Haruomi Hosono – Cochin Moon (1978)

Haruomi Hosono – Cochin Moon (1978)

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die einen Ort dokumentieren, und es gibt Alben, die einen erfinden. Haruomi Hosonos „Cochin Moon“ gehört eindeutig zur letzteren Kategorie. Das 1978 erschienene Album ist ein Werk synthetischer Exotica – eine schimmernde, verspielte und bisweilen surreale Klanglandschaft, die von Hosonos Reisen durch Indien inspiriert ist, jedoch vollständig durch Elektronik gefiltert wurde. Was dabei entsteht, ist keine Ethnografie, sondern ein Traum: ein Fantasie-Indien, dargestellt durch Oszillatoren, Sequenzer und helle, pulsierende Klänge.

Hosono gehörte bereits zu den unermüdlichsten und einfallsreichsten Persönlichkeiten der japanischen Musikszene. Von seinen frühen Arbeiten mit der Psychedelic-Band Happy End bis hin zu den Folk-Rock-Klängen von Hosono House hatte er immer wieder seine Vorliebe für Neuerungen unter Beweis gestellt. „Cochin Moon“ markierte eine weitere Wende. Fasziniert von elektronischer Musik und den Möglichkeiten des Synthesizers machte er sich daran, ein Album zu schaffen, das sowohl an ein Reisetagebuch als auch an eine Halluzination erinnern sollte. Dazu holte er den Künstler Tadanori Yokoo mit ins Boot, der das lebendige, kaleidoskopartige Artwork beisteuerte, sowie den Co-Produzenten Shigeru Suzuki. Gemeinsam schufen sie ein Album, das sich ebenso visuell wie klanglich anfühlt.

Das Album beginnt mit „Hotel Malabar Upper Floor…Moving Triangle“. Schon hier wird die Absicht deutlich: Helle, synthetische Klänge tanzen durch den Stereoraum und überlagern einen pulsierenden Rhythmus, der Bewegung, Reisen und Orientierungslosigkeit suggeriert. Der Klang ist zugleich verspielt und unheimlich, wie ein neonbeleuchteter Jahrmarkt, den man durch einen Hitzeschleier betrachtet. Es gibt melodische Fragmente, die an indische Tonleitern erinnern, doch sie werden durch die Elektronik gebrochen und in etwas Futuristisches verwandelt. Hosono imitiert nicht; er erfindet.

Im weiteren Verlauf der Suite – denn „Cochin Moon“ lässt sich am besten als eine einzige, durchgehende Reise erleben – verändern sich die Klangtexturen. „Hotel Malabar Ground Floor…Triangle Circuit on the Sea-Forest“ vertieft den Rhythmus und überlagert perkussive Blips, die sowohl an Tabla als auch an elektronische Schaltkreise erinnern. „Hotel Malabar Inner Garden“ verlangsamt sich zu meditativeren Klängen, synthetischer Vogelgesang flackert um dahinschwebende Akkorde herum. Spätere Sätze werden dichter, chaotischer und beschwören geschäftige Märkte, psychedelische Nächte und seltsame Maschinen herauf, die in einem fernen Tempel summen. Das Album schließt mit „Madam Consul General of Madras“, einem Stück, das so skurril ist wie sein Titel und voller synthetischer Fanfaren und cartoonartiger Effekte steckt.

Was „Cochin Moon“ so bemerkenswert macht, ist die Ausgewogenheit zwischen Humor und handwerklichem Können. Es ist keine Parodie, auch wenn es mit Kitsch flirtet. Es ist nicht ernst, obwohl es sorgfältig produziert wurde. Hosono hat verstanden, dass elektronische Klänge sowohl verspielt als auch ernst sein können und ganze imaginäre Welten erschaffen können. Das Album schwelgt in seiner Künstlichkeit. Es versucht nicht, seinen synthetischen Charakter zu verbergen, sondern genießt ihn in vollen Zügen. Das „Indien“, das es heraufbeschwört, ist nicht real, sondern fantastisch – eine Projektion von Reiselust und Vorstellungskraft.

Zu jener Zeit war die japanische Elektronikmusik noch ein aufstrebendes Genre. Kraftwerk hatte in Europa bereits den Grundstein gelegt, doch Hosonos Ansatz war ein anderer. Während Kraftwerk sich Züge und Autobahnen vorstellte, malte Hosono Hotels, Basare und Neon-Tempel vor seinem inneren Auge. Seine Welt war geprägt von Farbe und Sinnlichkeit, nicht von industrieller Präzision. In diesem Sinne steht „Cochin Moon“ dem Surrealismus näher als dem Minimalismus. Es malt in leuchtenden Farben, es lacht, es überrascht.

Wenn man das Album heute hört, wirkt es seltsam prophetisch. Der Einsatz von Sequenzern und synthetischen Percussion-Klängen nimmt einen Großteil des elektronischen Pops vorweg, den Hosono bald darauf mit dem Yellow Magic Orchestra erkunden sollte, der Gruppe, die er später im Jahr 1978 mitbegründete. In diesen Stücken lassen sich die Keime des verspielten Futurismus von YMO erkennen – die freudige Begeisterung für künstliche Klänge, die Vermischung kultureller Referenzen und die Vorstellung von Technologie als Spielzeug und Werkzeug zugleich.

Auf Vinyl gleicht die Wärme der Platte ihre digitale Helligkeit aus. Das Knistern bei der Wiedergabe verleiht den ansonsten schwerelosen Klängen Bodenhaftung und lässt die Fantasiewelt greifbar werden. Auch das Cover spielt eine wichtige Rolle: Yokoo’s psychedelische Collage aus Elefanten, Tigern, Tempeln und Maschinen verankert die Platte ebenso in der visuellen Kultur wie im Klang. „Cochin Moon“ ist ein Album, das man nicht nur hören, sondern auch in den Händen halten kann – ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton.

Das kulturelle Nachleben dieser Platte ist faszinierend. Einst eine Kuriosität, wird sie heute von Sammlern und Ambient-Liebhabern als Klassiker der japanischen elektronischen Musik geschätzt. Ihr Humor, der einst fälschlicherweise als Leichtfertigkeit angesehen wurde, wird heute als Teil ihres Genies anerkannt. Indem er sich jeder Ernsthaftigkeit verweigerte, ebnete Hosono einen neuen Weg für den elektronischen Klang: einen Weg, auf dem Fantasie und Spiel genauso wichtig sein können wie Strenge.

Wer jetzt zuhört, taucht in eine Parallelwelt ein. Es ist weder Indien noch Japan, weder die Zukunft noch die Vergangenheit. Es ist all das zugleich, vereint in einem klanglichen Traum. Die Töne sprudeln und blitzen, die Rhythmen pulsieren und stocken, die Melodien lösen sich in Farben auf. Es ist eine Reise ohne Ziel, eine Halluzination, die auf Vinyl gepresst wurde.

Hosono widmete sich später vielen anderen Projekten – von elektronischem Pop bis hin zum Sounddesign für Umweltklänge –, doch „Cochin Moon“ bleibt ein einzigartiges Werk. Es erinnert daran, dass die Vorstellungskraft selbst ein Ort ist, dass Musik Geografien erschaffen kann und dass Reisen ebenso sehr nach innen wie nach außen führen kann. Wenn man das Stück hört, wird man nicht nach Cochin versetzt, sondern in einen Traum von Cochin: fremder, strahlender, freier.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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