Floating Points, Pharoah Sanders & London Symphony Orchestra – Promises (2021)
Von Rafi Mercer
Ein einziges Motiv erklingt: eine Phrase aus sieben Noten auf dem Klavier, schlicht und kreisend, wie ein wiederkehrender Gedanke. Es wiederholt sich, unverändert und doch stets lebendig – ein Muster, das zugleich Anker und Horizont wird. Langsam setzt Pharoah Sanders ein. Sein Saxophonton – gereift, rau, zerbrechlich und doch leuchtend – haucht dem Raum Leben ein und schwebt um das Motiv herum auf und ab. Die Streicher des London Symphony Orchestra schließen sich geduldig an und erweitern den Klang zu etwas Unermesslichem. Das ist „Promises“, erschienen im Jahr 2021, eine Zusammenarbeit zwischen dem Elektronik-Produzenten Sam Shepherd (Floating Points), dem legendären Jazz-Saxophonisten Pharoah Sanders und einem der weltweit größten Orchester. Es ist nicht einfach nur ein Album, sondern ein Akt der Hingabe: ein einziges Musikstück von 46 Minuten Dauer, konzipiert als Gefäß für Präsenz.
Das Werk ist in neun Sätze unterteilt, doch die Grenzen zwischen ihnen sind fließend. Das aus sieben Noten bestehende Motiv, gespielt auf einem Rhodes-Piano, kehrt immer wieder zurück – mal deutlich, mal im Hintergrund. Um dieses Motiv herum verändern sich die Klangtexturen: Sanders improvisiert mit Zärtlichkeit und Zurückhaltung, das Orchester schwillt an und zieht sich wieder zurück, die Elektronik schimmert wie fernes Licht. Das Stück ist weniger eine Erzählung als eine Meditation, weniger eine Komposition als ein Raum, den es zu bewohnen gilt.
Am meisten beeindruckt Sanders selbst. Im Jahr 2021 war er bereits in den Achtzigern, längst hinter den stürmischen Zeiten von „Karma“ und „Black Unity“ zurückgelassen. Sein Klang ist hier anders – sanfter, langsamer, jede Note wohlüberlegt. Gelegentlich knurrt er, doch häufiger verweilt er, streichelt, atmet aus. In der Zerbrechlichkeit liegt Weisheit, in der Zurückhaltung Schönheit. Jede Phrase wirkt wie eine Darbringung, wie ein Gebet.
Floating Points liefert den Rahmen. Sein aus sieben Noten bestehendes Motiv ist nüchtern, fast minimalistisch, doch gerade seine Beständigkeit lässt Raum für alles andere. Elektronische Elemente kommen subtil zum Einsatz: Drones, schimmernde Klänge, Impulse, die eher als Atmosphäre denn als Rhythmus wahrgenommen werden. Das London Symphony Orchestra verleiht dem Ganzen eine neue Dimension: anschwellende Akkorde, leuchtende Klangtexturen, Erhabenheit ohne Übertreibung. Gemeinsam schaffen diese drei Kräfte ein Werk, das zeitlos, grenzenlos und universell wirkt.
Der Höhepunkt des Albums erreicht sich im sechsten Satz, wenn das Orchester zu einem Crescendo von überwältigender Schönheit anschwillt. Sanders’ Saxophon schwebt darüber, zerbrechlich und doch entschlossen, bevor es in der Stille versinkt. Das Motiv kehrt unverändert zurück, als wäre nichts geschehen und doch hätte sich alles verändert. Es ist eine der bewegendsten Passagen der zeitgenössischen Musik, ein Zusammenspiel von Alter, Tradition, Innovation und Hingabe.
Kulturell gesehen war „Promises“ eine Offenbarung. In einer Zeit kurzer Aufmerksamkeitsspannen und algorithmengesteuerten Musikgenusses war hier ein 46-minütiges Stück, das Geduld, Eintauchen und langsames Zuhören verlangte. Kritiker feierten es als Meisterwerk. Überraschenderweise nahm das Publikum es begeistert auf. Es führte die Charts an, wurde als „Album des Jahres“ ausgezeichnet und machte Sanders einer neuen Generation bekannt, die vielleicht nur wenig von seinen früheren Werken wusste. Es bewies, dass Musik mit Tiefe und Dauer auch in einem von Ablenkungen geprägten Zeitalter noch Anklang finden kann.
Für die Zuhörer ist die Inklusivität dieses Werks beeindruckend. Man muss weder Sanders’ Werdegang noch Floating Points’ Errungenschaften in der elektronischen Musik oder die klassische Tradition des LSO kennen, um die Kraft dieses Werks zu spüren. Das Motiv ist einfach, die Klangtexturen sind mitreißend, die Emotionen klar. Es ist Musik, die jeden willkommen heißt: Frauen und Männer, erfahrene Jazzliebhaber, Fans elektronischer Musik, Klassikhörer oder Neulinge. Sie schottet nicht ab, sondern öffnet.
Auf Vinyl ist diese Platte etwas ganz Besonderes. Die Wiederholung des Motivs über beide Seiten hinweg macht das Umdrehen der Platte zu einem Teil des Rituals. Die analoge Wärme verleiht Sanders’ Klang mehr Tiefe, lässt die Streicher schimmern und verleiht der Elektronik eine greifbare Präsenz. Das Cover – ein abstraktes Kunstwerk von Julie Mehretu, vielschichtig und leuchtend – spiegelt das Gefühl wider, dass Raum und Zeit in dieser Musik fließend sind.
Was an „Promises“ Bestand hat, ist seine Bescheidenheit. Trotz seiner Erhabenheit wirkt es niemals protzig. Trotz der Zusammenarbeit über Generationen und Genres hinweg wirkt es niemals überladen. Es ist geduldig, großzügig, aufrichtig. Sanders fand am Ende seines Lebens einen neuen Weg, Zeugnis abzulegen – nicht durch Feuer, sondern durch Atem. Floating Points, in der Mitte seiner Karriere, sorgte für Struktur, ohne zu dominieren. Das LSO, mit seiner jahrhundertelangen Tradition, verlieh dem Ganzen Gewicht, ohne dabei starr zu wirken. Gemeinsam schufen sie ein Werk, das sich weniger wie ein Album und mehr wie ein Geschenk anfühlt.
„Promises“ heute zu hören bedeutet, in einen Raum der Stille einzutreten. Das Motiv wiederholt sich. Das Saxophon seufzt. Die Streicher schimmern. Man atmet anders. Man hört anders zu. Und wenn das Stück endet, tritt man verändert wieder hervor, als hätte man etwas mitgenommen: nicht nur Klang, sondern Präsenz.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.