Hideo Shiraki – Sakura Sakura (1969)
Von Rafi Mercer
Ende der 1960er Jahre durchlief der japanische Jazz einen Wandel. Musiker, die den amerikanischen Bebop und Hard Bop beherrschten, begannen, ihre eigenen kulturellen Traditionen einzuflechten und schufen so eine unverwechselbare japanische Form des Jazz. Hideo Shirakis „Sakura Sakura“, das 1969 erschien, ist eines der wichtigsten Beispiele für diese Verschmelzung. Shiraki, von Beruf Schlagzeuger, war seit den 1950er Jahren eine führende Persönlichkeit des japanischen Modern Jazz, doch mit „Sakura Sakura“ setzte er ein Zeichen, das sowohl tief in der lokalen Kultur verwurzelt war als auch weltweit Resonanz fand.
Der Titelsong greift die berühmte japanische Volksmelodie auf und interpretiert sie im Stil des modalen Jazz neu. Eine Koto gesellt sich zum Ensemble, deren gezupfte Saiten im Kontrast zu den Blechbläsern und der Rhythmusgruppe schimmern und so eine vertraute Melodie in etwas Hypnotisches verwandeln. Die Verschmelzung ist nahtlos: kein Aufpfropfen des Ostens auf den Westen, sondern ein echter Dialog zwischen den Traditionen. Shirakis Schlagzeugspiel ist einfühlsam, stets unterstützend und niemals überwältigend. Seine Rhythmen schaffen Raum sowohl für folkloristische Anklänge als auch für jazzige Improvisationen.
Der Rest des Albums vereint Standards und Eigenkompositionen, die alle von diesem Ethos der Offenheit geprägt sind. Die Band swingt kräftig, aber stets mit Raum und Klarheit. Es herrscht Respekt vor dem Folk-Material, aber auch der Wunsch, es weiterzuentwickeln, um zu beweisen, dass Jazz ebenso japanisch wie amerikanisch sein kann. Es ist ebenso sehr ein kulturelles wie ein musikalisches Statement.
Auf Vinyl ist der Klang lebendig. Der Nachhall der Koto ist kristallklar, ihr Klangbild bildet einen ungewöhnlichen Kontrast zu Trompete und Saxophon. Das Schlagzeug klingt knackig und erdig, der Bass resonant, die Bläser hell, ohne dabei schrill zu wirken. In einer Hörbar, „Sakura Sakura“ ein Erlebnis, das einen in seinen Bann zieht. Es entführt das Publikum in eine Welt, in der kulturelle Grenzen verschwinden, in der Jazz zu einer wahrhaft internationalen Sprache wird. Es ist Musik für diejenigen, die verstehen, dass Zuhören eine Art ist, Grenzen zu überschreiten.
Auch nach mehr als einem halben Jahrhundert ist das Album nach wie vor ein Meilenstein für Sammler, eine begehrte Schallplatte, deren Fusion auch heute noch radikal wirkt. Wenn man die Nadel auflegt, hört man nicht nur Noten, sondern den Klang eines Landes, das im Jazz seine Stimme findet.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.