Felt – Nils Frahm (2011)
Stille wird zu Präsenz, und Präsenz wird zum Zuhören
Von Rafi Mercer
Manchmal wird die Platte, die man gerade hört, nicht im Raum abgespielt – sie ist der Raum. Genau so fühlt es sich bei „Felt“ an, dem 2011 erschienenen Album des deutschen Pianisten und Komponisten Nils Frahm. Schon bei der ersten zarten Note spürt man, wie diese Musik entstanden ist – nicht in einem Studio, das auf Perfektion ausgelegt ist, sondern in der Stille der Nacht, mit Filzstücken auf den Klaviersaiten, damit der Klang sanft, fast schüchtern entstehen konnte, ohne die Nachbarn zu wecken.
Diese Absicht zeigt sich in jeder einzelnen Aufnahme. Die Mikrofone sind nicht in einiger Entfernung versteckt, sondern tief im Inneren des Instruments platziert, sodass man die Mechanik des Klaviers hört – das leise Knarren des Holzes, den Luftzug zwischen den Tönen –, als würde das Instrument gemeinsam mit einem ausatmen.

Im Kontext dieses Morgens – 6:15 Uhr, jenem Zwischenzustand, in dem man noch nicht ganz schläft, aber auch noch nicht ganz wach ist – drängt sich „Felt“ nicht in den Vordergrund. Es kündigt sich nicht so an, wie es die meiste Musik tut. Stattdessen lädt es einen ein, seinen Raum zu bewohnen. Das Klavier ist kein Objekt im Raum, sondern die Stimme des Raumes selbst, die die Stille dadurch definiert, wie sie zwischen den Tönen nachklingt. Die Stücke gehen mit einer Bescheidenheit ineinander über, die sich fast greifbar anfühlt – als würde man mit den Fingern über eine Oberfläche streichen, die durch die Zeit weich geschliffen wurde.
Die Absicht ist nicht nur in den sparsam gestalteten Kompositionen wie „Keep“ und „Less“ zu hören, sondern auch in den Freiräumen um sie herum – „Pause“, „Snippet“, „More“ –, wo die Stille nicht bloß als Hintergrund dient, sondern Teil des musikalischen Materials ist.
Diese Musik füllt den Raum nicht aus, sondern stimmt ihn auf eine bestimmte Weise ab. Sie erinnert daran, dass Ruhe nicht Abwesenheit, sondern Gleichgewicht ist. Auf „Felt“ wird das Klavier zum Begleiter der Stille, und in dieser Partnerschaft wird das Zuhören zu etwas Tieferem als bloßem Hören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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