Horace Silver Quintett – The Tokyo Blues (1962)
Eine Blue-Note-Postkarte aus Japan, geschrieben mit Groove und Anmut.
Von Rafi Mercer
Manche Alben wirken wie auf Vinyl gepresste Reiseberichte, und „The Tokyo Blues“ ist genau das: eine Platte, die einen um die halbe Welt entführt, ohne dass man seinen Platz verlassen muss. Das 1962 bei Blue Note erschienene Album war Horace Silvers einfallsreiche Art, seinen Besuch in Japan zu dokumentieren – nicht mit Souvenirs oder Schnappschüssen, sondern mit Klängen. Der Pianist, der bereits zu den großen Wegbereitern des Hard Bop zählte, versammelte sein Quintett und übersetzte Eindrücke einer anderen Kultur in die Sprache des Jazz. Das Ergebnis ist eines jener Blue-Note-Juwelen, das zugleich zutiefst amerikanisch und auf stille Weise global ist – ein Dialog über Ozeane hinweg.
Das Erste, was man hört, ist der unverkennbare Silver-Touch am Klavier. Sein Spiel war schon immer rhythmisch, bodenständig, geprägt von Gospel-Kadenzen und Blues-Anklängen, und hier trifft es auf eine japanische Palette voller Andeutungen. Aber täuschen Sie sich nicht: Das ist kein Pastiche. Silver versucht nicht, etwas nachzuahmen; er reflektiert. Das „Tokyo“ im Titel steht nicht für eine exotische Kulisse, sondern für Inspiration – eine Erinnerung daran, dass der Jazz selbst von Begegnungen lebt.
Die Band ist erstklassig. Blue Mitchells Trompete klingt lyrisch und warm, Junior Cooks Tenorsaxophon ist kraftvoll und doch geschmeidig, Gene Taylor sorgt mit seinem Bass für Schwung, und John Harris Jr. treibt den Rhythmus mit einem Schlagzeugspiel voran, das leichtfüßig und doch im Kern beständig ist. Gemeinsam verkörpern sie das, was den Swing eines Silver-Quintetts so unverwechselbar macht: diese perfekte Balance zwischen Struktur und Lockerheit, Melodie und Improvisation, Kirche und Club.
Nehmen wir den Eröffnungstitel „Too Much Sake“. Schon der Titel strahlt Humor und Lebenserfahrung aus. Der Song setzt mit einem schwungvollen Groove ein, wobei Mitchell und Cook ein Thema vorbringen, das sowohl bluesig als auch leicht beschwipst wirkt, als würde man nach einem großzügigen Schluck durch eine Tokioter Straße schwanken. Silvers Solo ist funkelnd, nicht im Sinne von Effekthascherei, sondern mit der Klarheit eines Geschichtenerzählers, der es versteht, Phrasen zu setzen. Jede Note fügt sich ein, als wäre sie vorbestimmt, und doch schwingt sie mit ungezwungener Freude.
Im Titelsong „The Tokyo Blues“ kommt Silvers nachdenkliche Seite zum Vorschein. Der Titel ist langsamer, bedächtiger und von einer Stimmung geprägt, die eher respektvoll als forsch wirkt. Silver verweilt am Klavier, lässt die Akkorde atmen, während die Bläser mit einer gewissen Würde antworten. Es ist zwar ein Blues, aber einer, der sich zu etwas Kontemplativem ausweitet. Man kann sich fast vorstellen, wie Silver in einer ruhigen Hotellobby in Shinjuku am Klavier sitzt und nicht für ein Publikum, sondern für den Raum selbst spielt.
Dann gibt es noch „Sayonara Blues“, das eine gewisse Anmut des Abschieds ausstrahlt. Die Bläser harmonieren mit wehmütiger Wärme, und Silvers Begleitung ist zurückhaltend, fast schon höfisch. Die Rhythmusgruppe spielt mit Zurückhaltung und lässt der Melodie Raum, um nachzuklingen. Es ist Musik, die nach außen gerichtet ist, wie eine Verbeugung des Dankes.
Doch Silver lässt das Album nicht in Sentimentalität abgleiten. „Cherry Blossom“ legt an Tempo zu, hell und frisch, wobei die Bläser wie Blütenblätter im Wind hin und her huschen. Die Rhythmusgruppe findet einen Groove, der festlich wirkt, und die Soli tanzen. Das ist Silver in Bestform: Er verwandelt eine einfache Idee in eine Struktur, in der jeder Musiker glänzen kann, ohne die Einheit zu stören.
Zum Abschluss rundet „Ah! So“ das Album mit einem Augenzwinkern ab. Der Titel ist eingängig, verspielt und fast schon augenzwinkernd. Silver verstand es, eine Session nicht mit einem großen Finale, sondern mit einem Lächeln zu beenden – etwas, das bei den Hörern den Wunsch weckte, die Nadel noch einmal aufzulegen.
Auf Vinyl ist die Tonaufnahme von Rudy Van Gelder einfach umwerfend. Die Bläser klingen voll und glänzend, Silvers Klavier ist klar und perkussiv, der Bass resonant, und die Becken schimmern, ohne schrill zu wirken. Es ist eine Platte, die dazu gemacht ist, laut genug gespielt zu werden, um den Groove zu spüren, aber niemals so laut, dass die Feinheiten untergehen. In einer Hörbar ist sie die perfekte Platte für den späten Abend: Sie sorgt für angeregte Gespräche, hält den Raum in Bewegung und lässt die Stimmung schwingen, ohne dabei im Mittelpunkt stehen zu wollen.
Was „The Tokyo Blues“ im Kontext von „Tracks & Tales“ besonders auszeichnet, ist seine kulturelle Haltung. Im Jahr 1962 steckte der weltweite Jazz noch in den Kinderschuhen. Musiker begannen, ausgiebig auf Tournee zu gehen, um andere Kulturen aufzunehmen und zu reflektieren. Silver versuchte nicht, Japan zu „repräsentieren“; er nahm es wahr und ließ seine Eindrücke in seinen ohnehin schon unverwechselbaren Stil einfließen. Diese Bescheidenheit, diese Bereitschaft, sowohl zuzuhören als auch zu spielen, sorgt dafür, dass das Album auch heute noch nachhallt.
Das Album hat nichts von seiner Aktualität verloren, weil es Identität und Offenheit in Einklang bringt. Es ist unbestreitbar ein Werk von Horace Silver – im Gospel verwurzelt, vom Blues geprägt, rhythmisch lebendig –, aber es ist zugleich weltoffen, neugierig und respektvoll. In diesem Sinne verkörpert es genau das, wonach „Listening Bars“ streben: einen Raum, in dem sich Einflüsse begegnen und Klang zu einem Medium der Verbindung wird.
Wenn man sich „The Tokyo Blues“ heute anhört, erlebt man nicht nur großartigen Jazz, sondern auch eine Geste der Freundschaft über große Entfernungen hinweg. Es ist ein Album, das sagt: Hier komme ich her, und das habe ich in dir gehört. Deshalb swingt es auch Jahrzehnte später noch, bewegt es noch immer und spricht es noch immer zu uns.
Senke die Nadel, lass die Hörner erklingen und folge Silver, während er dich durch eine Straße Tokios führt, wo der Blues und die Kirschblüten von derselben Brise umweht werden.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.