Lee Morgan – The Sidewinder (1964)
Von Rafi Mercer
Es gibt Platten, die sich mit einem Flüstern ankündigen, und es gibt Platten, die mit selbstbewusstem Schwung direkt durch die Tür marschieren. „The Sidewinder“ gehört zur zweiten Kategorie. Setzt man die Nadel auf, taucht man innerhalb von Sekunden in einen Groove ein, der so kraftvoll und unverkennbar ist, dass er seinen Weg von der Blue-Note-Presserei in amerikanische Wohnzimmer, Jukeboxen und sogar in Chrysler-Fernsehwerbespots fand. Für Lee Morgan, einen Trompeter, der gerade erst Mitte zwanzig war, war dies nicht nur ein Album, sondern sein Durchbruch.
Das Album, das an Heiligabend 1963 in einer einzigen Session aufgenommen wurde, strahlt eine ganz besondere Energie aus, die zugleich ungezwungen und historisch anmutet. Man spürt, wie die Musiker – Lee Morgan an der Trompete, Joe Henderson am Tenorsaxophon, Barry Harris am Klavier, Bob Cranshaw am Bass und Billy Higgins am Schlagzeug – spielen, als wäre das Tonbandgerät nur eine Nebensache. Es handelte sich nicht um ein groß angelegtes Projekt, kein sorgfältig ausgearbeitetes Konzeptalbum. Doch als es 1964 erschien, war „The Sidewinder“ bereits zu einem Phänomen geworden, verkaufte sich in einer Auflage, die Blue Note kaum bewältigen konnte, und prägte den Sound des Jazz-Funk für die kommenden Jahre.
Der Titeltrack ist der Grund dafür. „The Sidewinder“ dauert über zehn Minuten – ein sich wiederholendes, lokomotivartiges Blues-Riff, das sich zugleich erdig und schwerelos anfühlt. Billy Higgins legt einen Shuffle hin, der so präzise ist, dass er ewig weiterlaufen könnte, Bob Cranshaw lässt seinen Bass mit Schwung tanzen, und Barry Harris sorgt für eine leichte und prägnante Harmonie. Dann kommt Joe Henderson ins Spiel – trocken, geschmeidig, sein Tenorsaxophon-Ton schlängelt sich um den Beat herum –, bevor Morgan selbst ein Trompetensolo entfaltet, das zu gleichen Teilen aus Präzision und Selbstbewusstsein besteht. Es ist eine Meisterklasse in Sachen Tempo: Der Groove ändert sich nie, doch die Energie steigt und fällt wie die Skyline einer Stadt. Wenn es jemals einen Titel gab, der dafür geschaffen war, einen Raum mitzureißen, in einer Bar Blicke auf sich zu ziehen, ohne sie einzufordern, dann ist es dieser.
Was danach folgte, wird oft übersehen, ist aber ebenso entscheidend. „Totem Pole“ schwingt lockerer, Morgans Trompete setzt sich mit blechbläserscher Wärme durch, während Henderson seine Fähigkeit unter Beweis stellt, die Melodie auch durch enge Passagen zu führen. In „Gary’s Notebook“ glänzt Barry Harris mit seinem knackigen und lyrischen Klavierspiel, das daran erinnert, dass hinter dem Funk-Puls die Sprache des Hard Bop steckt. „Boy, What a Night“ zieht sich in die Länge, ein 7/4-Stück, bei dem Higgins und Cranshaw ihre rhythmischen Muskeln spielen lassen, während die Band an Intensität gewinnt, ohne jemals an Klarheit zu verlieren. Und dann ist da noch „Hocus-Pocus“, verschmitzt und verspielt, das die Platte nicht mit einer Aussage, sondern mit einem Augenzwinkern beendet.
Was „The Sidewinder“ so zeitlos macht, ist nicht nur die Musik selbst, sondern die Ausgewogenheit, die das Album erreicht hat. Es hatte genug Groove, um auch breitere Kreise zu erreichen – DJs, Tänzer, das Radio –, ohne dabei jemals seinen Jazz-Kern aufzugeben. Es war anspruchsvoll, ohne elitär zu sein, gefühlvoll, ohne simpel zu wirken. Für eine ganze Generation von Hörern war dies die Platte, die Jazz zugänglich, lebendig und modern erscheinen ließ. Sie durchbrach die Grenzen des Genres, ohne dessen Geist zu verwässern.
Auf Vinyl versprüht die Platte diese unverkennbare Blue-Note-Kraft. Rudy Van Gelders Toningenieurskunst gibt den Bläsern Raum, sich zu entfalten, während die Rhythmusgruppe straff und kraftvoll bleibt. Die Trompete klingt nicht einfach nur – sie strahlt. Der Bass hat eine fast architektonische Qualität, jede Note ist wie eine Säule, die den Groove stützt. Higgins’ Becken schimmern wie Straßenlaternen auf einer nassen Straße. „The Sidewinder“ auf einer gut abgestimmten Anlage zu hören, bedeutet, Jazz als Raum und Struktur zu erleben – nicht nur als Noten.
Wenn man sie sich heute, sechzig Jahre später, anhört, hat die Platte immer noch die Kraft, die Stimmung im Raum zu verändern. In einer Hörbar fungiert sie als Dreh- und Angelpunkt des Abends: Beginnt man mit ihr, schafft man eine Atmosphäre der Zuversicht und des Selbstbewusstseins; spielt man sie später ein, holt man den Raum zurück, bevor er zu sehr in die Abstraktion abdriftet. Ihr Groove ist zeitlos, doch ihre Details belohnen das tiefste Hinhören. Man kann sich auf sie als Atmosphäre stützen oder in sie als Kunst eintauchen. Nur wenige Platten können beides.
Für Lee Morgan war der Erfolg von „The Sidewinder“ ein zweischneidiges Schwert. Er verschaffte ihm zwar den Ruhm, brachte aber auch die Last der Erwartungen mit sich, da Blue Note bei den nachfolgenden Veröffentlichungen auf weitere Hits im „Sidewinder-Stil“ drängte. Doch seine Kunst ließ sich nicht in eine Schublade stecken. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts nahm er einige der fesselndsten Musikstücke seiner Generation auf, wobei er über festgelegte Formeln hinausging und seine Trompete stets jene Mischung aus Feuer und Lyrik verkörperte. Sein Leben fand 1972 ein tragisches Ende, doch diese Platte bleibt ein leuchtendes Symbol für das, was er hinterlassen hat: einen Klang, der die Körper in Bewegung versetzte und die Ohren öffnete.
In der „Tracks & Tales“-Hörsammlung ist „The Sidewinder“ mehr als nur ein Klassiker – es ist ein Meilenstein. Es steht für den Moment, in dem Hard Bop und Groove frontal aufeinanderprallten, als der Jazz in eine größere Welt vordrang, ohne dabei seinen Kern zu verlieren. Es erinnert daran, dass Musik sowohl populär als auch tiefgründig sein kann, dass Zugänglichkeit und Kunstfertigkeit keine Gegensätze, sondern Partner sind, wenn man sorgfältig mit ihnen umgeht.
Wenn Sie also das nächste Mal den Ton angeben wollen – zu Hause, in einer Bar oder in jedem Raum, in dem der Klang den Abend bestimmt –, greifen Sie zu dieser Platte. Lassen Sie den Shuffle beginnen, lassen Sie die Trompete glänzen und beobachten Sie, wie sich die Stimmung im Raum verändert. Lee Morgan wird den Rest erledigen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.