Herbie Hancock – Head Hunters (1973)

Herbie Hancock – Head Hunters (1973)

Von Rafi Mercer

Es gibt einen Moment, in dem die Basslinie von „Chameleon“ zum ersten Mal deutlich hervortritt, der sich anfühlt, als würde eine Tür aufgerissen. Das geschieht nicht zögerlich, nicht schrittweise. Es ist unmittelbar und körperlich – die Art von Klang, die den Körper des Zuhörers in Bewegung versetzt, noch bevor der Verstand damit Schritt halten kann. Das war Herbie Hancocks Genialität auf „Head Hunters“: die Strenge des Jazz mit dem unwiderstehlichen Puls des Funk zu verschmelzen und dabei ein Album zu schaffen, das die Grenzen beider Genres neu definierte.

Im Jahr 1973 war Hancock kein Unbekannter mehr, wenn es um Wandlungen ging. Er war ein Wunderkind gewesen, Begleitmusiker bei Donald Byrd, einer der wichtigsten Mitgestalter von Miles Davis’ zweitem großen Quintett und ein Solokünstler mit einer Reihe von Alben, die die Raffinesse des Post-Bop mit einem zunehmend experimentierfreudigen Gespür für Elektronik verbanden. Doch mit „Head Hunters“ setzte er andere Akzente. Während seine früheren Alben intellektuelle Erkundungen mit Groove in Einklang brachten, wurde hier der Groove zur Grundlage. Die Platte ist unverhohlen körperbetont, ihre Rhythmen stehen ebenso im Mittelpunkt wie ihre Harmonien. Dennoch verzichtet sie niemals auf Intelligenz; vielmehr beweist sie, dass Intellekt und Körper eine Einheit bilden können.

Die Besetzung war entscheidend. Hancock stellte eine reduzierte Band zusammen, die er „The Headhunters“ nannte: Bennie Maupin an den Holzblasinstrumenten, Paul Jackson am Bass, Harvey Mason am Schlagzeug und Bill Summers an den Percussions. Die Besetzung war bewusst schlank gehalten – keine Bläsersektion, kein großes Ensemble, sondern nur eine eingespielte Rhythmusgruppe mit Raum für Improvisation. Hancock selbst bediente ein kleines Arsenal an Keyboards: Fender Rhodes, Clavinet, ARP Odyssey sowie das traditionelle akustische Klavier. Das waren keine Spielereien. Es waren Werkzeuge, um Klangtexturen zu formen und der Platte ihren unverwechselbaren elektrischen Glanz zu verleihen.

„Chameleon“, der Eröffnungstitel, dauert über fünfzehn Minuten und gibt den Ton an. Jacksons Basslinie ist schlangengleich und hypnotisch, während Hancocks Clavinet-Einwürfe sich mit synkopiertem Biss durchsetzen. Das Stück ist wie eine Jam-Session aufgebaut, entfaltet sich jedoch mit Präzision: Ein Groove wird etabliert, erkundet, aufgebrochen und neu aufgebaut. Maupins Bassklarinette verleiht dem Ganzen Rauheit und Dunkelheit, während Mason und Summers sich in Polyrhythmen einklinken, die die Musik in ständiger Bewegung halten. Es ist Funk, ja, aber Funk, gefiltert durch die Linse der Jazz-Improvisation. Jeder Takt fühlt sich lebendig, reaktionsfreudig und elastisch an.

„Watermelon Man“ ist wohl der berühmteste Titel des Albums, eine radikale Neuinterpretation eines Stücks, das Hancock erstmals 1962 aufgenommen hatte. Die Version der Headhunters beginnt damit, dass Summers über eine Bierflasche bläst und so eine pfeifenartige Klangtextur erzeugt, die von der ghanaischen Hindewhu-Musik inspiriert ist. Daraus entsteht ein Groove, der zugleich erdig und futuristisch ist, wobei die vertraute Melodie in etwas Ursprüngliches und Gemeinschaftliches verwandelt wird. Während das Original von „Watermelon Man“ beschwingt und eingängig war, ist diese Interpretation dicht und vielschichtig – eher ein Ritual als ein Lied. Sie verdeutlicht Hancocks Fähigkeit, sein eigenes Material neu zu bearbeiten, ohne es in Nostalgie erstarren zu lassen.

„Sly“ ist eine Hommage an Sly Stone, und sein Rhythmus spiegelt den Einfluss von Funk und Soul auf dem Höhepunkt ihrer Blütezeit wider. Dennoch ist der Titel keine Nachahmung, sondern ein Dialog. Die Taktwechsel, die experimentellen Soli, die Art und Weise, wie Hancock dem Rhodes verzerrte Klangtexturen entlockt – all das erinnert uns daran, dass es sich hier nach wie vor um Jazz handelt, wenn auch in neuem Gewand. Es ist eine Bekräftigung dessen, dass Improvisation auf der Tanzfläche ebenso zu Hause ist wie im Keller eines Clubs.

Das Album endet mit „Vein Melter“, dem atmosphärischsten der vier Stücke. Langsamer, düsterer, meditativer – es dehnt den Raum eher aus, als dass es ihn verdichtet. Maupins Holzblasinstrumente gleiten wie Nebel über Hancocks E-Piano, während die Rhythmusgruppe im Hintergrund leise murrt. Der Effekt ist tranceartig und bildet einen Kontrapunkt zur kinetischen Energie der früheren Stücke. Es erinnert daran, dass Hancock selbst inmitten der treibenden Kraft des Funk niemals die Stimmung, die Klangfarbe oder die Suche nach neuen Klanglandschaften aufgegeben hat.

Die Veröffentlichung von „Head Hunters“ war nichts weniger als ein Erdbeben. Jazz-Puristen taten das Album als kommerziellen Kompromiss ab, während das jüngere Publikum es als Befreiung begrüßte. Es wurde zu einer der meistverkauften Jazzplatten aller Zeiten; ihre Grooves wurden Jahrzehnte später von Hip-Hop-Produzenten gesampelt, und ihr Einfluss ist in der elektronischen Musik, im Fusion-Jazz und sogar im Rock deutlich zu spüren. Für viele war es der Einstieg in den Jazz selbst – ein Tor, das über den Rhythmus in tiefere Gewässer führte.

Das Album jedoch nur auf seine Zugänglichkeit zu reduzieren, hieße, seine Tiefe zu übersehen. Die Improvisationen sind messerscharf, das Zusammenspiel der Musiker fein abgestimmt. Die Grooves mögen zwar im Mittelpunkt stehen, doch in ihnen verbirgt sich eine unendliche Vielfalt. Man höre sich nur die Veränderungen in Hancocks Phrasierung an, die subtilen Anpassungen in Masons Schlagzeugspiel und die Art und Weise, wie Jacksons Bass sich wandelt, ohne dabei jemals den Halt zu verlieren. Das ist keine Hintergrundmusik. Es ist eine auf Wiederholung aufgebaute Architektur, eine Kathedrale, die auf den Fundamenten des Funk errichtet wurde.

Wenn man „Head Hunters“ heute hört, wird einem wieder bewusst, wie radikal dieses Album nach wie vor ist. Die Elektronik klingt eher warm als veraltet, ihre analogen Unvollkommenheiten sind Teil der Klangtextur. Die Grooves haben nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Und der Anspruch – Genres zu verschmelzen, ohne eines davon zu verwässern – wirkt so aktuell wie eh und je. In einer Zeit, in der sich Kategorien auflösen und hybride Formen dominieren, wirkt Hancocks Leistung geradezu vorausschauend. Er hat gezeigt, dass Jazz sowohl ernst als auch populär, sowohl intellektuell als auch körperlich, sowohl spirituell als auch schweißtreibend sein kann.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die man aus „Head Hunters“ gewinnen kann, ist die Ablehnung jeglicher Hierarchie. Der Groove steht nicht unter dem Solo; er ist der Boden, auf dem das Solo sich bewegt. Das E-Keyboard ist keine Spielerei; es ist ein Instrument, das dem Klavier gleichgestellt ist. Funk ist dem Jazz nicht unterlegen; er ist ein weiterer Dialekt derselben Sprache. Hancock riss die Mauern ein und ließ die Elemente miteinander verschmelzen, im Vertrauen darauf, dass neue Formen entstehen würden. Das taten sie – und ihr Nachhall ist bis heute zu spüren.

Auch nach fünfzig Jahren wirkt die Platte noch immer frisch. Sobald man die Nadel auf „Chameleon“ setzt, verändert sich die Atmosphäre im Raum. Die Schultern entspannen sich, die Köpfe nicken, die Körper beugen sich nach vorne. Das ist Musik, die Präsenz einfordert – nicht durch Feierlichkeit, sondern durch Bewegung. Sie verlangt nicht, dass man still sitzt und nachdenkt. Sie verlangt, dass man den Rhythmus lebt. Sie erinnert uns daran, dass Denken und Tanzen keine getrennten Handlungen sind. Sie sind zwei Seiten desselben Hörerlebnisses.

Herbie Hancocks Karriere sollte sich weiterentwickeln – weitere Funk-Alben, eine Rückkehr zur Akustik, elektronische Experimente. Doch „Head Hunters“ bleibt ein Meilenstein, der Ort, an dem seine Vision vom Groove als ernstzunehmender Kunstform ihre vollendetste Gestalt fand. Es ist nicht nur ein Klassiker. Es ist ein Manifest: dass Musik intelligent sein kann, ohne distanziert zu wirken, populär, ohne oberflächlich zu sein, körperlich, ohne den Verstand zu verlieren.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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