Howie B – Turn the Dark Off (1997)
Von Rafi Mercer
Es ist seltsam, wie eine Platte nach Mitternacht klingen kann, selbst wenn man sie am Nachmittag abspielt. „Turn the Dark Off“, erschienen 1997, besitzt diese seltene Kraft – die Zeit zu verzerren, den Raum in ein anderes Licht zu tauchen. Innerhalb weniger Minuten fühlt sich alles langsamer, wärmer und auf die bestmögliche Weise leicht unscharf an.
Howie B – der schottische Produzent, der scheinbar jeden Winkel der Soundkultur der 1990er Jahre durchdrungen hat – hat hier ein Album geschaffen, das sich keiner bestimmten Welt zuordnen lässt. Zu texturreich für Clubmusik, zu verspielt für Ambient, zu gefühlvoll für Electronica. Es existiert in jenem Zwielichtbereich zwischen den Genres, in dem das Zuhören zum Instinkt wird und nicht mehr zur Absicht.
Als ich es zum ersten Mal hörte, arbeitete ich in einem Laden, der bis spät abends geöffnet hatte. Jemand legte die Platte nach Ladenschluss auf, und schon nach ein oder zwei Titeln wirkte das Neonlicht sanfter, die Gespräche leiser. Es verlangte keine Aufmerksamkeit; es veränderte einfach die Atmosphäre im Raum. Genau das macht Howie B – er verändert den Luftdruck des Klangs.
Der Opener „Phunk“ gibt den Ton an – mit lockeren Drums und einem elastischen Bass, der wie eine Flutwelle unter den Füßen rollt. Es ist unvollkommen, bewusst, menschlich. Dann taucht „Take Your Partner by the Hand“, sein Duett mit Robbie Robertson, wie eine Erscheinung auf – Spoken Word und Dub-Textur, Folk und Trip-Hop, die sich über die Zeit hinweg die Hand reichen. Es sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber doch, denn Howie versteht, dass sich Emotionen in der Unvollkommenheit verbergen.
Bemerkenswert ist, wie gemächlich sich das Ganze anfühlt. Jeder Beat, jeder Loop, jeder Synth-Seufzer kommt mit einer bestimmten Absicht daher. Um den Klang herum ist Raum, als hätte jede Frequenz die Erlaubnis erhalten, zu atmen. Über eine gute Anlage wirkt der Mix wie geformt – der Subbass summt wie eine Erinnerung, die Hi-Hats sind wie ferner Verkehr in die Breite verteilt, Orgeln klingen in der Dämmerung aus.
„Turn the Dark Off“ ist eine Studie über Klangfarben. Die Rhythmen sind staubig, aber klar; die Grooves entstehen nicht durch Schlagzeug, sondern durch Gesten. Man hört, wie Finger gleiten, wie Fader sanft bewegt werden und wie Hallschwänze sich ganz natürlich auflösen. Es ist Musik, die mehr auf den Entstehungsprozess als auf Perfektion setzt.
„Control“ strahlt dieselbe zurückhaltende Selbstsicherheit aus – die Basslinie ist beständig, die Keyboardklänge streifen kaum die Oberfläche. „Cook for You“ vermittelt mit seinem sanften Funk und dem leicht absurden Titel Wärme und Humor. Es ist, als würde Howie über das gesamte Konzept der Genres lächeln, sich aus jedem das Nehmen, was er braucht, und den Rest hinter sich lassen.
Und genau das macht diese Platte so zeitlos: ihre Weigerung, sich in eine Schublade stecken zu lassen. Sie erschien bei Island Records zu einer Zeit, als alle damit beschäftigt waren, den Begriff „Trip-Hop“ zu definieren, doch Howie wich diesem Etikett gänzlich aus. Seine Beats waren zu locker, sein Gespür für Raum zu geduldig. Er war nicht darauf aus, cool zu sein; er schuf Charakter.
Sein Umgang mit Klang hat etwas Malerisches an sich. Farben verschmelzen miteinander, Texturen überlagern sich, Zufälle werden zum Design. Man hört das Bandrauschen, das Mikrofon-Übersprechen, die absichtlich eingespielten menschlichen Geräusche. Es ist eine Produktion, bei der das Gefühl Vorrang vor der Klangtreue hat – derselbe Geist, der später die Ästhetik der „Listening-Bar“ prägen sollte, Jahre bevor jemand diesen Begriff überhaupt geprägt hatte.
Wenn ich es mir jetzt, fast drei Jahrzehnte später, noch einmal anhöre, wirkt es immer noch bemerkenswert frisch. Die Basslinien sind greifbar, die Percussion erdig, die Melodien leicht verzerrt, aber immer wunderschön. Das ist keine Nostalgie, sondern Timing. Er wusste genau, wie lange er einen Groove atmen lassen musste und wie langsam er eine Wendung einleiten sollte. Das ist eine Form von Selbstvertrauen, die keine Software nachahmen kann.
Das Album zeichnet zudem einen subtilen emotionalen Bogen nach. Hinter dem Humor und dem Groove verbirgt sich Melancholie – das Gefühl, als würde jemand durch den Klang zurückblicken und prüfen, was noch Bedeutung hat. Die Wärme ist echt, aber die Müdigkeit ist es ebenso. Man spürt diese Stunde – diesen seltsamen Moment um 2 Uhr morgens zwischen Nachdenken und Träumen.
Der Titel „Turn the Dark Off“ klingt wie ein Ratschlag. Aber er ist eher eine Einladung: sich ins Halbdunkel zu setzen und den Raum von innen heraus leuchten zu lassen. Es geht nicht darum, die Dunkelheit zu vertreiben, sondern darum, zu lernen, wie man in ihr lauscht.
Das wird bei Alben, die man sich anhören soll, oft vergessen – sie müssen nicht alle flüstern. Manche dürfen summen, schwanken und sogar ins Straucheln geraten. Howie B hat verstanden, dass Unvollkommenheiten den Rhythmus zum Atmen bringen. Er hat ein Album geschaffen, das daran erinnert, dass Klang nicht perfekt sein muss, um sich ganz anzufühlen.
Über ein Paar guter Lautsprecher wälzt sich der Bass wie Nebel unter den Füßen dahin. Man hört den Staub auf dem Tonband, das Lachen hinter dem Mix. Es ist ein Album, das in den Ecken lebt, in der Luft zwischen Hi-Hats und Herzschlägen.
Wenn sie endet, ist sie nicht wirklich vorbei – sie verschwindet einfach. Die Stille danach fühlt sich anders an, als hätte der Raum ihren Puls in sich aufgesogen. Man wird sich bewusst, wie selten das ist: Musik, die die Zeit nicht nur schmückt, sondern sie erfüllt.
„Turn the Dark Off“ ist genau das – ein Album, das nicht das Licht ausschaltet, sondern die Art und Weise verändert, wie man im Dunkeln sieht.
Jeden Monat trifft sich der „Listening Club“, um gemeinsam ein Album wie dieses zu hören. Hier mitmachen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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