen, Kellern und auf Karnevalswagen begann – Musik als Bekräftigung, die nicht um Anerkennung, sondern für die Gemeinschaft gespielt wird.
Deshalb gehört „You Can’t Steal My Joy“ in die „Tracks & Tales“-Reihe. Es ist ein Album zum Zuhören, aber kein ruhiges. Es ist der Beweis dafür, dass Freude sowohl der Prozess als auch der Protest sein kann – dass Klang selbst eine Form der Ausdauer sein kann.
Manche Alben beruhigen einen. Andere wecken einen auf. Dieses hier kann beides.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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