Jorge Ben – África Brasil (1976)

Jorge Ben – África Brasil (1976)

Von Rafi Mercer

Das Erste, was einem auffällt, ist die Gitarre: scharf, rhythmisch, abgehackt, fast perkussiv. Dann setzt der Groove ein – der Bass tief und schwungvoll, das Schlagzeug gleichmäßig, aber elastisch –, bevor Jorge Bens Stimme einsetzt: verspielt, melodisch und voller Charisma. Das ist „África Brasil“, erschienen 1976, ein Album, das die brasilianische Popmusik durch die Verschmelzung von Samba und Funk revolutionierte und das noch immer vor Freude, Kreativität und kulturellem Stolz sprüht.

Jorge Ben war bereits seit mehr als einem Jahrzehnt eine der wichtigsten Persönlichkeiten der brasilianischen Musikszene. Mit seinem Debütalbum „Samba Esquema Novo“ aus dem Jahr 1963 hatte er seinen einzigartigen Gitarrenstil vorgestellt – teils Rhythmus, teils Harmonie, perkussiv und melodisch zugleich. Mitte der 1970er Jahre befand sich die brasilianische Musiklandschaft im Wandel. Funk und Soul aus den Vereinigten Staaten prägten den globalen Sound neu, und Ben nahm diese Einflüsse auf, ohne dabei den Samba aufzugeben. Das Ergebnis war „África Brasil “: ein Album, das seine Musik buchstäblich elektrisierte – durch den Wechsel von der akustischen zur E-Gitarre – und im übertragenen Sinne durch Grooves, die sich anfühlten, als würde Strom durch den Körper fließen.

Das Album beginnt mit „Ponta de Lança Africano (Umbabarauma)“, einer Hommage an den Fußball als kulturelle Leidenschaft und Metapher. Der Rhythmus ist unwiderstehlich, die Gitarren klangvoll, die Bläser triumphierend. Der Song ist zugleich feierlich und ernst und verbindet Sport mit Identität und Stolz. Es folgt „O Plebeu“, eine Neuinterpretation eines klassischen Samba-Stücks mit Funk-Intensität, die Bens Talent für die Verbindung von Tradition und Innovation unter Beweis stellt.

„Xica da Silva“ erzählt die Geschichte einer afro-brasilianischen Frau aus dem 18. Jahrhundert, die sich aus der Sklaverei zu Reichtum und Macht emporarbeitete – ihre Geschichte wird zu einem Groove gesungen, der zugleich verspielt und trotzig ist. „A História de Jorge“ ist autobiografisch und verklärt das eigene Leben mit Humor und Selbstbewusstsein. „O Filósofo“ schwingt mit funkiger Raffinesse, während „Hermes Trismegisto Escreveu“ mit kosmischem Groove an Mystik anknüpft.

Der wohl berühmteste Titel ist „Taj Mahal“, der ursprünglich 1972 akustisch aufgenommen wurde, hier jedoch in eine elektrische Funk-Hymne verwandelt wurde. Sein gesanglicher Refrain – der später in Rod Stewarts „Da Ya Think I’m Sexy?“ berühmt-berüchtigt nachhallte – ist mitreißend, feierlich und unaufhaltsam. Durchweg ist Bens Stimme lässig, aber souverän, sein Gesang ist gesprächig und doch melodisch, sein Charisma erfüllt jeden Groove.

Was „África Brasil“ so außergewöhnlich macht, ist seine Synthese. Die E-Gitarre wird zum Percussion-Instrument, der Samba-Rhythmus zum Funk-Groove, der Funk-Bass zum Herzschlag des Samba. Das Album wirkt zugleich zutiefst brasilianisch und hat globale Resonanz. Es zelebriert das afrikanische Erbe, begrüßt die Moderne und lädt alle zum Tanzen ein.

Kulturell gesehen war das Album bahnbrechend. Es läutete eine neue Ära der Samba-Funk-Fusion ein und beeinflusste Generationen brasilianischer Musiker. Zudem bekräftigte es selbstbewusst die afro-brasilianische Identität, wobei Titel und Songs das kulturelle Erbe in einer Zeit würdigten, in der Bewegungen für ethnischen Stolz weltweit an Dynamik gewannen. In Brasilien, das sich noch immer unter einer Militärdiktatur befand, hatten solche Bekundungen politisches Gewicht. International wurde die Platte zu einem Kultklassiker, der von DJs, Sammlern und Musikern aller Genres verehrt wurde.

Auch heute noch wirkt das Album fröhlich und einladend. Seine Grooves sind mitreißend, seine Melodien unvergesslich. Man muss kein Portugiesisch können, um es zu spüren. Man muss die Feinheiten des Samba nicht verstehen, um sich dazu zu bewegen. Seine Inklusivität ist unmittelbar spürbar: Frauen und Männer, Jung und Alt, brasilianische und internationale Zuhörer – alle fühlen sich von seinem Rhythmus mitgerissen. Es ist Musik, die Gemeinschaft schafft, keine Hierarchie.

Auf Vinyl ist die Platte einfach umwerfend. Die Wärme der Pressung verstärkt den Bass, die Gitarren sprühen vor Energie, die Bläser strahlen vor Farbe. Das Knistern der Oberfläche verschmilzt mit dem rauen Funk-Sound und lässt das Ganze noch lebendiger wirken. Das Cover – Ben, mit nacktem Oberkörper, der seine E-Gitarre wie eine Waffe des Grooves in der Hand hält – fängt den Geist des Albums perfekt ein: stolz, kraftvoll, unbändig.

Auch fast fünfzig Jahre später ist „África Brasil“ nach wie vor ein Meilenstein nicht nur der brasilianischen Musik, sondern der weltweiten Hörkultur. Es ist ein Album, das Kontinente, Genres und Traditionen miteinander verbindet. Es zeigt, dass Samba funkig sein kann, dass Funk Samba sein kann, dass Rhythmus an sich grenzenlos ist. Es beweist, dass Freude politisch sein kann, dass Groove Befreiung sein kann, dass ein Gitarrenriff den Stolz eines Volkes verkörpern kann.

Wenn man es heute hört, spürt man, wie dieser Strom immer noch fließt. Die Gitarren schneiden durch die Luft, der Bass tanzt, die Bläser verkünden, die Stimme lächelt. Und man erkennt, dass „África Brasil“ nicht nur ein Album ist. Es ist ein Fest, eine Befreiung, ein Groove, der einfach nicht enden will.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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