John Coltrane – Blue Train (1957)

John Coltrane – Blue Train (1957)

Eine in Wachs eingeprägte Absichtserklärung.

Von Rafi Mercer

Manche Alben wirken schon in dem Moment, in dem die Nadel auf die Platte trifft, wie eine Selbstverständlichkeit. „Blue Train“, 1957 für Blue Note aufgenommen, ist eines davon. Man setzt die Nadel auf, die Bläser erklingen, die Rhythmusgruppe antwortet, und plötzlich befindet man sich in Coltranes Welt – einer Welt, die sowohl fest in der Jazztradition verwurzelt ist als auch bereits in die Zukunft reicht. Es ist die einzige komplette Session, die er für Blue Note leitete, aber sie verrät einem fast alles, was man wissen muss, um zu verstehen, warum Coltrane zu einem Wegweiser für die moderne Musik werden sollte.

Coltrane spielte zu dieser Zeit noch im Quintett von Miles Davis, war noch dabei, seinen eigenen Stil zu entwickeln, und rang noch mit den „Sheets of Sound“, die ihn bald prägen sollten. Doch hier, wo ihm die Freiheit gegeben war, sein eigenes Album zu leiten, kristallisierte er etwas anderes heraus: Klarheit. Er wählte seine Band mit Sorgfalt aus – Lee Morgan, gerade einmal 19 Jahre alt und schon voller Feuer, an der Trompete; Curtis Fuller an der Posaune, der die Frontline mit drei Bläsern vervollständigte; Kenny Drew am Klavier; Paul Chambers am Bass; und Philly Joe Jones am Schlagzeug, der vor unruhiger Energie nur so sprühte. Es ist eine Besetzung, die fest im Blue-Note-Stil verankert ist, sich aber gleichzeitig Coltranes Intensität anpasst.

Der Titelsong gibt den Ton an. Diese Eröffnungsfanfare – Hörner im Unisono, kraftvoll, aber ausbalanciert – wirkt wie eine Ankündigung. Coltranes Solo ist unruhig, aber geerdet; die Noten stürzen mit einer Logik vorwärts, die sich zugleich unvermeidlich und überraschend anfühlt. Lee Morgan kontert mit jugendlichem Elan und spielt schnittige Linien, die um den Beat herumtanzen, während Fullers Posaune Wärme und Rauheit beisteuert. Hinter ihnen sorgen Chambers und Jones für den Groove, treibend, ohne jemals zu hetzen, und Drews Begleitung schafft Raum und Struktur. Das ist Hard Bop in seiner vollendeten Form: bluesig, schwungvoll und experimentierfreudig zugleich.

Dann folgt „Moment’s Notice“, ein Stück, über das sich jeder Jazzmusiker schon einmal den Kopf zerbrochen hat. Seine Akkordwechsel sind berüchtigt schnell und erfordern flüssiges Spiel und Erfindungsreichtum bei hohem Tempo. Coltrane geht damit um wie ein Bildhauer, der Marmor bearbeitet, und formt Klänge, die noch Jahrzehnte später nachhallen. „Locomotion“ ist verspielt, ein riffbasierter Blues, bei dem sich die Bläser Phrasen zuwerfen wie Kinder, die auf der Straße einen Ball hin und her spielen. „I’m Old Fashioned“ bietet eine balladenhafte Atempause, Coltranes Tenorsaxophon klingt plötzlich zart, jede Note gesetzt, als wäre sie wichtiger als die vorherige. Und „Lazy Bird“, mit seiner Anspielung auf Tadd Damerons „Lady Bird“, beschließt das Album, indem es Coltranes Liebe zu harmonischen Herausforderungen und seinen Hunger nach neuen Strukturen erneut unterstreicht.

Was beim heutigen Hören besonders auffällt, ist die Ausgewogenheit. Coltrane war zwar für seine Intensität bekannt, doch auf „Blue Train“ erweist er sich auch als Meister des Tempomanagements. Er weiß, wann er das Tempo antreiben, wann er es drosseln und wann er dem Ensemble Raum zum Atmen lassen muss. Deshalb hat sich diese Platte nicht nur als Favorit der Musiker, sondern auch als Favorit der Zuhörer etabliert. Sie vermittelt etwas. Sie spricht in ganzen Sätzen, nicht nur in kurzen Ausbrüchen.

Auf Vinyl glänzt die Blue-Note-Produktion. Rudy Van Gelders Tontechnik fängt die Bläser warm und präsenzstark ein, die Becken klingen knackig, ohne schrill zu wirken, der Bass resonant und gleichmäßig. Es ist eine Platte, die geradezu danach verlangt, über eine gute Anlage abgespielt zu werden – die Art von Anlage, die man in einem Tokioter „Kissaten“ oder einer Hörbar in Brooklyn vorfindet, wo Details als eine Form der Gastfreundschaft betrachtet werden. In einem solchen Raum gespielt, swingt „Blue Train“ nicht nur; es prägt die Atmosphäre des Raums und erinnert alle Anwesenden daran, warum der Jazz zu der modernen Sprache geworden ist, die er heute ist.

Das Besondere an diesem Stück für eine „Listening Bar“ ist seine doppelte Identität. Für den gelegentlichen Hörer ist es zugänglich – bluesig, melodisch, sofort mitreißend. Für den aufmerksamen Hörer ist es ein Text, den es zu studieren gilt, wobei jedes Solo eine Landkarte der Entscheidungen und Möglichkeiten darstellt. Diese doppelte Eigenschaft macht es ideal für das gemeinsame Hören: Es kann bezaubern, es kann herausfordern, es kann beides in ein und derselben Phrase.

Coltrane sollte noch viele weitere Meisterwerke schaffen – „Giant Steps“, „A Love Supreme“, „Ascension“ –, doch erst auf „Blue Train“ wird seine Absicht unverkennbar. Hier sagt er ohne Worte, dass er dazu da ist, den Jazz voranzubringen, und dass er sich nicht damit zufrieden geben wird, auf der Stelle zu treten. Wenn man sich die Musik heute, fast siebzig Jahre später, anhört, hat sie nichts von ihrem Glanz verloren. Wenn überhaupt, strahlt sie sogar noch heller, weil wir wissen, was danach kam.

Für ein Hörerlebnis zu Hause ist dies eines jener Alben, die man zu fast jeder Tageszeit auflegen kann. Morgens gibt es Energie, abends sorgt es für Ausgeglichenheit. Spät in der Nacht offenbart es sich. Es gibt nicht viele Alben, die den gesamten Tagesverlauf über so großzügig begleiten. Deshalb gehört es in das „Tracks & Tales“-Hörregal. Es ist nicht nur ein Blue-Note-Klassiker. Es erinnert daran, wie Überzeugung, Handwerkskunst und Neugierde auf Schallplatte gebannt werden und auch Jahrzehnte später noch lebendig bleiben können.

Leg die Schallplatte auf, hör die Bläser und sei dir bewusst: Du bist gerade Zeuge eines Wendepunkts.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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