John Coltrane – A Love Supreme (1965)

John Coltrane – A Love Supreme (1965)

Von Rafi Mercer

Es beginnt mit einem Gong, einem schimmernden Nachhall, der weniger wie ein Vorspiel als vielmehr wie ein Aufruf zur Ordnung wirkt. Dann der Bass, eindringlich und kreisförmig, vier Noten, die mit der Beharrlichkeit eines Mantras wiederholt werden. Darüber setzt Coltranes Tenorsaxophon ein, nicht gehetzt, nicht extravagant, sondern feierlich, zielstrebig. Es ist keine Darbietung. Es ist eine Erklärung. In dieser ersten Minute von „A Love Supreme“ wird der Zuhörer nicht unterhalten – er wird herbeigerufen.

Das Album wurde im Dezember 1964 im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs, New Jersey, aufgenommen. Der Raum selbst spielte eine wichtige Rolle: Rudy Van Gelders Studio mit hohen Decken und Holzwänden verfügte über eine fast kirchliche Akustik, die dem Klang Wärme und Tiefe verlieh. Coltrane traf mit seinem klassischen Quartett ein – McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrison am Bass und Elvin Jones am Schlagzeug –, einer Gruppe, deren Zusammenspiel dank jahrelanger Live-Erfahrung geradezu telepathisch war. Doch „A Love Supreme“ war etwas ganz anderes. Es war nicht einfach nur eine weitere Aufnahmesession; es war die Kristallisierung von Coltranes spiritueller Vision.

Die Suite gliedert sich in vier Teile: „Acknowledgement“, „Resolution“, „Pursuance“ und „Psalm“. Jeder Teil ist eigenständig, geht jedoch fließend in den nächsten über und bildet so einen einzigen Bogen der Hingabe. „Acknowledgement“ beginnt mit Garrisons Bassfigur, die Coltranes Thema untermalt. Im Verlauf des Stücks beginnt Coltrane, die Worte „a love supreme“ zu singen – auf der Platte zu hören, wenn man genau hinhört: eine menschliche Stimme, die sich in die Musik einfügt. Der Gesang verdeutlicht, was die Noten bereits vermitteln: Dies ist kein Jazz als Unterhaltung, sondern Jazz als Gebet.

„Resolution“ schwillt mit Tyners Klavierakkorden an, hell und eindringlich, während Coltrane sich mit einem Klang durchsetzt, der zugleich suchend und selbstbewusst ist. Elvin Jones treibt das Stück mit einem Schlagzeugspiel voran, das weniger Rhythmus als vielmehr Sturm ist – wogend, unerbittlich, elementar. Wo „Acknowledgement“ eine Anrufung ist, ist „Resolution“ Überzeugung. Die Musik fragt nicht, sie bekräftigt.

„Pursuance“ wird von Jones in seiner explosivsten Form vorangetrieben – ein polyrhythmischer Sog, der Coltrane immer höher zu beflügeln scheint. Tyners Solo hier gehört zu seinen besten, eine Demonstration von Kraft und Klarheit, die den modalen Jazz bis an seine Grenzen ausreizt. Coltrane setzt mit Melodielinien ein, die sich überschlagen und emporranken, in Klangwellen herabstürzen und doch stets am Puls der Hingabe verankert bleiben. Die Dringlichkeit ist nicht chaotisch. Es ist disziplinierte Intensität, ein Gebet in Zungen.

Der letzte Satz, „Psalm“, ist der außergewöhnlichste. Coltrane improvisiert hier nicht im herkömmlichen Sinne. Stattdessen spielt er, als würde er einen Text vorlesen – ein von ihm verfasstes Andachtsgedicht, bei dem jede Note einem Wort oder einer Phrase entspricht. Das Saxophon wird zur Stimme, silbenhaft, aussagekräftig. Die Wirkung ist streng, fast liturgisch. Keine Rhythmusgruppe mischt sich ein. Das Stück gleitet Atemzug für Atemzug dahin, bis es in die Stille verklingt – unaufgelöst und doch vollständig.

Die Kraft von „A Love Supreme“ liegt in ihrer Direktheit. Coltrane hatte sich bereits auf früheren Alben mit modaler Improvisation auseinandergesetzt und sollte mit Werken wie „Ascension“ noch weiter in die Avantgarde vordringen. Doch hier entschied er sich für Fokus, Disziplin und Einheit. Die Suite enthält keine Füllstücke, keine Abschweifungen. Ihre vierzig Minuten wirken unvermeidlich, als wären sie aus einem einzigen Steinblock gemeißelt.

Der Kontext verleiht dem Album eine tiefere Bedeutung. Coltrane hatte Jahre der Sucht und des Kampfes hinter sich. Im Jahr 1957 erlebte er etwas, das er als spirituelles Erwachen bezeichnete – einen Moment der Klarheit und Gnade, in dem er sich schwor, seine Musik einem höheren Zweck zu widmen. „A Love Supreme“ ist die Verwirklichung dieses Gelübdes. Es ist zugleich zutiefst persönlich – ein Dank an Gott – und universell, ein Aufruf zur Transzendenz, dem sich Zuhörer jeglichen Glaubens anschließen können.

Die Resonanz war unmittelbar und tiefgreifend. Das Anfang 1965 erschienene Album verkaufte sich in einer für Jazz dieser Art ungewöhnlich hohen Auflage. Kritiker feierten es als Meisterwerk. Musiker aller Genres – vom Rock bis zur Klassik – nannten es als Einfluss. Und das Publikum, selbst diejenigen, die mit Jazz nicht vertraut waren, erkannte seine Aufrichtigkeit. Dies war Musik, die sich nicht verstellte. Sie gab Zeugnis.

„A Love Supreme“ richtig zu hören bedeutet, dem Album zu erlauben, den Raum neu zu gestalten. Es ist keine Hintergrundmusik. Es sitzt nicht brav in der Ecke. Die einleitende Bassfigur verändert die Atmosphäre, fordert deine Aufmerksamkeit, deine Stille. Das Zusammenspiel des Quartetts dient nicht der Zurschaustellung, sondern der Hingabe. Tyners Akkorde klingen wie von Licht durchflutetes Buntglas. Jones’ Schlagzeugspiel umgibt dich wie das Wetter. Coltranes Saxophon ist zugleich Schrei, Gesang und Atem. Wenn „Psalm“ endet, fühlt sich die darauf folgende Stille wie geheiligt an.

Der Einfluss des Albums hält nicht nur in der Musik, sondern auch im Denken an. Es wurde analysiert, zitiert, als Referenz herangezogen und mythologisiert. Doch seine wahre Kraft liegt im Erleben. Es abends ohne Unterbrechung abzuspielen, bedeutet, an seinem Ritual teilzunehmen. Man muss Coltranes Glauben nicht teilen, um seine Tiefe zu spüren. Es erzählt von verwandeltem Kampf, von zum Ausdruck gebrachter Hingabe und von der Möglichkeit, dass Klang selbst über den Klang hinausreichen kann.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später hat „A Love Supreme“ nichts von seiner Strahlkraft verloren. Seine Dringlichkeit ist ungebrochen. Seine Aufrichtigkeit durchbricht nach wie vor Lärm und Ablenkung. Das Album gilt als eines der deutlichsten Beispiele dafür, was Musik sein kann: keine Zerstreuung, kein Produkt, sondern ein Geschenk. Eine Blaupause dafür, nicht nur mit den Ohren, sondern mit ganzer Präsenz zuzuhören.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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