Wie man mit einem Phantom lebt – Shintaro Sakamoto (2012)

Wie man mit einem Phantom lebt – Shintaro Sakamoto (2012)

Eine Platte, die wie Parfüm durch den Raum schwebt

Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken wie ein Gespräch. Andere wirken wie das Wetter.

Als ich „How to Live with a Phantom“ von Shintaro Sakamoto zum ersten Mal hörte, kam es mir weder so noch so vor. Es fühlte sich an wie eine Präsenz – etwas Sanftes und Halbtransparentes, das den Raum betrat und die Atmosphäre veränderte, ohne sich anzukündigen.

Die Platte beginnt sanft, fast schüchtern. Eine lockere Basslinie setzt ein. Eine Gitarre schwebt über das Stereofeld wie Rauch, der über einer Bar spät in der Nacht aufsteigt. Und dann erklingt Sakamotos Stimme – entspannt, leicht distanziert, voller einer Ruhe, die sich ausgesprochen japanisch und doch seltsam universell anfühlt.

Bild

Es ist Musik, die sich nicht hetzen lässt.

Sakamoto war bereits vor Erscheinen dieses Albums eine Kultfigur. Als Frontmann der Psychedelic-Rock-Band Yura Yura Teikoku beschäftigte er sich jahrelang mit fuzzgetränkten Gitarrenklängen und hypnotischen Improvisationen. Doch als sich diese Band auflöste, entstand an ihrer Stelle etwas Ruhigeres.

„How to Live with a Phantom“ klingt so, als würde ein Musiker aus dem Lärm heraustreten und die Freude an der Leere entdecken.

Die Arrangements sind trügerisch einfach. Funk-Basslinien gleiten unter trägen Gitarren hindurch. Sanfte Percussion-Klänge ticken leise im Hintergrund. Gelegentliche Keyboardklänge schimmern wie ferne Neonlichter, die sich im Regen spiegeln. Nichts drängt aggressiv nach vorne. Alles schwebt.

Dennoch bleibt der Groove immer präsent.

Genau diese Balance – zwischen Bewegung und Stille – macht das Album auf eine ganz leise Art und Weise süchtig. Titel wie „You Just Decided“ und „In a Phantom Mood“ zeichnen sich durch eine Art „Sideways-Funk“ aus, einen Rhythmus, der sich vorwärtsbewegt und sich gleichzeitig ganz dem Moment hingibt.

Es ist Musik, die das Vergnügen des Verweilens versteht.

Wenn man diese Platte in einem Café hört, merkt man allmählich, wie perfekt sie zu bestimmten Orten passt. Das Licht des späten Nachmittags. Kaffeetassen, die langsam auf dem Tisch abkühlen. Ein Plattenspieler, der neben einem Fenster läuft, während draußen das Stadtleben weitergeht.

Die Lieder scheinen wie geschaffen für diese Stunden dazwischen zu sein.

Sakamotos Gitarrenspiel ist entscheidend für diese Atmosphäre. Anstatt den Mix zu dominieren, schwebt es durch die Arrangements wie ein Erzähler, der den Zuhörer durch stille Räume führt. Die Töne tauchen kurz auf und lösen sich dann wieder in Luft auf.

Das ist eine subtile Art von Virtuosität.

Das Album weist zudem Spuren verschiedener musikalischer Traditionen auf, ohne jedoch vollständig einer davon anzugehören. Es gibt Anklänge an Psychedelic Rock, Soft Funk, japanischen City Pop und sogar Fragmente tropischer Lounge-Musik. Doch Sakamoto verschmilzt diese Einflüsse zu etwas weitaus Zurückhaltenderem.

Das Ergebnis wirkt sowohl nostalgisch als auch seltsam modern.

In einer Welt, in der Musik oft um Aufmerksamkeit buhlt, verfolgt „How to Live with a Phantom“ eine ganz andere Strategie. Es schleicht sich leise in den Raum und lässt den Hörer es nach und nach entdecken.

Gerade diese Zurückhaltung macht seine Stärke aus.

Wenn man das Album einmal anhört, ist es ein angenehmes Erlebnis. Hört man es sich mehrmals an, offenbaren sich nach und nach seine Feinheiten: die Art, wie sich der Bass träge unter den Melodien bewegt, wie die Percussion zwischen den Phrasen atmet und wie die Stille Teil der Komposition wird.

Das Album wirkt weniger wie eine Sammlung von Liedern, sondern eher wie eine eigene Welt.

Und vielleicht liegt darin ja der wahre Zauber.

Manche Alben sind dafür gedacht, laut gehört zu werden, umgeben von Menschenmengen und Trubel. Andere gehören in ruhigere Räume – in Räume, in denen das Zuhören Teil der Architektur des Augenblicks wird.

„How to Live with a Phantom“ fällt eindeutig in die zweite Kategorie.

Es verlangt keine Aufmerksamkeit.

Das verändert den Raum einfach völlig.


Kurze Fragen

Was macht dieses Album so besonders?
Seine Fähigkeit, psychedelischen Soul, sanften Funk und japanischen Pop zu etwas zu verschmelzen, das mühelos ruhig und atmosphärisch wirkt.

Wo passt es in eine Hörumgebung?
Cafés am späten Nachmittag, Vinyl-Bars und ruhige Räume, in denen die Musik ganz natürlich durch den Raum schweben kann.

Warum passt das zur Hörkultur von „Tracks & Tales“?
Weil es Klang eher als Atmosphäre denn als Spektakel behandelt – eine Platte, die den Raum neu gestaltet, ohne dabei laut zu werden.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

Zurück zu den Geschichten

Der Hörclub:

Wir haben unsere Aufmerksamkeit gegen Bequemlichkeit eingetauscht.

Endlose Playlists. Unbegrenztes Überspringen. Musik ist zu etwas geworden, das im Hintergrund läuft, während wir etwas anderes tun.

Der „Listening Club“ ist eine stille Rebellion dagegen.

Ein Album pro Monat. Von Anfang bis Ende. Gemeinsam.

Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Sobald alle Plätze vergeben sind, wird diese Stufe endgültig geschlossen.

Werde Mitglied im „Listening Club“