Jon Hassell – Fourth World Vol. 1: Possible Musics (1980)

Jon Hassell – Fourth World Vol. 1: Possible Musics (1980)

Von Rafi Mercer

Eine Trompete setzt ein, doch sie klingt nicht wie eine Trompete, wie man sie kennt. Der Klang ist gedämpft, gedehnt, so lange bearbeitet, bis er etwas zwischen einer Stimme und einer Flöte ähnelt – klagend und leuchtend. Darunter murmelt das Schlagzeug, Drones schimmern, Rhythmen steigen auf und lösen sich auf wie das Wetter. Das ist „Fourth World Vol. 1: Possible Musics“, das 1980 von Jon Hassell in Zusammenarbeit mit Brian Eno veröffentlicht wurde. Es ist ein Album, das außerhalb der Zeit zu schweben scheint und uralte Rituale mit elektronischem Futurismus verschmilzt – eine Klangwelt, die Hassell als „einen einheitlichen primitiven/futuristischen Klang, der Merkmale ethnischer Musikstile aus aller Welt mit fortschrittlichen elektronischen Techniken verbindet“ beschrieb.

Beim Hören auf Vinyl fallen die Klangtexturen besonders auf. Die Wärme von Hassells elektronisch bearbeiteter Trompete schwingt mit einer fast unheimlichen Intimität mit, wobei jede Note wie durch Wasser gebrochenes Licht leuchtet. Perkussionsinstrumente, oft von Hand gespielt, verleihen der Musik eine haptische Qualität und verankern die ätherischen Klangschichten in Erde und Haut. Enos Einfluss ist in der Produktion spürbar: geduldig, weitläufig, mit einem Gespür für Ausklingen und Stille. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich lebendig anfühlt, atmet und sich ständig entfaltet. Gespielt in einer Hörbar, verwandelt „Possible Musics“ die Atmosphäre in eine Traumlandschaft, ein klanglicher Weihrauch, der den Raum erfüllt, ohne ihn zu überwältigen.

Stücke wie „Chemistry“ und „Delta Rain Dream“ sind weniger Kompositionen als vielmehr Stimmungen, klangliche Ökosysteme, in denen sich Instrumente wie Tiere oder Geister bewegen. Hassells Trompete schwebt mit Würde und Zerbrechlichkeit darüber und klingt zugleich menschlich und überirdisch. Es gibt keinen Höhepunkt, keine Auflösung; stattdessen verweilt die Musik, lädt ein, umgibt den Zuhörer. Es ist Musik, die Türen öffnet, anstatt sie zu verschließen.

Jahrzehnte später wirkt das Album geradezu prophetisch. Sein Einfluss ist in der Ambient-, Elektronik- und Global-Fusion-Musik deutlich zu hören, von den Chill-out-Räumen der 1990er Jahre bis hin zu den heutigen experimentellen Szenen. Dennoch bleibt es unverwechselbar und unnachahmlich, da es so tief in Hassells einzigartiger Sensibilität verwurzelt ist. Wer es heute hört, erlebt einen Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft und taucht in eine mögliche Welt ein, die ganz und gar aus Klang besteht.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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