„The Epic“ – Kamasi Washington | Ein Hörführer

„The Epic“ – Kamasi Washington | Ein Hörführer

Von Rafi Mercer

Die Bläser setzen im Gleichklang ein, kraftvoll und unerschrocken, bevor sie in eine Kaskade aus Rhythmus und Harmonie übergehen. Das Schlagzeug donnert, der Bass schwillt an, die Chöre schwellen an. Im Zentrum des Ganzen behauptet sich Kamasi Washingtons Tenorsaxophon – kraftvoll, weitreichend, voller Feuer. Das ist „The Epic“, erschienen im Jahr 2015, ein dreistündiges Dreifachalbum, das den Jazz einem weltweiten Publikum wieder näherbrachte. Mehr als nur eine Platte war es ein Manifest: Jazz als Symphonie, Gemeinschaft und kosmische Reise.

Washington war schon seit Langem eine zentrale Figur in der Jazzszene von Los Angeles und arbeitete mit Künstlern wie Snoop Dogg, Erykah Badu und Flying Lotus zusammen, während er gleichzeitig mit Kendrick Lamar an „To Pimp a Butterfly“ mitwirkte. Doch mit „The Epic“ trat er ins Rampenlicht und präsentierte ein Werk von außergewöhnlichem Anspruch. Auf 17 Titeln und fast 180 Minuten verwob er Post-Bop-Feuer, Funk-Groove, Gospel-Begeisterung und orchestrale Pracht miteinander. Es war Jazz nicht als Nischenphänomen, sondern als weitreichende kulturelle Kraft.

Der Eröffnungstitel „Change of the Guard“ gibt den Ton an: eine Absichtserklärung. Eine Big Band aus Bläsern spielt ein mitreißendes Thema, die Rhythmusgruppe treibt das Tempo kraftvoll voran, der Chor verleiht dem Ganzen zusätzliche Tiefe. Washington spielt ein leidenschaftliches Solo, dessen Klang an Coltranes spirituelle Intensität erinnert, aber gleichzeitig seine ganz eigene West-Coast-Attitüde versprüht. Von Beginn an macht die Platte deutlich: Das ist keine Hintergrundmusik, kein höfliches Jazzclub-Programm. Das ist Musik, die die Grundfesten erschüttert.

Auf dem gesamten Album verbindet Washington verschiedene Einflüsse mit Leichtigkeit. „Askim“ entwickelt sich zu einer modalen Erkundung, wobei Bass und Schlagzeug seine Improvisation mit einem unerbittlichen Groove vorantreiben. „The Rhythm Changes“ bringt Gesang ins Spiel, wobei Patrice Quinns schwebende Stimme die spirituelle Erhebung des Albums verkörpert. „Miss Understanding“ und „Henrietta Our Hero“ zeigen sein Gespür für Melodien und schaffen einen Ausgleich zwischen Komplexität und Zugänglichkeit.

Das Ausmaß ist beeindruckend. Streicher und Chor sind durchgehend präsent und verleihen dem Album symphonische Breite. Die Rhythmusgruppe – darunter Thundercat am Bass, Ronald Bruner Jr. am Schlagzeug und Tony Austin an den Percussions – sorgt für einen konstanten Antrieb, der ebenso im Funk und Hip-Hop wie im Jazz verwurzelt ist. The West Coast Get Down, Washingtons langjähriges Kollektiv, bildet das Rückgrat, und ihre Kameradschaft ist in jedem Groove zu spüren.

Was „The Epic“ so bemerkenswert macht, ist nicht nur sein Anspruch, sondern auch seine Vielseitigkeit. Trotz seiner Länge und seiner Dichte wirkt die Musik offen und einladend. Die Melodien bleiben im Gedächtnis, die Grooves sind mitreißend, die Energie sprudelt nur so. Das Album spricht ein Publikum an, das weit über das traditionelle Jazzpublikum hinausgeht – Hip-Hop-Fans, Liebhaber elektronischer Musik, Klassikhörer. Frauen und Männer, Jung und Alt, erfahrene Jazzliebhaber und absolute Neulinge fühlten sich gleichermaßen angesprochen.

Kulturell gesehen war das Album bahnbrechend. In einer Zeit, in der Jazz oft als Randphänomen galt, brachte Washington ihn wieder ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. „The Epic“ tauchte in den Jahresrückblicken verschiedener Genres auf, wurde vor ausverkauften Festivalbühnen gespielt und bewies, dass Jazz wieder zu einer Musik mit großer Resonanz in der breiten Masse werden konnte. Es war sowohl eine Wiederbelebung als auch eine Neuerfindung, verwurzelt in der Tradition und doch ganz im Hier und Jetzt.

Auf Vinyl kommt die ganze Größe des Albums noch besser zur Geltung. Das Dreifach-LP-Format verleiht dem Hörerlebnis etwas Rituelles: Eine Seite nach der anderen, jede mit ihrem eigenen Spannungsbogen, jede erfordert Geduld und volle Aufmerksamkeit. Die Wärme der Pressung passt perfekt zu Washingtons Saxophonton, der Resonanz des Chors und der Körperlichkeit des Basses. Das Cover, auf dem Washington als kosmische Silhouette dargestellt ist, unterstreicht den Anspruch der Platte: eine Reise nicht nur durch die Musik, sondern auch durch die Vision.

Was an „The Epic“ nachhaltig beeindruckt, ist seine Großzügigkeit. Washington hätte ein schlankes, ausgefeiltes Debütalbum aufnehmen können. Stattdessen gab er alles – stundenlange Musik, Dutzende von Musikern, ein weitreichendes Bekenntnis zu seiner Überzeugung. Er bewies, dass Jazz nicht nur relevant, sondern auch strahlend sein kann, nicht nur komplex, sondern auch gemeinschaftlich, nicht nur virtuos, sondern auch voller Freude.

Wer sich heute „The Epic“ anhört, taucht in eine Welt der Fülle ein. Die Bläser schwellen an, der Chor erhebt sich, die Trommeln donnern, das Saxophon setzt Akzente. Es ist überwältigend, ja, aber auch beflügelnd. Es erinnert daran, dass Musik großartig sein kann, ohne ausgrenzend zu wirken, dass Ehrgeiz mit Herzlichkeit einhergehen kann und dass Jazz nach wie vor die Luft, die wir atmen, verändern kann.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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