Here I Come – Barrington Levy (1985)

Here I Come – Barrington Levy (1985)

Der Klang eines heißen Tages, der noch offen lässt, wie er sich entwickeln wird

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die einfach in winterliche Räume und lange Nächte passen. Alben, die zum Nachdenken einladen, zu Kerzenlicht und ein wenig Einsamkeit.

„Here I Come“ gehört nicht dazu.

Dies ist ein Album, das zu offenen Fenstern passt.

Das Erste, was einem auffällt, ist die Bewegung. Nicht unbedingt die Geschwindigkeit. Die Bewegung. Die Platten, die den jamaikanischen Dancehall in den frühen 1980er Jahren prägten, haben etwas verstanden, was viele moderne Platten vergessen haben: Energie muss nicht gehetzt sein. Der Groove kann entspannt sein und sich trotzdem unaufhaltsam anfühlen. Barrington Levy hat das instinktiv verstanden.

Wenn man an einem warmen Nachmittag „Here I Come“ hört, wirkt die Platte fast schon architektonisch. Der Bass liegt tief und gleichmäßig und schafft eher ein Fundament als Dramatik. Darüber schwebt Levys unverwechselbarer Gesang – elastisch, melodisch, verspielt und irgendwie drängend zugleich. Nur wenige Sänger in der Geschichte des Reggae besaßen eine Stimme wie die seine. Sie ist gleichzeitig jugendlich und vom Leben gezeichnet, fähig, in einem Moment Sanftheit auszustrahlen und im nächsten das Selbstbewusstsein eines Straßenkünstlers.

Der Titelsong bleibt das unbestrittene Herzstück des Albums.

„Here I Come (Broader Than Broadway)“ ist einer dieser seltenen Songs, die scheinbar ewig lebendig bleiben. Vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung vermittelt er immer noch das Gefühl von Unbegrenztem. Keine Nostalgie. Unbegrenztes. Die berühmte Gesangsphrase zu Beginn kommt wie Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brechen, und wenn sich der Rhythmus einstellt, wirkt der Song weniger wie eine Aufnahme als vielmehr wie eine Ankündigung.

Es gibt einen Grund, warum dieser Song über Generationen hinweg in Soundsystemen, Clubs, auf Festivals, in Hip-Hop-Samples, bei Jungle-Sets und in Playlists für die späten Nachtstunden immer wieder auftaucht. Der Song strahlt einen Optimismus aus, der nie an Aktualität zu verlieren scheint.

Dennoch ist das Album mehr als nur dieser herausragende Moment.

Titel wie „The Vibes Is Right“, „Do The Dance“ und „Under Mi Sensi“ zeigen, warum Levy zu einer so prägenden Stimme dieser Ära wurde. Die Darbietungen zeichnen sich durch eine Lässigkeit aus, die moderne Produktionen oft nur schwer nachbilden können. Nichts wirkt übermäßig inszeniert. Nichts wirkt in Perfektion gefangen. Die Musiker spielen für Bewegung, für Atmosphäre, für Menschen und nicht für Algorithmen.

Diese Menschlichkeit zieht sich durch das gesamte Album.

Die Begleitband „The Roots Radics“ liefert Grooves, die auf den ersten Blick einfach wirken. Hört man jedoch genau hin, offenbaren die Arrangements eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Überall ist Raum. Die Instrumente setzen erst dann ein, wenn sie gebraucht werden. Die Rhythmen atmen. Bass und Schlagzeug tragen enormes Gewicht, ohne jemals schwerfällig zu wirken. Das Ergebnis ist Musik, die dem Zuhörer Raum zum Eintauchen lässt.

Vielleicht ist das der Grund, warum das Album so sehr mit dem Sommer verbunden wirkt.

Nicht, weil es tropisch ist. Nicht, weil es beschwingt ist.

Weil es Raum schafft.

Im Sommer geht es – wenn er von seiner schönsten Seite ist – nicht um Aktivitäten. Es geht um Möglichkeiten. Um das Gefühl, dass der Tag noch nicht entschieden hat, was er sein will. Um das Gefühl, dass etwas Gutes passieren könnte, wenn man einfach genug Raum dafür lässt.

„Here I Come “ fängt dieses Gefühl wunderbar ein.

Es ist ein Rekord für Grillabende, die bis in den Abend hineinreichen. Für lange Autofahrten mit heruntergelassenen Fenstern. Für Spaziergänge durch eine Stadt, die sich plötzlich langsamer anfühlt, weil die Hitze ihre Kanten gemildert hat. Für jene seltenen Nachmittage, an denen die Arbeit warten kann und die Zukunft gerade nah genug ist, um sie zu berühren.

Wenn man sich das Album heute anhört, ist es bemerkenswert, wie zeitgemäß es immer noch klingt. Viele Alben aus der Mitte der 1980er Jahre sind in ihrem Jahrzehnt gefangen geblieben. „Here I Come“ ist dem entkommen. Die Rhythmen wirken nach wie vor frisch, weil sie auf Grundlagen und nicht auf Modeerscheinungen basieren. Guter Bass. Starke Melodien. Menschliche Stimmen. Raum.

Je älter ich werde, desto mehr schätze ich Alben, die das verstehen.

Musik muss einen nicht immer herausfordern. Manchmal ist ihre Aufgabe einfacher. Manchmal muss sie einem einfach nur vierzig Minuten lang die Last von den Schultern nehmen und daran erinnern, dass das Leben Bewegung, Sonnenschein und Chancen bereithält.

Genau das tut Barrington Levy hier.

An einem heißen Tag, bei geöffneten Fenstern und mit einem Blick in die Zukunft, die irgendwo jenseits des Horizonts liegt, wirkt „Here I Come“ weniger wie ein Album, sondern eher wie ein Begleiter.

Und vielleicht ist das der Grund, warum es nach wie vor ein solcher Sommerklassiker ist.

Denn jeder Sommer braucht einen Soundtrack, der genau das ausdrückt:

Der Tag ist noch nicht vorbei.


Kurze Fragen

Ist dies das bedeutendste Album von Barrington Levy?

Für viele Hörer sicherlich. Er hat zwar zahlreiche bedeutende Alben produziert, doch „Here I Come“ enthält seinen zeitlosesten und bekanntesten Song.

Um welche Art von Reggae handelt es sich hier?

Früher Dancehall. Das Album entstand zu einer Zeit, als sich der Roots-Reggae zum Dancehall-Sound entwickelte, der die jamaikanische Musik in den 1980er Jahren prägen sollte.

Wann sollte man es sich anhören?

Warme Nachmittage, Gartenfeste, Ausflüge oder einfach jeder Moment, in dem man Musik hören möchte, die optimistisch, entspannt und voller Tatendrang ist.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

Zurück zu den Geschichten

Keine Playlist.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

JETZT MITMACHEN