Free Nationals – Where the Groove Stays Human (2019)

Free Nationals – Where the Groove Stays Human (2019)

Ein Album voller Herzblut für das Streaming-Zeitalter.

Von Rafi Mercer

Es beginnt wie Sonnenlicht durch Rauchglas – dieser erste schimmernde Akkord von „Obituaries“. Der Groove ist beständig, gemächlich, in seinem Puls fast menschlich. Die Free Nationals hatten nicht vor, das Rad neu zu erfinden; sie wollten einfach nur, dass es wieder mit Wärme rollt. In einer digitalen Welt aus perfekt getakteten Rhythmen und abgehackten Emotionen fühlt sich ihr selbstbetiteltes Album wie eine Rückkehr zu etwas Greifbarem an: das Gefühl von Haut auf Saiten, die Rauheit einer Snare, der Dialog zwischen Bass und Atem. Man spürt es am stärksten in den atemvollen Pausen – genau die Art von Klang, die man vielleicht auf einem Plattenspieler in einem kleinen Raum aus dem „Los Angeles Listening Bars Guide“ herüberwehen hört.

Das Quartett – José Ríos, Ron „T. Nava“ Avant, Kelsey Gonzales und Callum Connor – war einst der stille Motor hinter Anderson .Paaks Aufstieg. Nacht für Nacht prägten sie seinen Live-Sound, eine seltene Mischung aus Bounce und Soul, die sich wie Rauch durch Festivals und Late-Night-Sets zog. Als sie schließlich unter ihrem eigenen Namen an die Öffentlichkeit traten, stellte sich nicht die Frage, ob sie spielen konnten – sondern ob sie diese Live-Energie im Studio einfangen konnten. „Free Nationals“ (OBE / Empire, 2019) antwortet darauf mit Groove und Anmut und bewegt sich in denselben warmen Frequenzen, die Alben wie D’Angelos „Voodoo“ und den zarten elektronischen Soul von 4heros „Creating Patterns“ geprägt haben.

Hört euch „Beauty & Essex“ mit Daniel Caesar und Unknown Mortal Orchestra genau an: Die Basslinie schwingt sich wie Samt, die Tasten schimmern in stiller Zurückhaltung, und Caesars Stimme schwebt wie ein Duft darüber hinweg. Oder „Time“, aufgenommen vor Mac Millers Tod, wo die Band einen Rhythmus legt, der so sanft ist, dass er fast verschwindet – ein Herzschlag in Trauerkleidung. Nichts hier schreit. Alles lauscht. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Musik im Spiritland London spielt, wo Gespräche und Klänge in perfekter Balance aufeinandertreffen – an einem Ort, an dem der Mix zur Erinnerung wird.

Das ist die subtile Kunst, die hier am Werk ist: Zurückhaltung als Rebellion. Die Free Nationals stehen in einer Tradition, die Gefühl über Effekthascherei stellt – The Meters, Roy Ayers, D’Angelos Soulquarians –, Musiker, die wussten, dass Raum eine Art Verführung ist. Im Zeitalter des Streamings, in dem Aufmerksamkeit die Währung ist, weigert sich dieses Album, sich zu beeilen. Jeder Titel atmet. Jeder Groove verweilt gerade lange genug, um daran zu erinnern, dass musikalisches Können nach wie vor zählt – ganz ähnlich wie Timmy Thomas es mit „Why Can’t We Live Together“ tat, einem weiteren stillen Akt des Widerstands, der Einfachheit in Soul verwandelt.

Was Free Nationals auf unaufdringliche Weise radikal macht, ist ihr Optimismus. Die Band zieht einen roten Faden der Zusammengehörigkeit durch das gesamte Album: die Freude am gemeinsamen Musizieren, der Klang des Vertrauens. „On Sight“ mit JID und Kadhja Bonet pendelt zwischen verschiedenen Epochen – Future Soul im Stil der 1970er Jahre. „Gidget“ tanzt im Sonnenlicht, während „Shibuya“ im Licht des Pazifiks schimmert. Jeder Track trägt ein Echo ihrer Live-Tradition in sich: Schweiß, Lachen, Präzision, Risiko. Das Album passt perfekt in die Welt der Listening-Bars – warm abgemischt, wunderschön komprimiert, mit satten Bässen, die jedoch niemals aufdringlich wirken. Auf einer hochwertigen Anlage abgespielt – etwa einem Paar Beolab 18 oder einer Kyoto-Listening-Bar-Anlage – wirkt der Bass wie ein Gespräch, die Mitten natürlich, der Gesang direkt vor einem, nicht über einem. Es ist ein Album, das für ungeteilte Aufmerksamkeit gemacht ist, für Nadel und Rille, für das stille Wunder von Musikern in einem Raum.

Vielleicht ist das der Grund, warum es Bestand hat. „Free Nationals“ ist keine Nostalgie, sondern eine Erinnerung. In einer Zeit, in der die meisten „Bands“ nur noch als Code und Stems existieren, gibt es hier ein Album, das blutet, atmet und lächelt. Es beweist, dass Soul nach wie vor den Lebenden gehört und dass es auf dem „Tracks & Tales Listening Shelf“ immer noch Alben gibt, die zum intensiven Hören gemacht sind.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

Zurück zu den Geschichten

Keine Playlist.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

JETZT MITMACHEN