Julianna Barwick – The Magic Place (2011)
Von Rafi Mercer
Die ersten Klänge von „The Magic Place“ sind wortlose Stimmen, die so übereinandergeschichtet und vervielfacht werden, dass sie weniger wie eine einzelne Sängerin wirken, sondern eher wie ein kleiner Chor, der aus einem anderen Raum herüberdringt. Julianna Barwick baut alles aus ihrer eigenen Stimme auf, loopt und überlagert sie mithilfe von Effektpedalen, bis Harmonien erblühen und sich auflösen wie Licht durch Buntglas. Mit diesem 2011 erschienenen Album etablierte sie sich als eine der markantesten Stimmen der Ambient-Musik und schuf Klanglandschaften, die sich zugleich intim und weitläufig anfühlen. Es ist Musik, die weniger Geschichten erzählt als vielmehr Stimmungen erzeugt, Musik, die das Zuhören zu einer Form des Eintauchens macht.
Barwick wuchs in Louisiana auf und sang dort in Kirchenchören – und dieser Hintergrund ist in jeder einzelnen Note zu hören. Dennoch gibt es hier keine Dogmatik, keine Wiederholung von Hymnentraditionen. Stattdessen greift sie das Wesentliche der Chormusik auf – die Art, wie Stimmen miteinander verschmelzen, wie Harmonien die Zeit stillstehen lassen – und gestaltet es mithilfe von Technologie neu. Ihre Stimme wird zum Instrument, zur Textur, zur Landschaft. Gelegentlich kommen Klavier und dezente Percussion zum Einsatz, doch das Herzstück des Albums sind die mehrstimmigen Gesangsebenen. Worte kommen selten vor, und wenn doch, sind sie undeutlich, eher Farbe als Botschaft. Dieser Mangel an Text eröffnet Raum für Interpretationen. Dem Hörer steht es frei, in den Klang einzutauchen und ihn seine Erinnerungen und Fantasie prägen zu lassen.
Stücke wie „Envelop“ und „White Flag“ entfalten sich langsam, wobei sich die Loops geduldig in Schichten aufbauen, bis sie wie Wellen ihren Höhepunkt erreichen. „Prizewinning“ führt unter dem Gesang ein Klavier ein, das die Wolken in etwas Greifbareres verankert, während „Vow“ sich auf das Allerwesentlichste zurückbesinnt. Der Titeltrack „The Magic Place“ ist zugleich strahlend und zerbrechlich – ein Stück, bei dem man das Gefühl hat, es würde jeden Moment vergehen. Jeder Song geht fließend in den nächsten über, sodass das Album weniger als Abfolge von Titeln, sondern vielmehr als eine einzige, sich entfaltende Klangwelt wirkt.
Auf Vinyl gewinnen die Klangtexturen an Wärme und Fülle, die Loops hallen im physischen Raum nach. Das Oberflächengeräusch der Schallplatte wird Teil des Dunstes, eine weitere Schicht im Nebel. In einer Hörbar abgespielt, ist der Effekt mitreißend. Die Gespräche verstummen, die Köpfe neigen sich nach hinten, der Raum erhält einen Schimmer, als würde er von innen heraus leuchten. Dies ist keine Musik, die Aufmerksamkeit einfordert, sondern sie belohnt diese und lädt die Zuhörer dazu ein, sich ihr hinzugeben, anstatt sie zu analysieren. Es ist Atmosphäre als Kunst, Umgebung als Komposition.
Was „The Magic Place“ so nachhaltig macht, ist seine Aufrichtigkeit. Es gibt keine Ironie, keine Manipulation, keinen Versuch, zu beeindrucken. Barwicks Musik basiert auf Vertrauen – dem Vertrauen darauf, dass die menschliche Stimme, vervielfacht und verwandelt, auch ohne Worte genügend Bedeutung vermitteln kann. Damit ebnet sie einen Weg des Zuhörens, bei dem es weniger um das Entschlüsseln als vielmehr darum geht, ganz präsent zu sein. Das Album wirkt weniger wie etwas Vorgetragenes als vielmehr wie etwas, das zum Leben erweckt wurde, weniger wie ein Spektakel als vielmehr wie eine Meditation.
Auch nach mehr als einem Jahrzehnt klingt „The Magic Place“ noch immer zeitlos. Es gehört ebenso zum Mittelalter wie zur Moderne, ebenso zu Kathedralen wie zu Kopfhörern, ebenso zu Hörbars wie zu Schlafzimmern. Es ist Musik, die Raum schafft und uns an die Weite erinnert, die in einer einzigen menschlichen Stimme steckt. Sobald die Nadel auf die Platte trifft, verändert sich der Raum – nicht dramatisch, sondern voller Anmut.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.